Der Spion, der keiner war

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Juni 2019 zu finden.

Wie meine Arbeit für eine westliche Organisation in Afghanistan dafür sorgte, dass die Taliban mich entführten.

Ich war mit dem Motorrad auf einer holprigen Landstraße von Sarf nach Scharistan in der Provinz Daikundi unterwegs. Seit sieben Monaten arbeitete ich für das „Afghan Center for Socio-Economic and Opinion Research“ (kurz: ACSOR), welches von den USA und der Europäischen Union gefördert wird. Für diese Organisation führte ich Meinungsumfragen durch. Dabei stellte ich den Leuten Fragen wie: „Sind sie aktuell zufrieden?“, „Können ihre Kinder die Schule besuchen?“ „Wie ist ihre finanzielle Situation?“ oder „Gibt es Probleme mit den Taliban?“ Falls Familien aufgrund von Armut ihre Kinder nicht in die Schule schicken konnten, hat ACSOR finanzielle Unterstützung angeboten. Die Leute haben mir gern geantwortet, waren immer freundlich und ich hatte keinerlei Probleme bei den Interviews. Meistens wurde ich dabei auch auf einen Tee oder sogar zum Essen eingeladen. Diese Gastfreundschaft ist absolut normal bei uns.

An diesem Tag war es der letzte Ort an dem ich Interviews machen sollte. Plötzlich sah ich zwei Männer und deren Motorrad am Straßenrand. Einer hatte kurze Haare und sein Gesicht war unverdeckt, er sah nicht bedrohlich aus. Der andere trug einen Turban, Sonnenbrille und einen Schal, der den Rest seines Gesichtes verhüllte. Der Mann ohne Turban hob den Arm und ich hielt an. Auf diesen Straßen haben die Leute oft Pannen und so dachte ich, dass ich vielleicht helfen könnte. Als ich stoppte, änderte sich die Situation schnell.  Der mit den kurzen Haaren fragte mich sofort, warum ich für ACSOR arbeite. Ich war geschockt und bekam Angst. Er sagte: „Wir haben dir mit dem letzten Brief schon eine Warnung geschickt, also warum hörst du nicht auf für diese Firma zu arbeiten?“

Tatsächlich hatte ich einige Wochen vorher einen Drohbrief erhalten, der von den Taliban unterschrieben war. Allerdings vermutete ich damals, dass irgendjemand einen üblen Scherz machte und ich nahm das Schreiben nicht ernst. Ich antwortete dem Taliban: „Ich wusste nicht, dass es falsch ist für ACSOR zu arbeiten. Ich wollte einfach arbeiten und Geld verdienen!“ Ihm schien die Antwort zu genügen und sie ließen mich gehen, als ich versprach mit diesem Job aufzuhören. Tatsächlich habe ich kurz danach gekündigt.

Mein Mitarbeiterausweis als ich für ACSOR arbeitete..

Zehn Tage nach diesem Vorfall brachte ich mit meinem Motorrad meinen Vater zu meiner Tante nach Sarf. Dieses Dorf ist von den Taliban kontrolliert. Kein Polizist oder anderer Vertreter der afghanischen Regierung traut sich in diese Gegend. Hier herrscht das Gesetz der Taliban. Als ich auf dem Rückweg nach Hause war stellte sich mir ein Transporter mit verdunkelten Scheiben an einer Kreuzung in den Weg. Ich bremste stark und hielt direkt davor. Mehrere Männer sprangen heraus und zerrten mich in den Wagen, fesselten mich und verbanden mir die Augen. Mehrmals wiederholte ich: „Was macht ihr, ich arbeite nicht mehr für ACSOR. Warum macht ihr das?“ Sie antworteten nur: „Halt dein Mund. Du bist ein Spion!“

Nachdem sie die Augenbinde entfernten, sah ich, dass sie mich in einen kleinen leeren dunklen Raum gebracht hatten. Dort hielten sie mich dreißig Minuten fest. Dann betrat ein anderer Taliban, wahrscheinlich deren Chef, den Raum und fragte mich: „Was weißt du alles über uns? Welche Leute werden von ACSOR unterstützt, wer arbeitet noch für sie? Nenn uns Namen!“ Ich sagte, dass ich keine Namen kennen würde.

Ungefähr eine Woche wurde ich in diesem Verließ gefangen gehalten. Ich bekam gerade so viel Essen, dass ich nicht verhungerte. Immer wieder wurde ich verhört und geschlagen. Doch ich kannte keine Hintermänner von ACSOR oder Spione, die sie suchten. Meine beiden Kollegen, die auch Umfragen machten, wollte ich nicht verraten. Dennoch wurde einer von ihnen später von den Taliban entführt. Der Vater dieses Jungen warf mir das immer wieder vor. Er dachte, ich hätte ihn an die Taliban verraten, was nicht stimmte. Nur weil mein Vater die Dorfältesten in Sarf kannte, welche wiederum Kontakt zu den Taliban hatten, wurde ich gegen Lösegeld freigelassen.

Nach der Entführung sagte mein Vater, dass ich Afghanistan verlassen muss, da es einfach zu gefährlich für mich ist. Schließlich konnte er mich nicht immer wieder freikaufen oder garantieren, dass ich die nächste Entführung überlebe. Ich blieb über einen Monat zuhause und konnte mich kaum bewegen, weil mein Körper so geschwächt war. Am 26. August 2015 macht ich mich auf den Weg meine Heimat zu verlassen.

Trotz Ausweitung der Konflikte gibt es mehr Abschiebungen nach Afghanistan

Am 25. August 2016 also fast genau ein Jahr nach dem Beginn meiner Flucht durfte ich mein Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Chemnitz geben. Einen Monat später bekam ich die Ablehnung des Bundesamtes und sollte Deutschland verlassen. Im Bescheid stand: Meine Geschichte wäre nicht glaubwürdig und außerdem wäre in Afghanistan mein Leben nicht bedroht. Also klagte ich gegen diese Entscheidung. In den nächsten Monaten ließ ich mir dann alle Dokumente und meinen Mitarbeiterausweis von ACSOR, den meine Familie zum Glück aufgehoben hatte, zuschicken. Im April 2018 hatte ich mein B1-Sprachniveau erreicht. Danach habe ich einige Monate für eine der vielen Zeitarbeitsfirmen in Chemnitz als Produktionshelfer gearbeitet. Als ich mir später auf dem Weg zur Arbeit die Hand brach, wurde ich leider gekündigt. Ich strengte mich an und trotzdem lief vieles schief.

Dann die Erlösung: Am 11. April 2019 wurde mir doch noch die Flüchtlingseigenschaft vom Verwaltungsgericht Chemnitz zuerkannt. Ich kann nicht beschreiben, wie glücklich und erleichtert ich war. Mehr als drei Jahre des Wartens und Hoffens hatten sich gelohnt.

Hätte ich in meine Heimat zurück gehen müssen, würden mich die Taliban sicher umbringen wollen.

Heute gibt es immer mehr Abschiebungen nach Afghanistan. Diese sind für jeden gefährlich, denn der Krieg weitet sich aus und selbst Städte wie Kabul werden dauernd angegriffen. Außerdem gelten Rückkehrer für die Taliban auch wieder als Spione und werden zur Zielscheibe. Ich bin daher sehr froh, dass ich meine Zukunft hier planen kann. Ich habe meinen Integrationskurs beendet und wieder für eine Zeitarbeitsfirma gearbeitet. Jetzt mache ich eine Maßnahme, die mich auf meine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker vorbereitet, welche im August beginnt. Genau wie ein neues Leben für mich – ohne Krieg und ohne Angst entführt zu werden.

Zahlen und Fakten zu Afghanistan[1]

Fläche: 650.000 km2 (ungefähr doppelte Fläche Deutschlands)

Einwohner: ca. 36 Millionen

Amtssprachen: Dari und Paschtu

Ethnien: Paschtunen, Hazara; Turkmenen; Tadschiken; Usbeken; Belutschen u.a. Gruppierungen

Religion: Islam (ca. 85% Schiiten und 15% Sunniten)

Präsident: Aschraf Ghani (seit 2014)

Währung: Afghani (1 Afghani = 0,01 Euro)

Einkommen: 491 Euro pro Person pro Jahr


[1] Daten vom CIA World Fact Book, Online unter: https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/af.html

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