Aus dem Feuer des Krieges in die Hände der Organmafia

Dieser Artikel ist in der August/September-Ausgabe zu finden.

Sabri Aljazim ist heute 34 Jahre alt und leidet immer noch unter den Folgen der Flucht. Er begegnete auf seiner einjährigen Flucht einer Mafia, die mit Organen handelte. Sie versuchten ihn und seine Gruppe umzubringen, um deren Organe zu verkaufen. Ich versuche euch näher zu erklären, wieviel Kraft und Geld ihn diese Reise gekostet hat, die im Jahr 2014 begann.

 Kannst du uns erzählen warum du geflüchtet bist und was du auf diesem Weg erlebt hast?

Was ich erlebt habe, war wirklich schwierig und schmerzhaft. Und wäre es nicht Gottes Wille, wäre ich heute nicht unter den Lebenden. Syrien habe ich verlassen, wegen meiner gesundheitlichen Lage. Ich wollte nach Deutschland, weil dort ein Teil meiner Familie in Hamburg wohnt. Ich floh zunächst für zwei Tage nach Izmir in die Türkei. Für 5000 Euro wurde ich auf einem Kreuzfahrtschiff nach Griechenland gebracht. Wir waren 16 Leute, eine gemischte Gruppe von Frauen, Männern und Kindern. Ich blieb ein Jahr in Griechenland.

Ein ganzes Jahr in Griechenland?

Ja, es hat mich 26.000 Euro gekostet, allein für Essen und Unterkunft. Wir haben oft versucht aus Griechenland zu fliehen, doch wurden immer erwischt und über die Grenze zurückgebracht. Ich kann gar nicht aufzählen wie oft uns die Schmuggler belogen und betrogen haben. Einmal kam ein irakisch-kurdischer Schmuggler in Athen zu uns. Er versprach, dass er einen LKW organisieren kann, der uns nach Italien und dann nach Deutschland bringt. Wir haben uns schon gefreut. Für die Reise müsste er uns einzeln nach Italien bringen. Dort sollten wir uns in einem Haus sammeln. Nachdem er bereits drei Leute abgeholt hatte, war ich an der Reihe. Sechs Uhr morgens holte er mich ab und brachte mich in eine Region, die umgeben von dichten Wäldern war. Dort gab es ein verlassenes Haus. Sobald ich aus dem Auto raus war, legte mir jemand ein Messer an den Hals. Dann wurde ich an Armen und Beinen gefesselt. Sie drohten mir, mich umzubringen. Damit keiner nach mir sucht, sollte ich zunächst meine Familie anrufen und sagen, dass ich mein Handy jetzt ausmache. Dann nahmen sie mein Handy, mein Geld und warfen mich in ein Zimmer. Dort waren bereits vier andere Leute. Wir mussten dort vier Tage ohne Essen aushalten, weil sie uns sagten, dass unsere Organe vom restlichen Essen befreit werden sollte. Im Zimmer waren chirurgisches Besteck und eine Kühltruhe. Wir wussten, dass wir von der Organmafia festgehalten werden. Sie sagten, dass wir uns voneinander verabschieden sollten. Wir weinten wie kleine Kinder.

Menschen ohne Schutz werden auf der Flucht schnell zur Beute von mafiösen Strukturen.

Wurden noch mehr Menschen entführt?  

Insgesamt waren es zehn Entführte. Wir waren nackt und aneinander gefesselt. Unter uns war auch ein Palästinenser namens Abu Tarek. Er forderte uns auf zu beten. Wir haben also gebetet. Dann mahnte uns Abu Tarek nicht aufzugeben und wir sollen alles versuchen dieser Mafia zu entkommen. Jeder versuchte also alles zu tun, um seine Fesseln zu lösen. Einer schaffte es tatsächlich, und befreite uns sofort. Abu Tarek zwang uns bis zum letzten Atemzug zu kämpfen, um zu überleben. Wir warteten solange bis einige Mitglieder der Mafia Essen holten. Dann stifteten wir etwas Chaos und brüllten herum. Dann kam einer der Entführer in unseren Raum und wir attackierten ihn. Wir rannten aus dem Raum und schrien weiter. Dann griffen uns der Rest der Mafia sofort an, aber wir haben weiter geschrien und alles um uns herum kaputt gemacht. Einer von uns wurde dabei verletzt. Sein Name war Lukman und er kam aus Pakistan. Sie stachen ihm mit dem Messer in den Rücken. Der Rest von uns konnte das Haus schnell verlassen und rief auf Englisch nach der Polizei. Tatsächlich haben uns zwei junge Menschen auf der Straße gesehen und riefen die Polizei an. Nach wenigen Minuten kamen dreizehn Motorräder sowie drei Motorräder der Polizei und sieben Krankenwagen. Auch die Presse kam kurz darauf. Einer der Angreifer wurde bereits seit sechs Monaten gesucht. Ihm wird Mord und Organhandel vorgeworfen. Später fand die Polizei viele Personalausweise und Kleidungsstücke von Syrern und Irakern. Am nächsten Tag wurden wir frei gelassen. Viele Medien haben darüber berichtet. Ich wurde paranoid und hatte Angst mit Menschen zu sprechen. Vier Monate später habe ich mich mit einer Gruppe mit Frauen und Männern auf den Weg gemacht. Ich hatte wieder mehr Selbstvertrauen, weil mein Onkel dabei war. Wir wollten gemeinsam über die Grenze durch einen sehr dichten Wald. Dabei mussten wir über einen Fluss. Eine schwangere Frau aus Äthiopien fiel in den Fluss und wurde von der Strömung mitgerissen. Sie schrie fürchterlich.

An welchem Ort ist das Geschehen?

Hinter der Grenze von Griechenland, in Albanien. Ich sprang der Frau hinterher und rannte im flachen Teil des Flusses hinterher. Doch meine Kräfte waren am Ende. Nach einigen Metern war ich wie paralysiert und fiel vor Schwäche in den Fluss. Ich hatte einige Tage davor nichts gegessen und wenig geschlafen. Ich forderte meine Gruppe auf die Polizei anzurufen, weil ich dachte, dass ich sterben werde. Die Polizei kam und brachte uns wieder nach Griechenland zurück. Kurze Zeit später war mir alles egal und ich fuhr mit einem weiteren Schmuggler nach Italien. Dieses Mal hatten wir Glück und es war eine ruhige Fahrt. Die UN hatte Nachsicht mit meiner gesundheitlichen Situation. Mein Knie war so kaputt, dass ich kaum noch laufen konnte. Mit vier anderen kranken Personen teilte uns die UN mit, dass sie uns unterstützen nach Deutschland zu kommen. Sie kontaktierten ein Familienmitglied, welches mich in Italien abholte. Jetzt bin ich bereits fünf Jahre in Deutschland, spreche die Sprache, habe einen Job und bin mit einer Deutschen verheiratet. Wir leben in Liebe und Frieden.

Was sagst du zu Leuten, die heute ohne Visum über die Grenze kommen wollen und von einem Leben in Europa träumen?

Sie müssen sich vor Betrügern und Organhändlern in Acht nehmen. Ich sage ihnen aus meiner Erfahrung: seid vorsichtig! Denkt nicht darüber nach illegal auszuwandern. Diese Sache kostet euch viel. Es hat mich meine Gesundheit, mein Ersparnisse und fast mein Leben gekostet.

Sabri Aljazim hat sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut und kämpft trotzdem mit den Folgen seiner Flucht.

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