Ein erweitertes Wohnzimmer: Das Cafè Zaman auf dem Sonnenberg

Dieser Artikel ist in der August/September-Ausgabe zu finden.

Auf der Sonnenstraße gibt es seit Mai ein Cafè, dass leckere Getränke und Kuchen anbietet. Es ist aber vor allem eine sympathische Einladung zum Entspannen, Kennenlernen und Unterhalten. Alles nach dem Motto: Gemütlichkeit über Profit.

Von außen eher kalte Bürofassade macht sich direkt nach dem Betreten des Cafès warme Freundlichkeit breit. Arabische Deko-Elemente mischen sich mit modernen Sitzmöbeln und bilden einen einladendes Ambiente. Besitzer Mahmoud, der seit sechs Jahren in Deutschland lebt, hat die Dekoration im Laden mit einem Freund zum Großteil selbst gebaut: „Als ich nach Chemnitz kam, vermisste ich einfach ein Cafè, in dem Menschen zusammen Zeit verbringen, lesen und relaxen. Und nicht nur gestresst schnell auf einen Kaffee vorbeikommen.“

Mahmoud Abuhashish lädt alle Alters- und Kulturgruppen ins “Zaman” ein.

Dieses Gefühl eines offenen Miteinanders und des aktiven Straßenlebens aus seiner Heimat Gaza-Stadt, versucht Mahmoud nun nach Chemnitz zu transportieren. Mahmoud dazu: „Ich möchte gern, dass alle Kulturen und alle Altersschichten in meinem Laden zusammen und ins Gespräch kommen. Genauso kann aber auch ein Student mit seinem Laptop vorbeikommen, um hier in entspannter Atmossphäre zu lernen.“ Dafür gibt es arabischen Kaffee mit Kardamon, diverse Teesorten oder einen frischen O-Saft.

Mitten in unser Gespräch platzt plötzlich ein älterer Herr. Er scheint Mahmoud zu kennen und setzt sich zu uns auf die Couch. Herr Schramm ist 87 Jahre alt und wohnt fast sein gesamtes Leben auf dem Sonnenberg. „Dieser Laden ist wie meine Familie. Ich habe zwar Schmerzen beim Laufen, aber komme jeden Tag für einen frisch gepressten Orangensaft vorbei. Ansonsten würde ich das Haus gar nicht mehr verlassen.“

Herr Schramm scheint sehr froh darüber, dass das Zaman existiert. Dann berichtet er davon, dass er im zweiten Weltkrieg zwei Mal fast von Bomben getötet wurde. „Das war alles Wahnsinn. Leute, die heute Hakenkreuze sprühen wissen nicht wovon sie sprechen. So viele Söhne, so viele Väter sind gefallen. So etwas darf nie wieder passieren!“, erklärt Schramm. Auch die Verfolgung der Juden hat Herr Schramm noch im Gedächtnis. Auf der Straße der Nationen habe er einmal beobachtet wie ein jüdischer Junge von mehreren Jugendlichen verprügelt wurde. „Dann kam ein Passant, der dem Jungen helfen wollte. Dafür wurde er dann verhaftet. Wer helfen wollte, wurde zum Täter gemacht. Das Unrecht war zu dieser Zeit Gesetz.“

Damit hat das Zaman in diesem Moment sein Ziel absolut erreicht. Ohne das Cafè hätte ich Herr Schramm nie getroffen, nicht den Geschichten der älteren Generation zugehört und ihr würdet diese Zeilen nicht lesen.

Schreibe einen Kommentar