Immer wieder sonntags – Ein Chor aus Eritrea in der Lutherkirche

Viele Dinge, die Geflüchtete in Chemnitz selbst organisieren, geraten nicht in die Öffentlichkeit. Die Geschichte von Yonas Sereke und seiner Gemeinde ist ein Beispiel.

Dieser Artikel ist in der Juli-Ausgabe zu finden.

Hallo Yonas, kannst du kurz erzählen woher du kommst?

Ich komme aus einem kleinen Dorf in Eritrea. Es heißt Dersaney und dort leben ungefähr zweihundert Menschen. Es ist sehr schön dort, aber auch sehr heiß. So heiß, dass alle Läden nachmittags geschlossen haben.

Wieso hast du deine Heimat verlassen?

Als ich meine Abschlussprüfungen machen sollte, bekam ich ein Magengeschwür und wurde im Krankenhaus operiert. Danach fühlte ich mich zu schwach und wollte das Schuljahr wiederholen. Der Geheimdienst dachte, dass ich die Schule abbrechen wollte, um zu fliehen. Deshalb wurde ich verhaftet. Ich wurde ca. einen Monat verhört. Als wir abends auf den Hof des Gefängnisses durften, um auf Toilette zu gehen, sind wir geflohen. Die Wärter haben angefangen zu schießen, ich denke sie haben in die Luft geschossen, denn es wurde niemand von uns getroffen. Danach wollte ich nur noch weg aus Eritrea, denn ich hatte Angst, dass sie mich lange gefangen halten und ich zum Militärdienst müsste.

Warum wolltest du nicht zum Militärdienst?

Viele Leute werden dort gefoltert und müssen ihr ganzes Leben bei der Armee bleiben. Ich habe es selbst bei meinem Vater gesehen. Er war Soldat und durfte nur einmal im Jahr zu seiner Familie. Viele verstecken sich deshalb vor dem Militär. Das wollte ich nicht. Mein Bruder versteckt sich und ich weiß, dass er viel Stress hat. Das ist kein normales Leben.

Wie waren deine ersten Monate in Deutschland?

Wir wurden kurz nach der Ankunft in ein Heim nach Drebach gebracht. Dort hatten wir keinen Kontakt zu Deutschen. Wir haben eigentlich nur gewartet, dass wir unser Interview beim Bamf (Anm. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) machen können. Einige Monate später durfte ich mit vier anderen Männern in einer Wohnung in Annaberg-Buchholz wohnen. Dort war es sehr schön. Das war eine gute Zeit.

Viele Menschen denken, dass es besonders in kleinen Orten in Sachsen sehr schwer für Flüchtlinge ist. Warum war es bei dir nicht der Fall?

Viele Menschen in Annaberg haben uns sehr geholfen. Ich bedanke mich besonders bei Familie Lange, die ich auch jetzt noch besuche. Sie waren so freundlich zu uns, dass ich sie als Teil meiner Familie sehe. Auch in unserem Haus waren die deutschen Nachbarn sehr freundlich. Sie haben uns direkt gefragt, ob wir Hilfe brauchen. Mit einigen haben wir sogar abends zusammen gegessen. Das war sehr lustig, weil wir alle möglichen Sprachen benutzt haben, um uns zu unterhalten. Dort hatten wir das erste Mal Deutschunterricht und sogar eine Nachhilfe. Außerdem hatten wir viel Kontakt zu Deutschen im Jugendzentrum „Meisterhaus“. So konnte ich in kurzer Zeit sehr schnell Deutsch lernen.

Klingt so, als ging es dir dort sehr gut. Trotzdem wolltest du dann Chemnitz?

Ja, denn ich habe gedacht: in einer großen Stadt hat jeder große Chancen. Hier gibt es mehr Angebote in der Freizeit und auch mehr Jobs. Ich möchte nach meinem B-2 Sprachkurs eine Ausbildung anfangen. Deswegen bin ich nach Chemnitz gegangen.

Und hier kam dann auch die Idee mit dem Kirchenchor?

Nein, das war nicht meine Idee. Unsere Gemeinde gab es schon vorher. Sie trafen sich immer in einer katholischen Kirche im Zentrum. Dort sind wir auch heute noch einmal im Monat. Aber wir haben eine Kirche gesucht, wo wir jeden Sonntag hinkonnten. Da ich schon gut deutsch gesprochen habe, habe ich geholfen eine zu finden.

Chor von Yonas in orthodoxer Tracht

War das schwierig und wie bist du dabei auf die Lutherkirche gekommen?  

Ich habe meinen Sozialarbeiter beim Flüchtlingsrat gefragt, ob er mir helfen kann. Er hat dann einen Termin beim Pfarrer der Lutherkirch-Gemeinde gemacht. Der war sehr überrascht, weil ich ohne Dolmetscher kam. Aber der Pfarrer war sehr freundlich und einige Wochen später durften wir jeden Sonntag in die Lutherkirche. Dafür möchte ich mich hier nochmal bedanken.

Wieviel Menschen kommen jeden Sonntag zu diesen Treffen?

Das ist unterschiedlich, aber ungefähr 40-50 Personen. Wenn es besondere Feiertage gibt, waren auch schon 150 Menschen aus ganz Sachsen dort. Jetzt gibt es aber auch eine orthodoxe Gemeinde in Zwickau, deswegen sind wir etwas weniger geworden.

Wenn ich mir eure Treffen vorstelle: Wie läuft eine orthodoxe Messe ab?

Zuerst versammeln wir uns und beten zusammen. Dann hält der Pfarrer eine Predigt, bevor wir zusammen singen. Am Ende wird selbst gebackenes Brot gebrochen und geteilt. Manchmal kommen andere Chemnitzer*innen in die Kirche und setzen sich dazu. Einige haben auch schon den Chor fotografiert.

Ist das bei solchen religiösen Ritualen nicht eher unerwünscht?

Das ist gar kein Problem für uns. Unsere Gemeinde ist offen für alle. Wenn jemand Fragen an uns hat, erklären wir gern alles. Auf der Zschopauer Straße in der Kirche ist jeder willkommen.

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