Meine Geschichte, Kapitel 2: Aus der Hölle Richtung Horizont

Dieser Artikel ist in der Juli-Ausgabe zu finden.

Nach einigen Tagen erreichte der Wagen Agades, eine Grenzstadt von Niger zu Libyen. Dort wurden wir auf einem großen Parkplatz abgeladen. Ich konnte genau sehen, wie die Araber dem afrikanischen Fahrer des Wagens eine große Summe Geld für jeden der Gefangenen bezahlten. Dieser bedankte sich und fuhr davon – sein Auftrag war erledigt. Bald darauf kamen andere Autos, aus denen wiederum Araber ausstiegen. Die Gefangenen wurden mit Namen aufgerufen und gezwungen, in die Autos derjenigen einzusteigen, die sie gekauft hatten. Ich fragte den Fahrer auf Englisch, ob er uns nicht freilassen könne – er verbot mir weiter zu sprechen.

In der libyschen Wüste sind Flüchtlinge den Sklaventreibern ausgeliefert

Willkommen in Libyen

Wir stoppten bei einem großen Komplex von Gebäuden. Alle gekauften Sklaven wurden in einen Raum mit vergitterten Fenstern in der ersten Etage gebracht. Dort fanden wir noch mehr Menschen, die schon längere Zeit dort waren und weinten, als sie uns sahen. Zwei Monate sollten wir dort verbringen. Nach der ersten Nacht in dem überfüllten Raum kam der arabische Chef der Organisation in den Raum und erklärte den Neuen, was sie hier zu tun hätten. Er rechnete jedem genau vor, wieviel Geld er für ihn bezahlt hatte und wieviel er jetzt für seine Freilassung verlangte. Natürlich war der zweite Betrag viel höher als der Erste. Den geforderten Geldbetrag gab er in drei Währungen an, in denen bezahlte werden konnte: in Dollar, in Dinar (der libyschen Währung) und in der Währung des Heimatlandes des Gefangenen. Der Betrag, den mein Bruder und ich bezahlen sollten, betrug 600 Dollar. Außerdem erhielten wir fünf Dinar, mit denen wir etwa zwei bis drei Minuten telefonieren konnten. Wir sollten damit Familie oder Freunde kontaktieren, die das Lösegeld an eine bestimmte Bankverbindung überweisen sollten. Für die Beschaffung der Summe hätten die Gefangenen eine Woche Zeit, sagte der arabische Chef.

Die Gefangenen, die schon länger da seien, würden ihnen schon erzählen, was sonst mit ihnen geschehen würde. Ich rief Claude an, der versprach, seinen Onkel in Libyen von der Dringlichkeit der Situation zu überzeugen und dann das Geld zu überweisen. Wer nicht bezahlen konnte, wurde jede Nacht von den Wärtern mit Stöcken geschlagen, bis er blutend am Boden lag. Am Ende traten die Wärter noch mit ihren Stiefeln auf den Gefangenen ein, meistens ins Gesicht.

Wir durften den Raum nicht verlassen und so wurde uns das Essen – meistens Mehl in Wasser gekocht – einfach in den Raum gestellt. Es waren drei große Schüsseln für fast hundert Menschen. Meist gingen mein Bruder und ich beim Kampf um das Essen leer aus. Den Bewachern war es völlig egal, ob ihre Gefangenen lebten oder starben. Neben den bewaffneten Arabern, die die Gefangenen drangsalierten, gab es auch einen Afrikaner namens Ibrahim, der mit ihnen zusammen folterte. Er sprach Englisch und übersetzte, da die Araber zum Großteil kein Englisch sprachen. Auch er kannte kein Mitleid.

Nach sechs Tagen sollte ich verprügelt werden, da mein 12-jähriger Bruder zu jung war. Dies fand zur Abschreckung aller Gefangenen im selben Raum statt. Die Gefangenen mussten sich an die Wände setzen, während der Betroffene in der Mitte des Raumes geschlagen wurde. Mein Bruder Maada musste zusehen und weinte, während ich blutig und bewusstlos geschlagen wurde. Am siebten Tag traf das Geld ein und die Bewacher entschuldigten ihr Verhalten am Tag zuvor damit, dass das Geld zu spät gekommen sei. Wir hofften nun auf die Freilassung. Aber wie allen anderen wurde uns gesagt, dass die Straßen zu schlecht seien. Zwei Monate später im Frühjahr sollten wir in die Hauptstadt Tripolis gebracht werden.

Die Tage und Nächte dieser Zeit waren lang und die Folter willkürlich. Die Frauen wurden meist abends geholt, als Sexsklavinnen missbraucht und erst am Morgen zurückgebracht. Die Gefangenen hatten nur einen Trost und das war ihr Glaube. Jeden Abend, bevor sie sich zum Schlafen zusammenrollten, sangen und beteten sie, um ihre Hoffnung am Leben zu halten.

Schließlich kam der Tag, an dem Maada und ich mit einem Auto nach Tripolis gefahren wurden. Claudes Onkel erklärte uns, er habe sehr viel Geld für uns bezahlt, welches wir jetzt wieder abarbeiten müssen. Er war im Baugewerbe tätig. Da ich keine Erfahrung in diesem Bereich hatte, schleppte ich Säcke mit Sand oder Zement und mischte Mörtel. Bis März 2016 arbeitete ich jeden Tag, sodass ich nicht nur die Schulden bezahlte, sondern auch noch etwas angespart hatte.

Bloß weg von hier

Mein Bruder verließ das Haus kaum, da die Gefahr einer Entführung einfach zu groß war. Allerdings wurde ich noch im gleichen Monat auf der Straße festgehalten und erpresst. Claudes Onkel konnte den geforderten Betrag mit meinem gesparten Geld zahlen, ohne dass wir neue Schulden machten. Daraufhin beschlossen wir erstmals, nach Europa zu gehen – wir hatten das libysche System satt. Ich sagte Claudes Onkel, wir sind nach Libyen gekommen, um uns ein neues Leben aufzubauen, was aber unter diesen Umständen nicht möglich sei. Schusswechsel, Entführungen und Sklavenhandel waren an der Tagesordnung und niemand sicher. Claudes Onkel nickte und gab uns noch etwas Geld für die Überfahrt. Damit ging ich zu einem Schleuser. Er erklärte mir, ich und mein Bruder sollen an einem Strandabschnitt warten. Erst wenn die Wetterverhältnisse richtig seien, könnten die Boote ablegen

Nach einem Monat des Wartens, in der Nacht vom 11. auf den 12. April 2016, wurde uns gesagt, dass wir in das Boot einsteigen sollten, das uns zum weiter draußen liegenden Schlauchboot bringen wird. Frauen, kleine Kinder und Schwangere sollten zuerst an Bord. Unter ihnen war auch mein Bruder. Plötzlich tauchte ein Motorboot auf und begann wahllos auf die Menschen zu schießen. Die Angreifer waren auch Libyer, sie schossen auf alles und jeden. Im Chaos rannten alle wild umher, bis die arabischen Bewacher am Strand schließlich zurückschossen und die Angreifer vertrieben. Ich bekam Panik, denn Maada war während des Angriffs vom Boot ins Wasser gesprungen, um nicht getroffen zu werden, obwohl er nicht schwimmen konnte. Maada paddelte also hilflos im Wasser und versuchte sich über Wasser zu halten. Ich flehte einen Bewacher an, meinen Bruder zu retten, da ich auch nicht schwimmen kann. Der Bewacher schrie nur auf Arabisch und prügelte mich auf das Boot. Wir legten ab und unser Boot entfernte sich, während mein Bruder ertrank. Ich konnte nichts tun. Dies war am Morgen des 12. April 2016, an meinem 17. Geburtstag.

Mittelmeerküste in Tripolis, Libyen

Nach vier oder fünf Stunden wurde unser Schlauchboot von einem größeren Rettungsschiff gesichtet. Dieses versuchte die Flüchtlinge schon von weitem über Durchsagen zu beruhigen. Die Besatzung holte uns dann an Bord und gab uns Rettungswesten. Die Helfer an Bord trugen orangefarbene Overalls, versuchten zu trösten und versorgten manche medizinisch. An Bord dieses Rettungsschiffes wurden wir nach Italien gebracht.

Nachdem wir dort ankamen, wurden einige von uns am selben Tag in ein Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in die Kleinstadt Porto San Giorgo transportiert. Dort lebte ich vom 13. April bis Dezember 2016. Es gab keine Chance auf Schule, einen Sprachkurs oder die Chance einen Asylantrag zu stellen. Andere Jungen, die schon länger da waren, sagten dass noch niemand je zur Schule hatten gehen dürfen. Dennoch gab ich mir sehr viel Mühe, mithilfe von YouTube Tutorials und Gesprächen mit Sozialarbeitern, Italienisch zu lernen. Aber meine Chance auf legalen Aufenthalt oder den Schulbesuch lagen bei Null. Ich musste das Land verlassen. Viele Leute sprachen davon, dass nur Deutschland oder Schweden Flüchtlingen in Europa eine Chance gäben. Eine Sozialarbeiterin namens Verusca gab mir 50 Euro, mit denen ich im Dezember 2016 nach Mailand reiste. Dort hatte ich das große Glück einen älteren Deutschen namens Phillip zu treffen. Er machte dort Urlaub und gab mir ebenfalls 50 Euro für die Weiterreise. Damit fuhr ich von Mailand in die Schweiz. Ich schlief mehrere Tage an Bahnhöfen, schließlich hatte ich kein Geld mehr für weitere Tickets. Schwarzfahren war die einzige Option. Als mich dann Kontrolleure erwischten, erklärte ich ihnen meine Situation. Eine Frau verfolgte unsere Diskussion und gab mir das restliche Geld für die Weiterfahrt. So fuhr ich bis Freiburg und meldete mich bei der Polizei. Kurz danach brachten sie mich in ein Heim für minderjährige Flüchtlinge.

Leben in Deutschland

Im Januar 2017 wurde ich von Freiburg nach Mittelsachsen gebracht. Bis zu meinem 18. Geburtstag am 12. April 2017 konnte ich in Freiberg bleiben. Während dieser Zeit durfte ich etwa einen Monat lang einen Deutschkurs besuchen. Dann wurde mir aber mitgeteilt, dass ich jetzt nicht mehr zum Deutschkurs darf, da ich volljährig bin. Vom 12. April an lebte ich etwa einen Monat in einer Großunterkunft in Chemnitz. Wieder versuchte ich durch YouTube- Tutorials Deutsch zu lernen. In Chemnitz erzählte ich einer Ärztin, die Flüchtlinge medizinisch betreute, von meinen noch unbehandelten Schmerzen im Rücken. Sie sagte, dass es auch Heime gebe, wo ich medizinisch besser behandelt werden könnte. Sie setzte sich für meinen Transfer ein, sodass ich nach etwa einem Monat nach Rossau verlegt wurde. Die Lage in Rossau sah anders aus: Es war ein improvisiertes Zeltlager, in welchem alle auf Feldbetten schliefen. Ich konnte mich nicht mal umdrehen beim Schlafen, was sehr schlecht für meinen Rücken war, sodass ich kaum schlafen konnte. In Rossau blieb ich einige Monate.

Michael im Trikot seines aktuellen Vereins in Chemnitz

Als ich für drei Monate auf einem Bauernhof in Frankenberg arbeitete fuhr ich jeden Tag mit dem Fahrrad von Rossau nach Hainichen und dann mit dem Zug nach Frankenberg. Dort lernte ich Alex kennen, dessen Vater Trainer bei einem Fußballverein in Euba war. Ich bin ihnen bis heute dankbar, dass ich wieder bei einem Verein spielen kann. Ich liebe diesen Sport, denn im Fussball ist immer alles möglich, egal ob du als Außenseiter oder Tabellenerster anfängst. Entscheidend ist deine Einstellung. Ich glaube immer daran zu gewinnen und kämpfe für das Team. Diese Einstellung habe ich überall und werde niemals aufgeben. Egal was passiert.

(Erste Teil des Artikels erschien in Horizont 06/19)

1 Kommentar

  • Das entschuldigt aber alles deine eigene Gewaltätigkeit nicht. Auch wenn man es verstehen kann, du musst einen anderen Weg finden.

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