Rechtsextremer Angriff auf einen Rollstuhlfahrer

In den letzten Wochen wurde in den lokalen und überregionalen Medien und den sozialen Netzwerken viel über den Überfall am 14. September 2019 auf einen jungen Libyer in Chemnitz berichtet. Dabei kam es zu einigen Irrtümern in der Darstellung des Vorfalls. Wir führten daher ein Interview mit dem Betroffenen, um ihn selbst sprechen zu lassen.

Herr Al-Shaibi, möchten Sie sich kurz vorstellen und etwas zu ihrer Person erzählen?

Mein Name ist Najd Al-Shaibi, ich komme aus Libyen und bin 30 Jahre alt. Ich wurde während der libyschen Revolution verletzt, insbesondere als Tripolis vom Gaddafi-Regime befreit wurde. Ich wurde mit einer Kugel in der Wirbelsäule und von einer anderen in der Hand getroffen. Deshalb bin ich heute gelähmt. Ich habe für vier in Jahre Spanien gelebt – wegen der Behandlung. Dann wurde meine Behandlung gestoppt. Aber wegen der schlechten Situation und des Krieges in Libyen, konnte ich nicht zurück. Viele Flughäfen waren auch zerstört. Weil ich in Spanien obdachlos und unbehandelt gewesen wäre, sagten meine Freunde, ich müsse nach Deutschland. Vor allem, weil die Ärzte in Spanien gesagt haben, dass ich immer noch eine besondere medizinische Behandlung benötige.

Wann sind sie in Deutschland angekommen?

Anfang 2015. Ich bin zuerst in Berlin angekommen, habe dort einen Asylantrag gestellt. Blieb zwei Tage dort und habe meine Papiere und Pässe abgegeben. Danach wurde ich nach Chemnitz umverteilt. Ich wurde in die Erstaufnahmeeinrichtung gebracht und blieb dort für ungefähr 4 Monate. Dann lebte ich in einem Heim in Siegmar. Ich muss zugeben, dass ich sehr einsam war, da niemand aus meiner Familie mit mir zusammenlebte.

Kannst du bitte uns etwas über den Vorfall erzählen?

Es war Samstag um 23 Uhr, als ich den Müll wegwerfen wollte. Nachdem ich ihn weggeworfen hatte, zündete ich mir eine Zigarette an, ging zur Tür des Gebäudes und beobachtete eine Gruppe, die im Garten gegenüber meinem Gebäude saß, zwei junge Deutsche und zwei Mädchen im Alter von 19 Jahren, von denen ich keines kenne. In weniger als einer Minute sah ich einen jungen Mann auf mich zukommen und sein Freund versuchte ihn zu fangen, aber er konnte es nicht und er sagte zu mir „Komm hier her!“ Plötzlich schlug er mir sehr stark auf meine Brust und trat auf mich ein. Ich fiel vom Rollstuhl und wann immer ich versuchte auf meinen Platz zurückzukehren, schlug er mich. Wieder schrie ich und sagte ihm, dass er bitte aufhören soll, aber er kümmerte sich nicht um meine Schreie. Ich wehrte mich mit einer Flasche. Während der Freund aus Angst vor der Flasche den Angreifer aufhalten wollte, traf die Flasche seine Hand. Dann schrien die beiden Mädchen aus Angst um den Begleiter des Angreifers, als wäre ich kein Mensch, der von ihrem Bekannten gnadenlos geschlagen wird. Als hätten sie kein Mitleid mit mir und meiner Situation.

Danach gingen sein Begleiter und die Mädchen und ließen mich allein mit dem Angreifer. In diesem Moment hielt die Straßenbahn an und eine Person kam von ihm herunter und näherte sich ihm und ich forderte ihn auf aufzuhören und mir zu helfen.  Ich rief: „Bringt mich näher an die Tür, an das Gebäude, wo ich wohne!“. Eine Bewohnerin im Haus hatte alles beobachtet und schon die Polizei angerufen. Als diese kam, war ich in einem Zustand – voll mit Blut, Schmerz und Angst. Sie brachten mich ins Krankenhaus und der Täter wurde verhaftet. Nach der Behandlung kam ich nach Hause und war so traurig. Ich kann einfach nicht glauben, was mir passiert ist.

Frau Ergieg im Gespräch mit Herr Al-Shaibi in dessen Wohnung.

Und wie sieht es nach dem Vorfall aus?

Die Polizei setzt ihre Ermittlungen fort. Sie haben meine Aussagen aufgenommen und Zeugen befragt, die alles miterlebten. Sie hörten auch, dass er während der Schläge sagte, dass ich ein dreckiger Araber sei. Während ich ihm sagte, dass er ein Nazi ist, der meine Gesundheit gefährdet und dass ich ein Mensch bin, der ein Rollstuhlfahrer ist. Ich kann nicht bestreiten, dass sich meine psychische Situation nach dem Vorfall sehr verschlechtert hat. Ich habe große Angst und bin seit diesem Tag nicht mehr allein unterwegs oder draußen.

Haben sie noch letzte Worte am Ende des Gespräches?

Ich möchte einen gerechten Richter, der in meinem Fall das Recht sprechen lässt. Ich möchte nichts anderes als das Gesetz. Ich kenne den Täter nicht persönlich und will auch nichts von ihm. Es war Pech, dass ich ihn kennenlernte. Meine Schreie und meine Behinderung haben ihn nicht interessiert.

Ich bitte die Behörden von Chemnitz auch, sich um meine Gesundheit zu kümmern und meine gesundheitlichen Anforderungen zu erfüllen. Ich habe ein Jahr in dieser Wohnung verbracht und mein Rollstuhl ist defekt, es gibt keinen Badezimmerstuhl und andere Dinge, die für mich im Alltag notwendig sind.

Alles gute Ihnen und vielen Dank für das Interview!

In diesem Artikel müssen wir ehrlich anmerken, dass es einige Deutsche gibt, die Flüchtlinge ablehnen und ihre Anwesenheit als ungerechtfertigt betrachten. Es gibt aber ebenso Personen, die alles für eine gute Behandlung der Flüchtlinge tun und sie unterstützen.

Diese Spaltung spiegelt sich auch in diesem Vorfall. So ist die Geschichte von Herr Al-Shaibi mittlerweile auch die Geschichte von Frau Andrea Kunz, die wir durch das Interview kennenlernten.Die aus Siegmar stammende Frau ist sehr engagiert und unterstützt ihn im Alltag wo sie kann – trotz Berufstätigkeit. Frau Kunz: „Da ich meist ab 4 Uhr beruflich unterwegs bin, kümmere ich mich nachmittags ein wenig um den Haushalt von Najd. Gerade bei Dingen, die er allein nicht schaffen würde.“ Kennengelernt haben sich beide durch Zufall an einer Bushaltestelle in der Nähe des Asylbewerberheims in Siegmar, wo Najd vorher wohnte.

„Er ist im Alter meines Sohnes und machte auf mich einen einsamen Eindruck.“, erklärt Frau Kunz. Trotz Sprachschwierigkeiten ist eine Freundschaft entstanden, in der sie große Teile ihrer Freizeit nutzt, um Herr Al-Shaibi im Alltag zu unterstützen. Über den Vorfall ist sie empört: „Was an dem Abend mit ihm passiert ist, ist das Allerletzte. Najd kann sich nicht wehren. Für mich ist auch der Alkohol keine Entschuldigung, für solch eine Tat gibt es gar keine Entschuldigung.“ Frau Kunz bestätigt, dass er seitdem starke Angst hat, dass Haus zu verlassen. Sie hilft ihm aber weiter und versucht ihn zu ermutigen.

Ihr Einsatz beweist, dass Menschen, die einmal Kontakt zu Geflüchteten aufgenommen haben und deren Hintergründe kennen, ein ganz anderes Verhältnis zu den Menschen aufbauen. Ein Angebot für die Pflege von Herr Al-Shaibi Lohn zu erhalten, hat Sie übrigens bereits ausgeschlagen: „Niemals würde ich für diese Hilfe Geld nehmen wollen. Ich mache das aus Überzeugung!“

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