Vom Mathelehrer zum Terroristen

Nach dem versuchten Militärputsch im Jahr 2016 wurden in der Türkei viele Menschen verhaftet. Auch ich wurde verurteilt und müsste bei einer Rückkehr ins Gefängnis.

Dieser Artikel ist in der August/September-Ausgabe zu finden.

Ich bin 32 Jahre alt und in Kahramanmaraş geboren. Mein Heimatstadt liegt im Süden der Türkei. Im Jahr 2002 habe ich nach meinem Abitur begonnen, ein Institut für Nachhilfe zu besuchen. Dieses Institut war kostenlos und wurde von der Hizmet-Bewegung (auch Gülen-Bewegung genannt) finanziert. Hier wurde ich auf mein Studium zum Lehrer vorbereitet. Ohne diese kostenlose Hilfe hätte ich keine Chance auf einen Studienplatz gehabt.

Für mein Studium in Erzurum habe ich hart gekämpft

Im Jahr 2008 fing ich an, als Mathelehrer zu arbeiten und konnte immer etwas Geld sparen. Aus diesem Grund eröffnete ich ein Sparkonto bei der Asya Bank. Jeden Monat zahlte ich meine Ersparnisse auf dieses Konto ein.

Ich mag es Menschen zu helfen. So war ich neben der Arbeit Mitglied in einem Verein namens Kimse Yok Mu, der armen Schülern im Ausland half und diese unterstützte. Ich übernahm über den Verein zwei Patenschaften für Schüler in Kamerun. Von meinem gesparten Geld (circa 6000 US-Dollar) konnte über den Verein sogar ein Brunnen im Süden Kameruns gebaut werden. Später wurde ich dann auch Sekretär des Vereins. Auch der Verein war der Gülen-Bewegung nahe und wurde im Juli 2016 verboten.

Wir organisierten auch Mathewettbewerbe für Schüler und setzten uns für berufliche Solidarität unter den Lehrern ein. Dadurch interessierte ich mich auch für die Aktif-Eğitim-Sen-Gewerkschaft und wurde Mitglied. In der Türkei durfte man als Beamter kein Mitglied einer Partei sein. Sobald jemand in einer Gewerkschaft tätig ist, wird dies in der Türkei aber auch als politische Aktivität gesehen. Schließlich kann die Gewerkschaft mit ihrer Aktivität die Regierung kritisieren.

Damals abonnierte ich eine Zeitung, die Zaman hieß. Sie war damals die größte Tageszeitung in der Türkei. Heute gibt es sie nicht mehr, weil sie ebenfalls verboten wurde. Wenn Leute jetzt ein einziges Zeitungsblatt zu Hause oder bei sich haben, wird dies als Beweis für Terrorismus gesehen.

Von 2015 bis 2016 habe ich in Istanbul als Lehrer gearbeitet.

Am 01. September 2016 wurde ich suspendiert. Dies passierte mit Hilfe eines Beschlusses der Minister nach dem versuchten Militärputsch am 15. Juli 2016. Er erlaubte es Angestellte des Staats direkt zu kündigen, wenn sie verdächtigt wurden am Putsch beteiligt zu sein. Zunächst waren es vor allem Polizisten und Lehrer, die suspendiert wurden. 15.000 Namen von Lehrern und Beamten  standen in einer Zeitung der Regierung – auch mein Name war dabei.

Ein Teil der Gesellschaft hat uns danach gehasst. Der Druck, den das Volk auf uns ausgeübt hatte, war zu groß. Wir wurden wie Terroristen behandelt, obwohl wir keine Straftat begangen hatten. Wir konnten an jedem Ort und zu jeder Zeit angegriffen werden. Deswegen bin ich zwei Monate lang nicht rausgegangen. Ich war immer zu Hause. Nach der Suspendierung begann der Prozess zu laufen. Es waren insgesamt acht Anklagepunkte: 1. Mein Konto bei der Asya Bank; 2. meine Zugehörigkeit beim Nachhilfeinstitut; 3. mein Zeitungs-Abo bei Zaman; 4. meine Auslandsbesuche; 5. der Kontakt zur Hizmet-Bewegung; 6. der Kontakt zur Gewerkschaft; 7. meine Mitgliedschaft beim Verein Kimse Yok Mu und 8. das Herunterladen einer App namens “By Lock”. Dies ist eine Messenger-App aus dem Google-Playstore, die ich benutzt habe, um mich mit Freunden zu verabreden. Im Mai 2018 forderte der Staatsanwalt in einer Verhandlung sechs Jahre und drei Monate Haft wegen Beihilfe zum Putsch und Terrorismus. Ich wusste, dass ich bei der nächsten Verhandlung verhaftet werden würde, also verließ ich das Land.  Denn ich hatte nichts illegales getan.

Ich habe Kontakt zur Hizmet-Bewegung gehabt, weil sie sich viel gegen die Spaltung der Menschen, für den Dialog und die Bildung der Armen einsetzte. Als ich Nachhilfe bekam, brauchte ich diese zur Vorbereitung auf das Studium. Die Zaman-Zeitung war sehr beliebt und ließ gerade in ihren letzten Jahren auch Stimmen zu, die die Hizmet-Bewegung kritisierten. Die Anhänger Gülens haben sicher einige Fehler gemacht. So gab es zum Beispiel politische Unterstützung Erdogans von 2002 bis 2010, die sehr einseitig war. Dennoch ist es falsch, dass wir jetzt alle als Terroristen bezeichnet werden und unsere Heimat verlassen müssen.

Ich bin sehr froh über die Chance, in Chemnitz bald wieder als Lehrer arbeiten zu können.

Aktuell lebe ich in der Nähe von Chemnitz und hospitiere an einer Privatschule in der Stadt. In ungefähr sechs Monaten kann ich dann endlich wieder Mathematik unterrichten. Über meine neue Situation in Deutschland bin ich sehr glücklich. Hier kann ich frei leben und jeder begegnet mir mit Respekt. Ich mag auch Chemnitz, denn hier habe ich viele Deutsche kennegelernt, die sehr freundlich waren und mir geholfen haben. Mittlerweile habe ich viele Kontakte hier zu Vereinen, bei denen ich ehrenamtlich mithelfe. In der Zukunft möchte ich in der Stadt bleiben und einfach wieder an einer Schule lehren.

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