Vom Putsch bis zum Angriff auf Rojava

Ich spreche als ehemaliger türkischer Soldat aus meiner Perspektive über den Verlauf des Militärputsches 2016. Außerdem will ich erklären, weshalb der Angriff auf Nordsyrien eine schlechte Idee ist. – Die Karrikaturen des Artikels stammen von Gökhan Bozkurt.

Ich habe zwischen 2008 und 2016 in einer Spezial-Abteilung der türkischen Armee gearbeitet. Während ich gearbeitet habe, war ich ein erfolgreicher Soldat. Am 13. Juli 2016 beendete ich meinen Dienst, kehrte nach Ankara zurück und hatte Urlaub. Meine Frau und ich hatten den Plan am Wochenende eine andere Stadt zu besuchen. Aber wir konnten nicht mehr fahren, denn es kam zum Putsch. Am 15. Juli 2016 hat mein Kommandant angerufen und mir gesagt, dass es einen neuen Auftrag für mich gibt. Ich folgte dem Befehl und fuhr zu einer anderen Militärbasis. In dieser Basis waren bereits andere Soldaten. Keiner kannte das Ziel des Auftrages. Alle Soldaten haben gedacht, dass das ein normaler Einsatz wird und wussten nicht, dass ein Militärputsch vorbereitet wurde.  Der Kommandant dieses Camps hat uns gesagt, dass wir sofort zu einer anderen Militärbasis fahren müssen.

Noch vor dem Stützpunkt haben uns viele Polizisten aufgehalten und auf uns geschossen. Wir konnten nicht verstehen, warum das passierte. Wir hielten, weil wir niemandem schaden wollten. Wir wollten mit den Polizisten sprechen und erklärten, dass wir einen Einsatz haben. Die Polizisten antworteten: „Wir töten euch, wenn ihr von hier nicht verschwindet!“ Also kehrten wir zum anderen Stützpunkt zurück, bevor alles eskalierte. Als ich dann die Nachrichten im Internet über den Militärputsch gelesen hatte, wollte ich meine Einheit sofort verlassen. Aber die Situation war schwierig. Ich hörte Schüsse draußen und wir wussten, dass Menschen in Uniformen als Putschisten betrachtet wurden. In dieser Nacht verwundeten Zivilisten viele Soldaten und töteten sie sogar. Wären wir nach draußen gegangen, hätten sie vielleicht auch uns getötet. Wir haben dann bis zum nächsten Morgen gewartet.

Am Morgen umzingelten dann andere Soldaten unseren Stützpunkt. Unser Glück: mit einem Hubschrauber wurden wir in andere Militärbasis geflogen und entkamen. Kurz nach der Landung bombardierte ein Kampfflugzeug die Landebahn. In der Zwischenzeit waren wir wieder von anderen Soldaten umgeben. Der einzige Weg für mich: die Flucht. Ich ließ meine Waffe in der Militärbasis und lief vor den anderen Soldaten davon. Kurz nachdem den Stützpunkte verlassen hatte, hörte ich Schüsse, aber drehte mich nicht um und rannte weiter.

Ich bin in das nächste Dorf gegangen und fand auf einer Baustelle Zivilkleidung, welche ich gegen meine Uniform tauschte. Ein Autofahrer hat mich als Anhalter mitgenommen, um mich in die nächste Stadt zu fahren. Er hielt mich für einen Bauarbeiter. Es gab überall Polizeikontrollen, aber auch die Polizei glaubte ich sei ein Bauarbeiter und ließ mich in Ruhe. Ich konnte mich nicht ergeben, weil ich noch an die getöteten Soldaten dachte und nicht sterben wollte. Ich warf mein Handy weg, weil sie mich darüber finden konnten. Weil die Polizei zu uns kommen könnte, ging ich nicht nach Hause. Also war ich eine Weile bei einem Freund zu Hause und konnte meiner Familie nicht sagen wo ich bin. Meine Familie verbrachte zwei Monate, ohne zu wissen, ob ich lebte oder nicht. Da meine Familie nichts von mir hörte, haben sie in dieser Zeit viele Krankenhäuser und auch Polizeistationen angerufen, um nach mir zu fragen.

Es war eine schwere Zeit für meine Familie und mich. Zwei Monate später konnte ich meine Frau endlich erreichen und danach begannen sie und ich, uns gemeinsam zu verstecken. Ich versteckte mich ungefähr zwei Jahre lang mit meiner Frau, dabei konnte ich die Wohnung nur ein paar Mal verlassen, weil die Polizei mich immer noch suchte. Meine Frau ging nur nach draußen, um unser Essen vom Markt einzukaufen. Nach fast zwei Jahren haben meine Frau und ich aufgrund der Situation in der Türkei bescheiden, nach Deutschland zu gehen. Wir sind nach Deutschland illegal gekommen, weil wir nicht mehr über den normalen Weg unsere Heimat verlassen konnten.

Warum ist mir das passiert?

Die Polizei hat vom 17. bis zum 25. Dezember 2013 eine großen Einsatz gegen Korruption in der Türkei durchgeführt. Bei dieser Operation wurden Diebstähle und Korruption von vielen AKP-Mitgliedern, Tayyip Erdogan und seiner Familie aufgedeckt. Obwohl viele AKP-Anhänger weiterhin Erdogan vertrauten, begann die Partei Stimmen zu verlieren. Aufgrund des Einsatzes 2013 verloren viele Polizisten und Staatsanwälte ihre Arbeit oder sie wurden in andere Städte versetzt. Um Erdogans Position nicht zu gefährden, musste er sämtliche Opposition beseitigen. In Polizei und Justiz war er dabei erfolgreich. Als Hindernis für Erdogan ist damals nur die türkische Armee geblieben.

In der türkischen Armee gibt es jedoch Gruppen mit unterschiedlichen Meinungen. Einige Soldaten haben die Idee, die Nato zu unterstützen. Eine andere Gruppe unterstützt das Denken der russischen Regierung. Eine anderer Teil wiederum unterstützt nur Erdogan. Ich war ein Soldat, der die Demokratie verteidigte und die Freiheit der Gedanken respektierte. Auch ich bin gegen alle Formen des Terrorismus. Ich bin ein Soldat, der sein Land liebt und meine Probleme hängen nur mit der aktuellen Regierung zusammen.

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 wurde eine Terrororganisation von der Regierung erfunden und tausende unschuldige Menschen (Zivilisten und Soldaten) inhaftiert. Tausende von Menschen wurde der Reisepass ohne Grund entzogen und die Ausreise ins Ausland verboten. Warum das alles? Weil viele dieser Leute gegen Tayyip Erdogan sind und für seine Regierung gefährlich waren. Jetzt bin ich ein „Terrorist“, wie Tausende anderer Menschen in der Türkei, weil ich gesagt habe was die AKP falsch gemacht hat.

Militäroperationen in Syrien

Dies ist ein weiterer Grund für den 15. Juli 2016. Erdogan und seine Regierung wollten auf syrischem Territorium eine militärische Operation durchführen. Aber einige Befehlshaber der türkischen Armee verhinderten dies. Erdogan wollte diese militärische Operation, um seine Macht zu schützen und auszubauen. Denn während eines Krieges schließen sich die Menschen zusammen. Erdogan würde als starker Herrscher gesehen und die AKP würde keine Stimmen verlieren. Aber Erdogan konnte diesen Krieg nicht allein durchsetzen. Der Präsident stimmte mit den Pro-russischen Soldaten in der türkischen Armee. Er entließ die Pro-NATO Soldaten und begründete dies mit dem Putsch-Versuch. Dies funktionierte und nach dem 15. Juli 2016 war der Weg zur Diktatur frei. Mit jeder Militäraktion in Syrien gewann die AKP mehr Stimmen.

Ich denke, dass die “Barış Pınarı“-Operation (Anm. aktuelle Angriff in Nordsyrien Operation) eine dieser Operationen. Mit dieser Operation in Syrien plant Erdogan, die verschlechterte Lage der Wirtschaft der Türkei vor dem Volk zu verbergen. Vielleicht bereitet er sich mit dieser Operationen auf eine Neuwahl vor. Aber diesmal hat es nicht funktioniert. Amerika, als er ankündigte, Sanktionen gegen die Türkei, trat Erdogan einen Schritt zurück. Weil America Erdogan drohte, sein Vermögen offenzulegen. Erdogan konnte die syrische Operation nicht fortsetzen, weil der Amerikaner bei dieser Bedrohung Stimmen verlieren wird. Auch die Reaktion der ganzen Welt hat diese Operation behindert. Die Syrer und die syrischen Bürger in der Türkei ist eigentlich nicht wichtig für Erdogan. Er könnte weiterhin Blut zu seinem eigenen Wohl vergießen. Aber er stoppte die syrische Operation für seine eigenen Interessen.

Ich denke, die syrischen Operationen sind ein großer Fehler, dies hat viele Gründe:

1. Derzeit gibt es in Syrien Militär aus den USA, Russland, dem Iran, der verschiedenen Rebellen und natürlich das Assad-Regime. Konflikte mit diesen Mächten, könnten den Krieg weiter eskalieren lassen.

2. Die Türkei kann jetzt zum Feind vom Assad-Regime werden, welches von Russland und dem Iran unterstützt wird. Dies kann zu größeren Kriegen in der Zukunft führen.

3. Wegen der Kooperation mit der freien syrischen Armee, die fast die ganze Welt als Terroristen bezeichnet, kann ganze Welt denken, dass die Türkei einen Kontakt mit einer terroristischen Organisation.

4. Eine solche Operation wird den Kurden und anderen syrischen Bürgern schaden.

Und als Ergebnis

Durch all diese Punkte kann es noch mehr Krieg und mehr zivile Opfer geben. Auch für viele syrische Flüchtlinge in der Türkei wird es schwer, da diese aus der Türkei nach Nordsyrien abgeschoben werden sollen. Jeder Diktator tritt aus dem Volk hervor und beginnt nach dem Machterhalt sein Volk zu verfolgen, weil er immer weniger Gegner und mehr Macht will. Um der Diktatur absolute Macht zu geben, werden Szenarien erfunden, um klare Feindbilder zu schaffen. So wie Hitler ein Feuer im Reichstag brauchte, hat Tayyip Erdogan einen Militärputsch gebraucht. Tayyip Erdogan und seine Anhänger konnten den Militärputsch und alle Beteiligten niederschlagen. Eine imaginäre Terrororganisation wurde ins Leben gerufen. Jeder, der gegen Erdogan war, wurde zum Terroristen erklärt. Viele Türken glaubten an diese Lüge und erklärten selbst ihre Verwandten zu Terroristen. Dank dieses „Theaterputsches“ und neuer Militäreinsätze konnte er sich als „starker Mann“ präsentieren und der Weg zur präsidialen Diktatur ist frei. Das Erdogan-Regime hat all dies getan, um dem eigenen Sumpf der Korruption zu entkommen und sämtliche Opposition zum Schweigen zu bringen.

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