„Wir müssen immer wieder lernen, ohne Angst verschieden zu sein!“

Welche Rolle spielen christliche Werte heute? Steht Sachsen vor einer „Islamisierung“? Wir haben darüber mit Albrecht Engelmann gesprochen. Er ist Ausländerbeauftragter der evangelischen Landeskirche Sachsen.

Guten Tag Herr Engelmann, vielleicht könnten Sie uns zu Beginn erklären, welche Aufgaben Ihre Tätigkeit als Ausländerbeauftragter der evang. Landeskirche umfasst?

Der Titel „Ausländerbeauftragter“ ist sprachlich etwas veraltet. Er gibt gleichwohl immer wieder eine Anregung, über Inhalte der Arbeit zu sprechen. Mein Arbeitsbereich ist gegliedert in 3 Themensäulen: Migration, Flüchtlingsschutz, Interkulturelle Verständigung. Deutschland ist ein Einwanderungsland, was leider in unserer Gesellschaft noch nicht von allen realisiert wird. Die damit einhergehenden Fragen betreffen natürlich auch die Kirche. Das Spektrum ist breit. In meiner Arbeit geht es darum, alle Bereiche kirchlicher Arbeit bei der Auseinandersetzung mit den Themen zu unterstützen. Beispielhaft kann ich hier nennen: die Beratung und Förderung von kirchgemeindlichen Projekten, Bereitstellen von Informationen und Arbeitsmaterial, Vermittlung von Expertenwissen, Vernetzung innerhalb der Kirche und mit Nichtregierungsorganisationen der Zivilgesellschaft, Vertretung gegenüber staatlichen Stellen, Mitarbeit in Beiräten usw.

Albrecht Engelmann setzt sich für ein friedliches Miteinander ein.

In der Diskussion um das Kirchenasyl werden zunehmend Stimmen lauter, die dieses gänzlich abschaffen wollen. Wäre ein generelles Grundrecht auf Migration, wie von einigen Kirchenvertretern gefordert, sinnvoller?

Kirchenasyl ist ein kleiner, aber besonderer Teil kirchlicher Migrationsarbeit. Mit einem Kirchenasyl treten Kirchgemeinden für Menschen ein, denen durch eine Abschiebung Gefahren für Leib, Leben oder Freiheit drohen. Kirchenasyl ist ein letzter legitimer Versuch einer Kirchgemeinde, durch zeitlich befristeten Schutz eine unmittelbar drohende Abschiebung der betroffenen Menschen abzuwenden. Dadurch kann erneut eine Überprüfung ihres Schutzbegehrens möglich werden bzw. eine geordnete Weiterwanderung zu ermöglichen.

Dass das Kirchenasyl in der Kritik steht, liegt in der Natur der Sache. Die Kirche wird aber daran festhalten, denn es geht in diesen besonderen Fällen immer um die grundgesetzlich verankerte Rechte auf Schutz der Menschen­würde, der Freiheit und der körperlichen Unversehrtheit.

Ihre Frage nach dem individuellen Grundrecht auf Migration ist durch Artikel 13 Absatz 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) geklärt. Dort heißt es: „Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land, einschließlich sein eigenes, zu verlassen sowie in sein Land zurückzukehren.“ Zum Asylrecht sagt die AEMR in Art. 14 (1): „Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“ Dies bedeutet aber nicht die Abschaffung nationaler Grenzen. Jeder Staat regelt für sich die Zugangsmöglichkeiten zu seinem Territorium.

Wie entgegnen Sie Menschen, die das christliche Abendland vor einer „drohenden Islamisierung“ beschützen wollen?

Die Erzählung von einer angeblichen Bedrohung durch Islamisierung ist meiner Meinung nach der Ausdruck der Schwierigkeit, mit der Vielfalt einer offenen, freiheitlichen Gesellschaft zu Recht zu kommen. Da wird u.a. auch die Vielfalt der Religionen angesprochen. Es ist wohl so, dass wir es immer wieder lernen müssen, ohne Angst verschieden zu sein.

Sie setzen sich in der Öffentlichkeit lautstark für Geflüchtete ein, erhalten Sie dafür auch negative Resonanz?

Der Einsatz für Geflüchtete ist, genauso wie das Engagement für unsere Einwanderungsgesellschaft, nicht unumstritten. Mir kommt es darauf an, die Komplexität der Sachverhalte aufzuschlüsseln und sachlich zu diskutieren. Zuallererst braucht es da informierten Meinungsstreit, bei dem beiderseitig „Aha-Erlebnisse“ nicht ausbleiben.

Die gesellschaftliche Spaltung in Sachsen schreitet in den letzten Jahren bedrohlich voran. Kann die Kirche hier eine Vermittlerrolle spielen oder tut sie dies bereits?

Auch die Kirche ist in der Verantwortung für unsere Gesellschaft. Die Landessynode hat z.B. im November 2017 ein „Wort der Ermutigung zu Klarheit und Offenheit“ an die Gemeinden gerichtet. Dort heißt es zum Beispiel: „(…) Die Landessynode fordert die Christinnen und Christen auf, überall dort sichtbar und hörbar Haltung zu zeigen, wo Menschen Unrecht geschieht im Sinne von Diffamierung, Verletzung der Menschenwürde oder gar Gewaltanwendung. (…) Unsere Kirchen bieten den Raum für differenzierte respektvolle Debatten, in denen unterschiedliche Meinungen offen gesagt und unvoreingenommen gehört werden (…)“ Das gilt es zu praktizieren!

Kann die evangelische Landeskirche eventuell noch mehr zum Dialog zwischen den Religionen beitragen oder geschieht dies bereits?

In den Kirchgemeinden gibt es je nach den regionalen Gegebenheiten Kontakte, Begegnungen und Gespräche mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit. Ein schönes Beispiel ist die Verständigung zum Dresdener „Wort der Religionen“ anlässlich des Tages der Deutschen Einheit 2016, das im Internet nachzulesen ist. (Anm. im Text wird besonders der Schutz der Religionsfreiheit gefordert. Nachzulesen unter: www.dresdner-wort.de)

Um an die gestrandeten Flüchtlinge auf der Insel Lesbos zu erinnern, installierte Arabella Dorman dieses Kunstwerk in der Kathedrale von Canterbury.

Welche politische Entscheidung (auf europäisch oder deutscher Ebene) würden Sie sich wünschen, um die Lage von Schutzsuchenden zu verbessern?

Im Bereich Flüchtlingsschutz braucht es dringend sichere und legale Fluchtwege nach Europa, sowie eine menschenwürdige Aufnahme und faire Asylverfahren. Unsere Einwanderungsgesellschaft muss sich ein klares Verständnis von Menschenrechten erarbeiten. Wenn wir davon ausgehen – und das sollte unbestritten sein, dass Menschenrechte universell, unveräußerlich und unteilbar sind und sich gegenseitig bedingen, wächst daraus die Verantwortung aller, für ihre Wirksamkeit einzutreten. Dazu braucht es dreierlei:

  1. das Wissen um die Gültigkeit der Menschenrechte für jeden Einzelnen (dies sollte auch dazu führen, dass Geflüchtete aus menschenrechtlich kritischen Herkunftsregionen erkennen, dass sie Rechte haben);
  2. die Fähigkeit, Instrumente zur Durchsetzung zu handhaben (z.B. in Bezug auf Diskriminierung und Rassismus) und in Selbstwirksamkeit stark zu sein; und
  3. individuelle, positive Einstellungen bei Jeder und Jedem zu Menschenwürde, Vielfalt, Gerechtigkeit und Solidarität.

Um dies zu erlangen, sollte die Ausweitung von Menschenrechtsbildung in allen Bereichen der Gesellschaft vorangetrieben werden, weil es für uns alle gut ist, wenn Menschenrechte gelten und wirken.

Vielen Dank für das Interview.

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