Ein Kind, dass im Krieg aufwuchs – Teil 1

Der afghanische Autor dieses Artikels lebt seit einem halben Jahr in Chemnitz. Schon früh wurde er Opfer eines Bombenanschlags. In diesem ersten Kapitel stellt er zunächst die Region seiner Heimat vor.

Eines Tages wurde in der nähe der Stadt Adraskan im Bezirk Herat in Afghanistan ein Kind geboren. Herat, das ist die Stadt, die im fünfzehnten Jahrhundert einst Hauptstadt des zentralasiatischen Timuridenreiches war. Eine Stadt, die eine lange Liste von Eroberern und Besatzern hat. Dies hat viel mit ihrer attraktiven Lage entlang der Seidenstraße zwischen Europa und Asien zu tun. Die Zitadelle der Stadt (Qala Ikhtyaruddin) und die berühmte Freitagsmoschee (Masjid Jame) – geschmückt mit leuchtend blauen Minaretten – wurden zum Vorbild für öffentliche Gebäude in vielen muslimischen Städten.

Es war eine Stadt, die viele Gelehrte anzog und die für ihr gutes Bildungssystem bekannt war. Eine Stadt, in der auch Fakhruddin Razi lebte. Er war ein Theologe und Philosoph, der Bücher über Medizin, Physik, Astronomie, Literatur, Geschichte und das Recht schrieb. Seine beiden berühmten Werke mit den Titeln „Östliche Studien in Metaphysik und Physik“ (Mabāhith al-mashriqiyya fī ‘ilm al-ilāhiyyāt wa-‘l-tabi’iyyāt) und „Die höheren Fragen“ (al-Matālib al-‘Aliya) werden gewöhnlich als seine wichtigsten philosophischen Werke angesehen.

Ein weitere Berühmtheit ist Abdullah Ansari (mit vollem Namen: Abu Ismaïl Abdullah al-Herawi al-Ansari). Er war eine der herausragenden Persönlichkeiten in der Region Khorasan des 11. Jahrhunderts. Neben der Kommentierung des Korans, war er als Polemiker und spiritueller Meister bekannt für seine rednerischen und poetischen Fähigkeiten in Arabisch und Persisch. Er lebte wie viele weitere dieser Gelehrten, viele Jahre in Herat.

Es gibt jedoch auch eine andere Seite dieses wunderschönen Ortes, die voller Dunkelheit und trauriger Geschichten ist. Ein Teil der Geschichte liegt erst wenige Jahrzehnte zurück, als die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte. In den zehn Jahren ihrer Besetzung wurde fast alles in der Region zerstört.  war die Zeit, als Afghanistan mitten im Bürgerkrieg versank. Es war die Zeit, in der die Dunkelheit keine Grenzen kannte, weil Brüder ihre Brüder und Nachbarn ihre Nachbarn töteten. Niemand wusste genau: wer tut was und vor allem warum? Alle waren damit beschäftigt zu kämpfen, ohne zu wissen wofür.

Die Zitadelle des Alexander (Qala Ikhtyaruddin) im Zentrum von Herat in Afghanistan.  Viele Königreiche haben sie in den letzten zweitausend Jahren als Hauptquartier genutzt. Foto: Farzad Samimi

Es war fast zwei Jahre vergangen, nachdem das russische Militär von den Mudschaheddin besiegt wurde und Afghanistan im Februar 1989 verlassen hat.  Wiederum zwei Jahre später wurde der Junge, der diesen Artikel schreibt, geboren. Dies In vielen Nationen wäre dies die Zeit den Sieg zu feiern. In Afghanistan gab es dafür keinen Grund. Es war ein Neubeginn eines größeren Krieges, der Tausende von Menschen tötete und Hunderttausende von Menschen aus ihren Häusern vertrieben hat. Die Mudschaheddin und verschiedene Parteien bekämpften sich in einem weiteren Bürgerkrieg untereinander – die Anarchie herrschte. Tausende von unschuldigen Kindern, jungen Männern und Frauen verloren durch die Bombenexplosionen, Schüsse und Landminen Körperteile oder ihr Leben.

Doch eine Besserung der Lage war nicht abzusehen. Denn 1996 übernahm ein grausames Regime die Macht –  die Taliban. Das dunkelste Kapitel, dass das afghanische Volk jemals erlebte. Ein Regime, das die Menschen in vollem Umfang unterdrückt hat und die grundlegenden Menschenrechte verweigerte. Ein Regime, das das Bildungssystem zerstört hat, indem es der Hälfte unseres Volkes (unseren Schwestern, Freundinnen, Müttern und Ehefrauen) den Zugang zur Grundbildung verwehrt hat. Sie brachten Angst in jedes Haus und wurden für viele zu einem Alptraum. Ein Regime, das gegen das Glück und den Frieden der Menschen war. Ein Regime, das alle Medien und das Fernsehen verbot. Sie hatten den Leitsatz: “Regieren, indem man die Menschen blind hält”. Stellen Sie sich vor, sie leben in einem Ort, in dem die Bildung am wenigsten Bedeutung hat.

Und genau hier gab es diesen kleinen Jungen, der von etwas Besserem als diesem Leben träumte. Er wollte einfach eine schöne Kindheit, wie sie jedes Kind verdient. Er wollte eine Welt, in der er und seine Freunde ohne Angst zur Schule gehen können und in der er keine Albträume mehr vor diesen menschlichen Tieren hat. Eine Welt, in der er und andere mit einer Art von Sicherheit friedlich leben konnten. Er war zwar schon alt genug, um zur Schule zu gehen, aber der Schulbesuch war immer noch ein Traum. Er wusste bereits, dass er zur Schule gehen muss, aber welche Schule? Wer wird ihn zur Schule bringen? Nein, sowohl Vater als auch Mutter hatten kein Interesse. Sie hatten nie die Möglichkeit selbst zur Schule zu gehen. Sie verstanden den größeren Wert von Bildung nicht. Sie bitten das Kind nur, es möge Geld nach Hause bringen. Für sie bedeutet das Leben nur das Überleben im Jetzt. “Zukunft” ist für sie ein seltsames Wort. Wer denkt schon an Zukunft, wenn das einzige was zählt, das Essen ist? Die Armut ist in ihrer höchsten Form.

Textfeld: Seit Jahrzehnten befindet sich Afghanistan im Kriegszustand.  				               Foto: Wikilmages
Seit Jahrzehnten ist Afghanistan im Kriegszustand. Foto: Wikilmages

Die Zeit vergeht einige Jahre auf diese Weise – bis der 11. September 2001 kam und die Welt sich veränderte. Afghanistan geriet erneut in den Fokus. Es war die Zeit, als die USA und ihre Verbündeten begannen, im Kampf gegen den Terrorismus auch unschuldige Menschen zu bombardieren. Es war eine Zeit, in der die Menschen gemischte Gefühle hatten. Eine Seite wollte dieses unterdrückende Regime loswerden und die andere Seite hatte Angst vor einem neuen Krieg. Ein kam ein weiterer Krieg, von dem die Menschen nicht wissen, wie lange er noch dauern wird…

Der Fortsetzung der Geschichte Afghanistans und der damit verknüpften Biografie des Autors erscheint in der nächsten Ausgabe.

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