Freiheit gewonnen – Glück verloren

Ich komme aus der Türkei, bin Vater von drei Kindern und habe als Lehrer gearbeitet. Zwei meiner Kinder sind schwer behindert. Meine Familie wohnt in der Türkei, in der Stadt Antalya.

Als ich auf dem Gymnasium war, lernte ich die Hizmet-Bewegung kennen. Die Ideen von Fethullah Gülen, der zurzeit im Exil in den USA lebt, haben mir sehr gefallen. Der Einsatz für Bildung und Menschenrechte sowie die klare Trennung von Staat und Religion haben mich motiviert ihr beizutreten. Im Anschluss an mein Abitur habe ich in Aserbaidschan Türkische Literatur studiert. Nach dem Studium begann ich dort in einer Schule, die zur Hizmet-Bewegung gehört, als Türkischlehrer zu arbeiten. Fünf Jahre habe war ich dort tätig.

Dann zog ich nach Kirgisistan um und arbeitete in diesem Land drei Jahre – ebenfalls als Türkischlehrer. Damals waren die Lebensbedingungen in Aserbaidschan und in Kirgisistan sehr schwierig. Folglich waren viele Schüler auf das Stipendium von der Hizmet-Bewegung angewiesen, um zu studieren. Deswegen haben wir, ich und meine Kollegen, Hilfs- und Spendenaktionen organisiert, um diesen Schülern eine gute Bildung zu ermöglichen. Ich habe mich immer gefreut, wenn wir die Menschen dadurch sehr glücklich gemacht haben. Danach kehrte ich in die Türkei zurück und arbeitete zehn Jahre lang als Lehrer in Izmir.

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 wurde unsere Schule und das Nachhilfeinstitut durch das Dekret der damaligen Regierung geschlossen. Deshalb haben meine Frau, die auch Lehrerin ist, und ich unsere Jobs verloren.  Wir versuchten neue Arbeit zu finden, um für uns und für unsere Kinder zu sorgen. Da wir jedoch in einer Gülen-Schule gearbeitet haben, stellten uns andere Arbeitgeber nicht ein.

Mittlerweile hatte ich schlaflose Nächte. Ich dachte immer daran, was ich machen soll, weil meine Ersparnisse weniger wurden und die Polizisten mein Haus vielleicht eines Morgens überfallen könnten. Ein paar Freunde von mir wurden schon verhaftet. Etwa zwei Monate nach dem Putschversuch klingelte die Polizei um 06.00 Uhr an meiner Tür. Sie kamen, da ich in einer Schule der Hizmet Bewegung gearbeitet hatte. Zwei Stunden lang durchwühlten sie mein Haus.  Mein jüngster behinderter Sohn wachte auf und bekam epileptische Anfälle. Wir mussten uns sofort um ihn kümmern, ihn beruhigen, da seine Situation lebensgefährlich wurde. Das Gefühl, dass das eigene Kind vor den Augen sterben könnte – diese Hilflosigkeit kann man nicht beschreiben. Denn wir durften ihm nicht helfen, nur die Polizisten hätten ihn versorgen können. Doch sie taten gar nichts. Einmal versuchte ich, ihn zu berühren. Ein Polizist sagte mir, dass ich sofort wieder auf meinen Platz gehen soll.

Nach der Durchsuchung wurde ich von der Polizei auf die Wache gebracht. Acht Tage lang saß ich in Untersuchungshaft, obwohl ich Nierenprobleme hatte. Ich schlief auf dem Boden und durfte einmal am Tag auf die Toilette gehen. Meine Schmerzen sind zum Albtraum geworden. Hinter dem Gefängnisgebäude gab es eine dunkle Folterkammer. Dort wurden wir jeden Tag von zwei Polizisten vernommen, die uns auch folterten. Nach der Vernehmung wurden wir ins Gefängnis nach Antalya verlegt. Die Bedingungen des Gefängnisses waren unerträglich. Obgleich Antalya im Sommer sehr heißt ist und sehr hohe Feuchtigkeit hat, machte die Verwaltung des Gefängnisses die Heizung an und gab uns sehr wenig Wasser. In unserem Zimmer, in dem normalerweise 10 Personen untergebracht werden können, war ich mit bis zu 53 Personen. Wir konnten kaum atmen. Ein Freund von mir hatte Krebs. Er musste ins Krankenhaus gebracht werden, aber er hat dafür keine Erlaubnis erhalten. Nach zwei Monaten starb er unter qualvollen Schmerzen. Er war von uns gegangen. Wir waren hilflos. Außer für ihn zu beten, konnten wir nichts tun.

Auf die Behinderung meines Sohnes haben die Polizisten keinerlei Rücksicht genommen.

Ein Jahr bin ich im Gefängnis geblieben. In der vierten Verhandlung verurteilte mich der Richter zu sieben Jahren und fünf Monaten Haft wegen meines Berufsverhältnisses in der Hizmet Bewegung. Er sagte, auf diese Weise war ich am Putschversuch beteiligt. Bis ein Obergericht ein Urteil für mich gibt, wurde ich freigelassen. Aber ich musste pro Woche einmal in der Wache erscheinen und ein Formular unterschreiben.

Außerdem wollte meine Frau nicht mehr mit mir leben. Danach haben wir uns scheiden lassen. Einige Monate später wurde ein Freund von mir, der sieben Jahre und fünf Monate Haft wie ich erhielt, vom Obergericht verurteilt und wieder festgenommen. Deswegen dachte ich sofort daran, dass ich aus der Türkei fliehen muss. Ich bin über den illegalen Weg nach Deutschland gekommen. Ich beantragte Asyl in Dresden.

Acht Monaten lang habe ich keine Antwort erhalten. Im Jahr 2019 wurde ein Anwalt, der für Deutschland arbeitet, in der Türkei festgenommen. Er hatte eine Liste dabei. In der Liste stehen die Namen von ungefähr 4000 Personen, die in Deutschland bereits Asyl beantragt haben. Mein Name war auch auf der Liste. Deswegen erhielt ich sofort einen Aufenthaltstitel. Aber jetzt habe ich Sorge, da diese Situation für meine Familie sehr gefährlich ist.  Ihr kann durch das Regime geschadet werden. Jede Woche besuchen die Polizisten meine Geschwister, kommen zu ihren Häusern und fragen nach mir. Ich vermisse meine Kinder. Obwohl meine Exfrau sich um sie kümmert, brauchen sie auch meine Unterstützung und meine Liebe. Ich habe in Deutschland wieder Freiheit erlangt, aber mein Glück verloren. 

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