Ich kann nicht zurück

Als politischer Aktivist wäre ich in Pakistan verhaftet worden. Eine Abschiebung dorthin zurück würde mich in Lebensgefahr bringen.

Mein Geburtsort Kharan liegt in Belutschistan. Das ist eine Provinz in Pakistan. Unsere Situation dort ist sehr schwer, da sich die Regierung kaum um uns kümmert. Es gibt zu wenige Krankenhäuser, Schulen und keine ausreichende Stromversorgung. Es gibt Gaspipelines aus Belutschistan die direkt in die anderen Provinzen führen, ohne dass unsere Bevölkerung davon profitieren kann. Auch wegen dieser Ungerechtigkeit setze ich mich als politischer Aktivist für die Unabhängigkeit Belutschistans ein.

Ich war von 2009 bis 2015 Mitglied der „Baloch Students Organization Azad“. Unsere Hauptaufgabe war der Einsatz für die Freiheit Belutschistans. Meine Aufgabe war es die Leute darüber zu informieren, dass wir mehr Schulen für unsere Region brauchen. Viele meiner Freunde, die nie eine Schule besuchten, waren Analaphabeten. Sie waren leichte Opfer für die Propaganda von gewalttätigen Gruppen wie den Taliban.

Die Regierung Pakistans hat kein Interesse daran, in das Schulwesen unserer Region zu investieren. Denn wenn die Leute Analphabeten bleiben, kennen sie auch ihre Rechte nicht. Wir wollten die Menschen genau darüber aufklären und zeigen wie unsere Region benachteiligt wird. Doch diese Arbeit war gefährlich.

Als ich am 18. Juli 2014 mein Haus verlassen hatte, um mich mit Freunden zum Essen zu treffen, passierte etwas. Wir konnten sehen wie die FC (Anm. FC=Frontier Constabulary deutsch Grenzpolizei) im Nachbarhaus eine Razzia machten. Ich bekam Angst und rannte davon, weil ich dachte, sie würden auch mich holen. Die Leute der FC arbeiten mit dem Geheimdienst in Pakistan zusammen. Sie sollen die Grenze bewachen, doch ich habe sie nur gesehen, wenn sie Aktivisten festnahmen.

Sobald Aktivisten festgenommen werden, werden sie gefoltert, umgebracht oder verschwinden. Ich hatte Angst davor genauso zu enden. Also versteckte ich mich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kharan. Als ich meine Eltern anrief und erzählte, dass ich das Land verlassen will, waren sie dagegen. Ich bin ihr einziger Sohn. Aber sie ließen sich umstimmen, nachdem sie gehört haben, dass Kräfte der FC nach mir suchen.

Ich ging zunächst in die Grenzregion des Irans und versteckte mich bei Verwandten. Immer wieder rief ich meine Familie an und fragte, ob sich die Situation in Pakistan verbessert hat. Doch meine Eltern erzählten mir, dass viele meiner Freunde verhaftet wurden. Von den meisten haben wir nie wieder etwas gehört. Es klingt verrückt, aber einige meiner Freunde sind nach Afghanistan geflüchtet, um den Geheimdiensten in Pakistan zu entgehen. Selbst dort fühlten sie sich sicherer.

Zwischen Iran und Pakistan gibt es Vereinbarungen, dass die Belutschen in ihre jeweiligen Heimatländer geschickt werden. Vor solch einer Auslieferung hatte ich Angst und deshalb wollte ich auch den Iran verlassen. Meine Familie sammelte Geld für mich, damit ich weiterreisen konnte. Ich fühlte mich sehr schlecht, weil ich sie nicht allein lassen wollte, aber auch nicht zurückkonnte.

Bekannte rieten mir nach Deutschland zu gehen. Sie erklärten mir, dass es dort bereits einige AktivistInnen gibt, die sich im Exil für die Unabhängigkeit Belutschistans einsetzten. Weil ich nicht wusste, wo ich sonst hingehen kann, folgte ich diesem Rat.

Doch mein Asylantrag wurde abgelehnt. Ich wäre nicht besonders gefährdet und selbst wenn, könne ich ja auch in einem anderen Teil Pakistans leben, weil es ein großes Land mit 200 Millionen Einwohnern ist. Doch anonym in Pakistan zu bleiben ist nicht einfach. Zunächst erkennen die Menschen andere Akzente der Provinzen sofort. Dass ich aus Belutschistan komme, wäre schnell aufgeflogen. Außerdem arbeiten Geheimdienste wie der ISI im gesamten Land. Weiter gibt es zwischen den Provinzen Passkontrollen. Bis in die Hauptstadt Islamabad hätte ich neun bis zehn Passkontrollen durchlaufen müssen. Die Beamten hätten schnell erfahren, dass ich ein politischer Aktivist bin. Dann hätten sie mich nach meinen Gründen gefragt, warum ich aus Belutschistan in eine andere Gegend will.

Auszug aus dem negativen Asylantrags-Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

Wenn ich abgeschoben werde, würde ich wahrscheinlich schon am Flughafen verschwinden. Ich habe wirklich Angst um mein Leben, weil schon viele andere AktivistInnen aus Belutschistan direkt nach der Ankunft in Pakistan entführt worden. Natürlich gibt es darüber keine offiziellen Angaben. Auch das internationale Interesse an unsere Situation ist nicht besonders groß. Und die Journalisten, die berichten wollen, dürfen gar nicht erst in unsere Provinz einreisen.

Im Moment darf ich nicht arbeiten und die Stadt Chemnitz nicht verlassen. Ein Asylfolgeantrag von meinem Anwalt wurde abgelehnt. Obwohl ich bereits deutsch spreche, nie Probleme mit der Polizei hatte und gern einen Job hätte, kann ich nichts machen. Ich kann weder nach vorn noch zurück – ich stecke in einer Zwischenwelt fest.

Hintergrund zu Belutschistan – Von Dosteen Baloch

Geographie und Geschichte

Die Landmasse, die sich vom Südosten des Iran bis zum Ostufer des Sindh-Flusses im Punjab und vom Helmand in Afghanistan bis zum Indischen Ozean erstreckt, wird Belutschistan genannt. Es ist ein Grenzgebiet zwischen Indien und Iran und eine Brücke zwischen der iranischen Hochebene und der arabischen Halbinsel. Geographisch gesehen ist es im Westen durch Gebirge von Persien getrennt, und die persischsprachigen Regionen Kermans im Südosten. Der Hub River und das Kirther-Gebirge trennen es von Sindh. Im Nordosten trennt das rechte Ufer des Indus das Land von Pashtunistan und dem Punjab. Im Norden ist Belutschistan durch die natürlichen Grenzen von Helmand und die Gebirgskette nördlich von Quetta von Afghanistan getrennt. Im Süden trennt der Indische Ozean Belutschistan vom Sultanat Oman.

Historisch gesehen hatte Belutschistan eine Brückenfunktion. Einerseits zwischen den Kulturen in Mesopotamien und im iranischen Hochland und andererseits zu denen im Indus-Tiefland. Durch den enormen Zustrom von einwandernden Belutschen in die Region im Mittelalter, veränderte sich die demographische und politische Dynamik. Es begann eine Ära der Belutsch-Dominanz in der Region. Eine Stammeskonföderation gründete Mitte des siebzehnten Jahrhunderts den ersten Staat der Belutschen, der als Khanat von Kalat bekannt wurde. Das Khanat war ein loser Zusammenschluss der Belutschen-Stämme und überlebte fast dreihundert Jahre lang in einem unabhängigen oder halb-unabhängigen Status, bis es 1839 von den Briten besetzt wurde. Nach der Besetzung wurde Belutschistan in viele Teile geteilt.

Das heutige Belutschistan ist zwischen drei Staaten aufgeteilt. Westbelutschistan wird vom Iran kontrolliert; Ostbelutschistan ist eine föderale Einheit Pakistans, während das Gebiet von Nemroz (Ostistan) im 19. Jahrhundert an Afghanistan angegliedert wurde.[1]


[1] Quelle: Dashti, N., Die Belutschen und Belutschistan: Eine historische Darstellung von den Anfängen bis zum Untergang des Belutsch-Staates. Trafford-Verlag (2012)

Die Besetzung Belutschistans durch Pakistan erfolgte im Jahre 1948. Kurz zuvor war die Region nach der Besetzung Großbritanniens für unabhängig erklärt worden. Mehr als 70 Jahre Ausbeutung natürlicher Ressourcen sowie Einsatz militärischer Macht, haben neben der Armut viele gewalttätige Milizen produziert. So sind die Taliban wie auch der IS sehr aktiv in der Region.

Warum flüchten die Belutschen

Seit dem Jahr 2000 ist Belutschistan ständig militärischen Operationen ausgesetzt, die mit schweren Menschenrechtsverletzungen einhergehen. Eine mediale Berichterstattung wird durch die Gefährdungslage sowie staatliche Kontrollen erschwert. Die Menschen der Region waren gezwungen, in Ländern wie Afghanistan und Iran Schutz zu suchen. Durch die dortige Sicherheitslage flüchten sie aktuell auch in europäische Länder. Wir haben Kenntnis von ca. 400 Politik- und MenschenrechtsaktivistInnen aus der Provinz Belutschistan, die nach Deutschland gekommen sind. Hier haben sie politisches Asyl oder den Flüchtlingsstatus gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention beantragt.

Die meisten von ihnen gehören verschiedenen politischen, studentischen und Menschenrechtsorganisationen an, die gegen die pakistanische Regierung in Belutschistan aktiv sind. Dennoch sind einige von ihnen gezwungen worden, ihr Heimatland zu verlassen, nur um auf die Menschenrechtssituation in Belutschistan hinzuweisen.

Belutschistan ist eine der am wenigsten entwickelten Regionen und hat eine der höchsten Säuglings- und Müttersterblichkeitsraten der Welt. Nach Statistiken der pakistanischen Regierung haben 93% der Bevölkerung keinen Zugang zu Leitungswasser und mehr als 60% haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Nach den Berichten des UNDP (United Nations Development Program) ist Belutschistan auch eine der ärmsten Provinzen der Welt, obwohl Belutschistan eine an Mineralien und Gas reiche Region ist. Außerdem ist das Land durch die geographische Lage ideal für den globalen Handel geeignet. Dies bestätigt der Bau und die Nutzung eines Hafens durch China in der Stadt Gwadar.

Seit dem Jahr 2000 sind mehr als 20.000 Menschen entführt und mehr als 7000 in verschiedenen Teilen Belutschistans getötet worden. Die Entdeckung verschiedener Massengräber an verschiedenen Orten in Belutschistan ist ein zusätzliches Zeugnis für die gewaltsame Vorgehen in diesem Gebiet. In letzter Zeit haben die Armee und ihre verbündeten Streitkräfte damit begonnen, die Frauen und Kinder politischer Aktivisten – in einer Form von Kollektivstrafen – zu entführen. Die Region wurde gegenüber den internationalen Medien, den pakistanischen Massenmedien und Menschenrechtsorganisationen blockiert, um eine völlige Zensur über Geschehnisse in der Region durchzusetzen.

Chancen auf Asyl

Es ist uns auch bekannt, dass Belutschen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Abk. BAMF) und in einigen Fällen von den Gerichten abgelehnt werden, obwohl sie eindeutige Beweise dafür haben, dass sie persönlich verfolgt werden und ihre Familie in den Aktionen für die Unabhängigkeit involviert sind. In einem Fall wurde ein ehemaliges Folteropfer, das ebenfalls an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, durch das BAMF und die Gerichte durch ein mehr als fünf Jahre dauerndes Asylverfahren weiter belastet.

Ein Grund für die Ablehnung von Asylanträgen von Geflüchteten aus Belutschistan ist, dass das deutsche Auswärtige Amt erklärt AktivistInnen auf niedriger Ebene, die sich für die Unabhängigkeit einsetzen, nicht von der pakistanischen Armee verfolgt werden. Aber diese Behauptung kann widerlegt werden. Es gibt mehrere dokumentierte Fälle, in denen Menschen verschwunden sind und dann von der pakistanischen Armee in Belutschistan getötet wurden. Ein Bericht von Amnesty International vom 27. März 2019 gibt Aufschluss über dieses Vorhaben. Zweitens hat das deutsche Auswärtige Amt keinen direkten Zugang zu Belutschistan und stützt sich auf Informanten, die der Mehrheit der pakistanischen Bevölkerung angehören.

Daher erheben wir Vorwürfe wegen der Ungenauigkeit der Informationen, über die das Auswärtige Amt verfügt. In Großbritannien werden 99% der Asylfälle der Belutschen entweder von der Einwanderungsbehörde oder von den Gerichten genehmigt, während wir in Deutschland mit einem geringen Prozentsatz rechnen. Auch stellt das BAMF keine spezifischen Daten über die Fälle von Minderheiten aus Pakistan zur Verfügung, was uns zu der Einschätzung veranlasst, dass das BAMF die Fälle der verfolgten Minderheitsvölker nicht anders sieht als die der Mehrheitsbevölkerung in Pakistan.

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte diese Websites:

https://balochhumanrights.org

https://hakkpaan.org

3 Kommentare

  • This is problem to convince
    Government in European countries,that in Balochistan there worse human rights situations.

  • To the government of Germany is it reasonable?
    To refuse asylum from a persecuted person
    Everyone knows there are Pakistan crimes, random arrests, random killings, and the dumping of bodies in the mountains

  • No Baluch is safe in Pakistan. The international countries should understand the fact that Pakistan is not a nation state and Baluchs are in conflict with Islamic Republican of Pakistan since its existence for Baluch remained under occupation for last more than 70 years. Pakistan has been involved in a systematic genocide of Baluch nation. Any Baluch student, activit, journalist, or a literate person raises concern on Pakistan’s policies towards Baluchs faces dire consequences. Germany must differentiate its refugee crisis problem from Baluch problem and Baluch asylum cases, besides other Pakistan’s political asylum cases as Baluch are different than rest of Pakistanis

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