Integration ist mehr als Lernen

Ich möchte Ihnen in dieser Ausgabe ein schönes und wichtiges Angebot vorstellen: Das Sprachencafé im Haus der Kulturen. Dafür habe ich mit einigen Veranstalterinnen ein Interview geführt.

Jeden Freitag treffen sich fast 15 Leute, um in einem gemütlichen Zimmer im Haus der Kulturen gemeinsam zu sprechen. Die Veranstaltung wird von einer Gruppe Ehrenamtlicher aus Chemnitz organisiert. Zu Beginn jedes Treffens werden die TeilnehmerInnen von ein paar netten Leuten, die im Haus der Kulteren arbeiten, ganz herzlich begrüßt. Dann nehmen sie Platz am Tisch und schon befinden Sie sich in einer Sprachrunde”. Beim Sprechen kann man Tee oder Kaffee trinken und Kuchen essen. Die Hälfte der TeilnehmerInnen sind Geflüchtete. Sie sprechen miteinander und diskutieren über verschiedene Themen. Es werden Neuigkeiten ausgetauscht oder einfach über lustige Situationen im Alltag gelacht. Alle bringen hier ein kleines Stück der Schönheit ihrer Kulturen mit. Meine persönlichen Erfahrungen im Sprachencafé sind sehr positiv und interessant, da ich dank dieser Gruppe viele Kontakte geknüpft habe. Alles fing an, als ich im Mai 2019 einen B1 Kurs besuchte und dieser bald endete. Wenn man seine Sprachkenntnisse vertiefen will, ist ein Sprachkurs nicht genug, sondern es braucht auch viele Kontakte im Alltag. Deswegen war ich auf der Suche nach einer Möglichkeit diese zu finden. Obwohl ich extrovertiert bin, fand ich nirgendwo eine SprachpartnerIn, um zu üben. Ich schickte fast 25 Vereinen eine E-Mail, um ehrenamtlich zu arbeiten. Zum Kennenlernen erhielt ich endlich vom Agiua e.V eine Einladung.  Durch den Agiua e.V wurde ich über das Sprachencafé informiert. Danach ging ich dorthin und lernte neue Leute kennen. Da ich ein Mathematiklehrer bin, suchte ich damals eine Schule für die Hospitation. Im dritten Treffen habe ich darüber mit einer Frau, die Birgit Mayer heißt, gesprochen. Sie riet mir eine private Schule in Chemnitz zu kontaktieren. Sofort schickte ich dieser Schule eine E-Mail. Dort konnte ich nach meiner Vorstellung tatsächlich meine Hospitation beginnen.

Foto: Mehmet Arıcı

Meiner Meinung nach ist es wichtig in Deutschland für die Arbeitssuche, sich in vielen Vereinen und sozialen Initiativen zu engagieren. Auf diese Weise gibt es mehr Chancen eine gute Stelle zu finden. Seit zehn Monaten bin ich selbst auch Stammtisch-Mitglied vom Sprachencafé und warte jede Woche ungeduldig auf das Treffen. Doch wer sind die Menschen, die dieses Café organisieren? Ich habe sie gebeten sich einmal kurz vorzustellen:

Kerstin Hauschild

Ich bin in Karl-Marx-Stadt geboren und lebe mit meinem Mann in Chemnitz. Unsere beiden Söhne studieren in Leipzig. Beruflich bin ich als Lehrerin für Mathematik und Physik tätig. Zwischenzeitlich habe ich auch als Arbeitsvermittlerin beim Jobcenter gearbeitet. Seit Ende 2016 engagiere ich mich ehrenamtlich in der Hilfe für Geflüchtete.

Was sind eure Ziele?

Es waren die Idee und der Wunsch, eine Möglichkeit des Austausches und des gegenseitigen Kennenlernens für Geflüchtete und Chemnitzer zu geben. Unsere Begegnungen mit geflüchteten Menschen hatten gezeigt, dass sich viele isoliert fühlten und sich mehr Kontakte zu Deutschen wünschten.  Sie suchten nach Möglichkeiten Deutsch zu sprechen. Dies bot sich meist nur im Integrationskurs. Auch wir selbst wünschten uns mehr und intensivere Kontakte. Wir wollen eine Plattform sein für interkulturellen Austausch, gegenseitiges Kennenlernen sowie Bereitstellen von Informationen über Hilfsangebote. Dabei kommt es uns auf ein angenehmes und freundliches Klima an, um Ängste abzubauen und eine Atmosphäre von Vertrauen zu schaffen.

Wie viel Freiwillige helfen ihrer Organisation?

Am Anfang waren wir zu zweit, Birgit und ich. Noch in der Zeit des Cafés in der Jägerstraße kamen unsere Freunde Vanessa, Detlef, Elke und Michael dazu. Wir sind insgesamt bis zu 8 Deutsche. Außerdem werden wir durch die Angestellten und Helfer im Haus der Kulturen unterstützt, das betrifft z.B. die Bewirtung, die Bereitstellung des Kuchens und der Getränke.

Wie viele TeilnehmerInnen gibt es ungefähr?  Und wie sieht das Programm aus?

Im Moment sind es circa 20 TeilnehmerInnen, die sich wöchentlich für zwei Stunden am Freitag zum gemütlichen Beisammensein bei Kaffee, Tee und Kuchen treffen. Sie verbringen die Zeit mit interessanten Gesprächen zum gegenseitigen Austausch unter Nutzung der deutschen Sprache. Zum Teil können kleinere Anfragen geklärt werden oder es wird zu Hilfsangeboten informiert.

Birgit Mayer

Mein Geburtsort, ein kleines Dorf, liegt zwischen Chemnitz und Waldheim.  Seit dem Jahr 1969 lebe ich in Chemnitz. Ich bin verheiratet und meine Kinder sind hier geboren. 1989 sind wir, mein Mann, unsere Kinder und sehr viele andere gleichgesinnte Menschen auf die Straße gegangen, um gegen das DDR-Regime zu demonstrieren. Gemeinsam haben wir es geschafft!  Diese Zeit habe ich immer für die aufregendste Erfahrung meines Lebens gehalten, bis zum Jahr 2015. Dieses Jahr wurde zu einem prägenden Einschnitt für mich.

Aus welchen Gründen habt ihr diese Veranstaltung organisiert?

Täglich konnte ich in den Nachrichten sehen und hören, dass immer mehr Menschen vor Not, Verfolgung und Krieg ihre Heimat verlassen mussten. Der Entschluss irgendwie zu helfen, kam ganz spontan. Nach einigen Widerständen in Behörden und Hilfsorganisationen hatten wir – mein Mann und ich – es schließlich geschafft. Wir sind in die zahlreichen Notunterkünfte gefahren, haben dort Kleidung für die Geflüchteten ausgegeben, selbst Spenden gesammelt und versucht zu helfen. Wir haben sehr viel Not gesehen, konnten ein wenig helfen und waren froh darüber. In dieser Zeit konnten wir viele Freunde kennenlernen, die wie wir, aus selbstverständlicher Hilfsbereitschaft, Empathie und Menschlichkeit heraus handelten. Bei dieser Hilfe habe ich auch Kerstin, meine Freundin kennengelernt. Gleichzeitig mussten wir erleben, dass es Menschen gab, die genau das verurteilten. Sie waren den fremden Schicksalen gegenüber gleichgültig, ablehnend bis feindlich. Das hat mich sehr schockiert! Bis heute ist dieser krasse Gegensatz zwischen Hilfe und Ablehnung ein tiefes Problem der Gesellschaft. Wir, Kerstin und ich fanden, dass Kleidung, Essen und ein Platz zum Schlafen wichtig sind, aber nicht ausreichen. Kerstin fing mit einer Kollegin an, Frauen zusätzlich zu den staatlichen Angeboten, Deutschunterricht zu erteilen. Was machen wir, wenn die Mütter ihre Kinder nicht allein zu Hause lassen können? Hier kam ich ins Spiel, ganz wörtlich genommen, habe ich mit den Kindern gespielt, während die Mamas deutsch lernten. So weit so gut, wie geht es den Menschen ohne Arbeit, ohne Kontakt zu Nachbarn oder Freunden? So war es nur noch ein kleiner Schritt zum Sprachencafé. Der Verein AGIUA kam uns sehr entgegen, wir konnten den Raum und das Equipment nutzen, zunächst in der Jägerstraße, später in der Karl-Liebknecht-Straße.  Der Treff im Café entwickelte sich langsam aber stetig zu einer gern angenommen Möglichkeit, andere kennenzulernen, vielleicht auch Freundschaften zu schließen und auch sicherer im Umgang mit der gesprochenen deutschen Sprache zu werden.

Vanessa Carl

Ich bin 26 Jahre alt und stamme ursprünglich aus Niedersachsen. Im September 2017 bin ich dann für meinen Master in Public Health nach Chemnitz gezogen. Seit Oktober 2017 bin ich nun regelmäßig beim Sprachencafé dabei.

Welches Feedback bekommt ihr bisher?

Die Teilnehmenden geben ein positives Feedback. Sie sind dankbar für das Angebot, haben Spaß und empfehlen das Sprachencafé weiter. Allerdings fehlt manchmal die Zeit für ein ausführliches Gespräch mit einzelnen Personen.

Macht ihr etwas außerhalb des Sprachcafe mit TeilnehmerInnen?

Die Teilnehmenden im Sprachencafé verabreden sich auch privat. Es werden zusammen weitere Aktionen unterstützt (Human Aid Collective), gemeinsam Veranstaltungen in Chemnitz besucht, im letzten Jahr Vorträge über Chemnitz und seine Geschichte gemacht, die Region mit dem Fahrrad erkundet, ein Ausflug geplant oder sich zum gemeinsamen Essen getroffen.

Wie deckt ihr alle Kosten?

In der ersten Zeit haben Kerstin und Birgit Kuchen und Kaffee finanziert, inzwischen ist unser Antrag auf Zuwendung durch die Stadt Chemnitz aus dem Aktionsplan für Demokratie, Toleranz und ein weltoffenes Chemnitz  genehmigt worden. Kosten entstehen vor allem für Raummiete und Kaffee, Tee und Kuchen. Im letzten Jahr haben wir dafür eine Förderung über die Stadt Chemnitz erhalten. Dies haben wir für dieses Jahr wieder beantragt.

Sprachencafé im Haus der Kulturen

Ort:        Karl-Liebknecht-Str. 15 – 17

Zeit:       Jeden Freitag von 15 bis 17 Uhr

Schreibe einen Kommentar