Ein Kind, dass im Krieg aufwuchs – Kapitel 2

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Der Krieg in Afghanistan, um den sich keiner mehr kümmert – wie lange wird er dauern? Einen Monat? Ein Jahr? Zwei Jahre? Auf diese Frage hat nach 19 Jahren bis heute niemand eine Antwort.

Es geschah ungefähr im Jahr 2001, dass der Junge im kindlichen Alter der Aufregung und Verspieltheit vollkommen unverschuldet seine beiden Beine verlor. Seine einzige Schuld bestand darin, dass er in einem Land geboren wurde, welches fast drei Jahrzehnte lang durch den Kriegszustand gezeichnet wurde. Ein Gebiet, in dem Tausende von Menschen ihr Leben verloren und Millionen von Menschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Ein Gebiet, in dem geliebte Menschen durch Terroristen voneinander getrennt wurden und Hunderttausende von unschuldigen Menschen wie er Behinderungen erlitten.

Ja, es war ein Vorfall, der nie hätte passieren dürfen. Er hätte auch wie andere Kinder in friedlichen Ländern ein friedliches Leben führen sollen, aber der Krieg machte sein Leben zu einem Dasein ohne Hoffnung und Motivation. Er war nicht mehr das Kind, das er gestern war. Diese große Veränderung in seinem Leben ließ ihn seine Kindheit vergessen. Er sollte von nun an wie ein Erwachsener denken und handeln, um das Schlimmste zu vermeiden und sein Überleben zu sichern. Er beschloss, stärker als je zuvor zu sein. Obwohl es für ihn sehr schwierig war, hatte er keine andere Wahl, als die Tatsache zu akzeptieren, dass er nicht mehr derselbe Junge war wie einen Tag zuvor.

Eine normale Kindheit war dem Autor leider nicht mehr möglich. Foto: Rene Bernal

Er konnte nicht mit seinen Freunden spielen, weil er von seinen Freunden und in der Gesellschaft, in die er geboren wurde, nicht mehr akzeptiert wurde. Behinderung galt in dieser als ein Verbrechen, und es bestand die Angst, er würde „seine Behinderung anderen Kindern injizieren“, sollte er mit ihnen spielen. Dieses unschuldige Kind hat nicht nur mit seiner Behinderung zu kämpfen, sondern auch mit denen, die meinten, es solle nicht mehr leben, denn es sei eine Belastung für seine Familie und die Gesellschaft.

Es war ihm bereits klar, dass er einen großen Teil seines Lebens verloren hatte und er sich auf ein Neues vorbereiten musste. In seinem ersten Jahr nach dem Vorfall musste er vieles durchmachen: Ein paar Wochen Krankenhausaufenthalt zur Behandlung und ein Jahr Aufenthalt zu Hause, bis die Verletzung besser wurde und er Prothesen zum Gehen nutzen konnte. Während dieser Zeit kämpfte er mit sich selbst, um seine Situation zu akzeptieren und mit seinem Leben weiterzumachen. Obwohl er erst zehn Jahre alt war, machte er viele Pläne für seine Zukunft. Seine inneren Kämpfe hatten ihn bereits dazu gebracht, wie ein Erwachsener zu denken.


Nach seiner Genesung konnte er es kaum erwarten zur Schule gehen und – wie jedes andere Kind – eine Ausbildung zu erhalten. Denn er wusste, dass Bildung der einzige Weg ist, um sich das Leben zu erleichtern. Nur Bildung konnte ihm eine bessere Zukunft ermöglichen, ohne seiner Familie und der Gesellschaft zur Last zu fallen. Doch seine Eltern dachten nur von Tag zu Tag. Es galt im hier und jetzt zu überleben. Nach langen Verhandlungen mit ihnen gelang es ihm sie davon zu überzeugen ihm den Schulbesuch zu ermöglichen. Doch viele Schulen wollten ihn nicht aufnehmen, weil er zusätzliche Hilfe brauchte und sie nicht bereit waren, eine solche Verantwortung zu übernehmen. Er war so aufgeregt und glücklich, als seine Träume endlich dann doch wahr wurden. Dabei vergaß er, dass ihm viele neue Herausforderungen bevorstanden.

Dennoch nahm er die Herausforderung an und begann mit der Schule. Es war überhaupt nicht leicht, mit der Schule zurechtzukommen. Nicht, weil er dem Unterricht nicht folgen konnte, sondern vor allem, weil er von seinen Klassenkameraden, Lehrern und dem Schulpersonal anders behandelt wurde. Viele dieser Menschen in der Schule versuchten ihm indirekt aus Mitleid zu vermitteln, dass er besser nicht in der Schule sein sollte. Es sei doch zu schwierig für ihn mit all der Bewegung in der Schule fertig zu werden. Er musste sich auch mit vielen gemeinen Sprüchen auseinandersetzen und lernen diese zu ignorieren. Der Junge war fest entschlossen, sich durch eigene Bildung eine glänzende Zukunft zu schaffen.

Je älter er wurde, desto mehr Herausforderungen standen ihm nicht nur in der Schule, sondern auch in der Familie, bei Nachbarn, Verwandten und in der Gesellschaft im Allgemeinen bevor. Er musste nicht nur mit dem Verhalten der Menschen umgehen lernen, sondern sich auch um seine Finanzen kümmern, da er die Ausgaben für seine Schule selbst decken musste. Seine Familie war nicht in der Lage, für ihn zu zahlen und bat ihn sogar darum Essen mit nach Hause zu bringen.

Er musste für die Schule lernen und verkaufte gleichzeitig Snacks auf der Straße, um etwas Geld zu verdienen. Nicht zu vergessen, dass er verspätet die Schule begann, als er bereits etwa 10 Jahre alt war. Und weil er so spät mit der Schule begann, versuchte er sein Bestes, um zusätzlich zu lernen, damit er die Schule wie andere gleichaltrige Kinder beenden konnte.

Stellen Sie sich das vor! Sie sind in einem Alter, in dem es eigentlich noch darum gehen sollte, mit anderen Kindern zu spielen und zur Schule zu gehen, aber für ihn war alles ganz anders. Er musste in die Schule gehen, Geld verdienen und extra lernen, um in der Schule aufzuholen. Gegen die Hindernisse kämpfen, die die Gesellschaft ihm auferlegt, mit seiner Behinderung und den Schmerzen umgehen, die die Prothese verursacht und dem psychischen Leidensdruck, der ihm in allen Lebensbereichen auferlegt wurde.

Foto: Charles Deluvio

Unter all diesen Umständen gab es für ihn dennoch keine andere Wahl, als mit all dem fertig zu werden und den Kampf gegen alle aufzunehmen, nur um die Hoffnung zu haben, dass er in zehn bis zwanzig Jahren eine bessere Zukunft haben könnte. Obwohl er keine Ahnung hatte, ob das wirklich je passieren würde, weil in dem Land, in dem er lebte, jeden Moment alles hätte passieren können.

Die Situation verschlechtert sich momentan erneut und die Taliban kommen wieder an die Macht. Jeden Tag erringen sie mehr Kontrolle über viele Orte, und die Menschen haben Angst vor diesem unterdrückenden Regime, dass jederzeit wieder an die Macht kommen könnte.

Der Junge hatte etwas sehr Wichtiges aus der Reise gelernt: Wenn ein Mensch Entschlossenheit, Ausdauer und Geduld hat und weiß, wofür man kämpft, schafft man es zu überleben und jeden Kampf zu gewinnen. Viele Dinge in unserem Leben, besonders wertvolle und unbezahlbare Dinge, entstehen nicht aus der Ruhe heraus. Um schwere Ziele zu erreichen, muss wir mental und körperlich stark genug sein, um dafür zu kämpfen. Die Reise dieses unschuldigen Kindes war keine Ausnahme. Obwohl er viele äußerst schwierige Phasen in seinem Leben durchlief, erreichte er durch seine starke Entschlossenheit, seine Ausdauer und seinen Fleiß viel mehr, als er sich hätte vorstellen und wünschen können.


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