Grün statt braun: Fridays for future in Chemnitz

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Laute Rufe, die sich eine andere Zukunft wünschen, buntes Treiben bei riesigen Demonstrationen dank einer Jugend, die sich politisch engagiert und organisiert – lange Zeit war dies undenkbar. Doch der Freitag hat vor etwa 16 Monaten eine ganz neue Bedeutung bekommen. Er ist seither ein Tag der Gegenwart für die Zukunft. All das vereint sich im Namen Fridays for Future.

Angefangen hat alles mit einer schwedischen Schülerin, die auf rasante und beeindruckende Weise gezeigt hat, wie ein erster Schritt zu vielen weiteren führen kann. Im Sommer 2018 hielt Greta Thunberg die Tatenlosigkeit der politischen EntscheidungsträgerInnen in Sachen Klimapolitik nicht mehr aus und begann mit ihrem Schulstreik. Nach kurzer Zeit war ihre Nachricht bei Jugendlichen auf der ganzen Welt angekommen und es bildeten sich in vielen Städten Gruppen, die ihrem Beispiel folgten. Die Fridays-for-future-Bewegung hatte ihren Anfang gefunden.

Nach kurzer Zeit schlossen sich den Protesten auch viele ältere Menschen an und WissenschaftlerInnen auf der ganzen Welt unterstützen die Forderungen der Jugendlichen. Doch den Klimawandel vollständig aufzuhalten scheint nicht mehr möglich. Seit der Mitte des 19 Jahrhunderts ist die globale Temperatur um einen Grad gestiegen und die Mehrheit der WissenschaftlerInnen sind sich einig, dass dieser Klimawandel menschengemacht ist.

Foto: FFF Chemnitz/Facebook Page

Doch was fordert die Fridays-for-future-Bewegung hier in Deutschland? Zunächst einmal die Einhaltung der offiziellen Klimaziele der Bundesregierung, die beim Pariser Klimaabkommen beschlossen wurden, so beispielsweise die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 °C. Für die Einhaltung dieses Ziels hat die Bewegung ein konkretes Forderungsschreiben verfasst. In diesem heißt es unter anderem, dass der Kohleausstieg schon 2030, statt wie von der Regierung beschlossen, erst 2035, und bis 2035 der hundertprozentige Umstieg auf erneuerbare Energien stattfinden soll. Diese Forderungen sind sehr sinnvoll, wenn wir auch in Zukunft noch so auf der Erde leben wollen, wie wir sie kennen.

Auch hier in Chemnitz hat sich vor etwas über einem Jahr eine Ortsgruppe von Fridays for future gebildet, deren erste Demonstration am 15. März letzten Jahres mit über 2500 Protestierenden stattfand. Am Plenum, dass die Demos organisiert, kann sich jeder beteiligen, der sich engagieren will. Doch nicht nur Proteste, auch Aktionen zum Umdenken setzt die Ortsgruppe Chemnitz um. So riefen die Jugendlichen im letzten Jahr wiederholt zum gemeinsamen Müllsammeln auf. Welche Mengen an Schrott dabei gefunden wurden, ist erstaunlich und zeigt, dass wir auch neben dem Klimawandel unsere Umwelt mit unserem gestörten Konsumverhalten schädigen.

Anfang diesen Jahres luden die SchülerInnen zu einem solidarischen Flohmarkt ein. Die Idee dahinter: Jeder von uns hat viele Dinge zuhause, die nicht mehr genutzt werden, aber immer noch viel zu gut zum Entsorgt-werden sind. Bei diesem besonderen Flohmarkt wird nichts gekauft, sondern nur getauscht. Damit wollen die jungen Leute zeigen, dass wir auch unseren Konsum überdenken müssen. Denn der Kapitalismus trägt maßgeblich zum Klimawandel bei. „Der Spruch System change – not climate change bringt unsere Hauptforderung ziemlich gut auf den Punkt“, so Victoria Teuchert, die zum Kern der Chemnitzer Ortsgruppe gehört. Unser übermäßiger Konsum, gerade in Europa und Nordamerika, steigert die Nachfrage nach billigen und möglichst schnell produzierten Produkten immer mehr. Dafür werden auf anderen Kontinenten die Menschen ausgebeutet und die Treibhausgasemissionen immer höher.

Auch regional setzen sich die engagierten Jugendlichen für Alternativen ein und forderten den großen Energiekonzern „Eins-energie-in-Sachsen“ im April letzten Jahres mit einer Red-Line-Aktion zum Umdenken ihrer Konzepte auf. Die bunte Chemnitzer Esse des Konzerns, dessen Gelände während der Aktion symbolisch umstellt wurde, ist schön anzusehen, aber sie versinnbildlicht auch die Stromversorgung unserer Region. Denn diese basiert auf der Verbrennung von Braunkohle. Deshalb ist das Eins-energie-Gebäude in der Innenstadt auch regelmäßig Anlaufpunkt auf den Routen der Demos.

Die Jugendlichen sind überzeugt davon, dass auch auf lokalpolitischer Ebene viel zu tun ist. So setzte sich die Bewegung im Februar diesen Jahres dafür ein, dass, wie bereits in vielen deutschen Städten, auch in Chemnitz der Klimanotstand ausgerufen wird. Dieser würde für die PolitikerInnen im Stadtrat eine konsequente Berücksichtigung des Klimaschutzes bei allen Entscheidungen bedeuten. Wenn es also darum geht, Unternehmen zu finanzieren, dann muss dabei beachtet werden, dass die Firmen nachhaltig, regional erzeugen und handeln. Der Chemnitzer Stadtrat hat jedoch dagegen votiert. „Eigentlich war uns klar, dass der Notstand nicht ausgerufen wird, wir waren überrascht, dass die Entscheidung so knapp ausgefallen ist“ beschreibt Victoria die Ansichten aus der Ortsgruppe. 24 Stadträte haben für die Ausrufung des Notstands gestimmt. Lediglich fünf Gegenstimmen mehr, haben jedoch das Ergebnis bestimmt. „Für eine Stadt, die Kulturhauptstadt 2025 werden will, ist diese Entscheidung trotzdem nicht vertretbar“, meint Victoria.

Die Petition, die überhaupt erst zur Abstimmung über den Klimanotstand für Chemnitz geführt hat, wurde von den „Parents for future“ initiiert. Denn auch die ältere Generation möchte ihren Beitrag leisten und inzwischen gibt es sogar eine „Grandparents-for-future“Gruppe in Chemnitz. Die Zusammenarbeit läuft laut den Jugendlichen sehr gut, inzwischen werden die Demonstrationen oft gemeinsam organisiert. „Wir sind froh, dass wir diese Unterstützung bekommen, denn Hand in Hand zu arbeiten ist auf unserem Weg sehr wichtig.“ Und diese Unterstützung wünschen sich die jungen Leute auch weiterhin. Sie wissen, dass sie für alle kämpfen und dass eine echte Veränderung auch einen gesellschaftlichen Wandel mit sich bringt.

Auch mit anderen Organisationen wie „Aufstehen gegen Rassismus“ oder der BUND Jugend, die sich für Natur- und Umweltschutz einsetzen und Projekte planen, arbeitet die Ortsgruppe zusammen. Denn die Solidarität zwischen Gruppen, die die gleichen Ziele verfolgen, wissen die jungen Engagierten zu schätzen.

Und diese Solidarität ist auch momentan gefragt. Schon vor den Maßnahmen zum Schutz gegen das Coronavirus hat „Fridays for future“ zur Solidarität mit den Risikogruppen aufgerufen. Nun bieten die organisierten Jugendlichen einen Corona-Lieferservice an. Dieser richtet sich an Menschen, die selbst aufgrund der aktuellen Situation Unterstützung beim Einkaufen benötigen. Von 12 bis 14 Uhr kann man die Jugendlichen unter einer E-Mail-Adresse oder Telefonnummer (zu finden auf der Website: www.lieferservice.kmstream.de) kontaktieren und ihre Bestellung abgeben. Zusammengeschlossen haben sich dafür die Aktivistinnen und Aktivisten aus lokalen Gruppen, wie dem „Bündnis Chemnitz Nazifrei“, aus dem „Rojava Solikomitee“ und natürlich von „Fridays for future“. Außerdem sollen die Social-Media-Seiten bearbeitet werden und die deutschlandweite „Fridays-for-future“-Gruppe hat ein Bildungsprogramm auf der Website und ihrem Youtube-Kanal gestartet, denn die Schulbildung in Sachen Klimawandel kommt immer noch viel zu kurz.

Foto: FFF Chemnitz/Facebook Page

Wenn der Virus eingedämmt wurde, dann wollen die Schülerinnen und Schüler auch wieder auf der Straße protestieren. Denn der Kampf ist noch lange nicht beendet. Die Anzahl der Flüge ist im letzten Jahr erneut angestiegen, in diesem Jahr können wir wahrscheinlich mit einem Einbruch rechnen, dieser ist dann aber durch die Maßnahmen zum Coronavirus zu erklären. Die Welt befindet sich momentan beinahe im Stillstand, die Natur kann sich erholen und eigentlich wäre es der perfekte Moment, um damit anzufangen, was die „Fridays-for-future“-Bewegung fordert: Endlich Umzudenken. Die Autoindustrie und große Lieferdienste haben auf einen Krisenbetrieb umgestellt, VW stellt Teile für Beatmungsgeräte her und Amazon hat seinen Versand zum Großteil auf medizinische Produkte umgestellt.

Doch was geschieht, wenn dieser Ausnahmezustand vorüber ist? Wird er eine Ausnahme bleiben? Wird die Wirtschaft wieder angekurbelt und die Umweltbelastung noch größer? Oder fangen wir an, auf Alternativen umzusteigen? Es ist wichtig, dass wir uns bewusst machen, dass diese Situation auch eine Chance ist. Wir müssen uns endlich die Folgen unseres Handelns bewusst machen. Der Klimawandel wird nicht nur Pflanzen- und Tierleben fordern. Schon heute sind über 20 Millionen Menschen auf der Flucht vor den Auswirkungen des Klimawandels. Und bis zum Jahr 2040 werden es laut Greenpeace zehnmal so viele sein. „Überall dort, wo die Armut groß und die Anpassungsfähigkeit gering ist, wird die Klimaveränderung wie ein Katalysator den Wassermangel, Hunger, die Destabilisierung und gewalttätige Konflikte noch verschärfen. Aufgrund des steigenden Meeresspiegels und der zunehmenden Überschwemmungen drohen ganze Landstriche und Staaten dauerhaft in den Wassermassen zu versinken“, erläutert Greenpeace auf seiner Website. Diese Prognosen stammen aus dem Jahr 2014. Es ist klar, dass wir uns alle zusammenschließen und endlich handeln müssen.

Dafür protestieren die Jugendlichen auf den Straßen. Damit endlich ein flächendeckender Umwelt- und Klimaschutz realisiert wird. Denn die Auswirkungen des veränderten Klimas sind seit langer Zeit bekannt. Es geht nicht um gegenseitige Anerkennung oder Ablehnung, sondern darum, dass etwas passiert. Und dafür sollten wir alle kämpfen.

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