Aufgeben ist keine Option

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Ich heiße Rokshana Alami und wurde 1989 in eine bürgerliche Familie im Bezirk Shendand, Provinz Herat in Afghanistan geboren. Ab dem ersten Lebensjahr erhielt ich wegen einer falsch injizierten Polio-Impfung eine körperliche Behinderung. Mein Behinderungsgrad liegt heute bei über achtzig Prozent, sodass ich im Rollstuhl sitzen muss. Die Behinderung war jedoch in meiner Kindheit deutlich weniger ausgeprägt. Aufgrund der aufeinanderfolgenden Kriege, der langen Zeit ohne medizinische Behandlungen konnte meine Familie nichts tun, um meinen Zustand zu verbessern. Meine Einschränkungen wurden immer größer.

Trotz meiner Behinderung fühlte ich mich jedoch nicht hilflos und akzeptierte mein Schicksal. Im Gegenteil, ich war immer positiv, hoffnungsvoll und optimistisch, weiterhin ein besseres Leben und eine bessere Zukunft zu führen. Ich wurde aktiv und meine Behinderung machte mich genau zu der Person, die ich begann zu mögen. Es ist natürlich, dass – genau wie für die meisten Menschen – nicht all meine Wünsche und Forderungen erfüllt werden. So gibt es viele gibt viele Einschränkungen für mich im Alltag. Manchmal reicht eine Treppe aus und Menschen im Rollstuhl können bestimmte Orte nicht besuchen. In solchen Fällen werden wir uns unserer Behinderung bewusster und fragen uns möglicherweise mehr, warum gerade wir damit zu kämpfen haben.

Ich fing genau an dem Tag an zu kämpfen, an dem ich den Wert des Lebens erkannte. Foto: Sasha Freemind

Sicherlich sind diese Fragen manchmal frustrierend, vor allem, weil sie selten eine befriedigende Antwort finden. Es ist anstrengend, aber es wird uns sicherlich nicht davon abhalten, weiter zu kämpfen. Zumindest ist es meine Einstellung, dass Aufgeben keine Option ist. Dennoch kann ich Probleme nicht verschweigen und möchte einige davon mit anderen teilen. Dadurch können die Erfahrungen, die ich im Leben gemacht habe und veröffentliche, auch von anderen in der gleichen Situation nachempfunden werden. Das kann ihnen zeigen, dass sie nicht allein mit solchen Problemen kämpfen und vielleicht sogar für den eigenen Fortschritt motivieren.

Ich fing genau an dem Tag an zu kämpfen, an dem ich den Wert des Lebens erkannte. Niemand ließ mich anfangs zur Schule gehen. Ich war immer traurig, weil ich gerne lernen würde, aber niemand hörte auf meine damals kindliche Stimme. Alle sagten zu mir: „Du bist behindert, was nützt dir der Unterricht? Wenn du nicht zu Hause bleiben willst, dann geh nach Draußen. Dann wirst du sehen: jeder macht sich über dich lustig und das ist eine Schande für die Familie. Bleib besser zu Hause!“ Ich war in Tränen aufgelöst. Ich weinte, ich weinte so sehr. Das alles verletzte mich und zwang mich zum Handeln. Trotz all des Gegenwindes widersetzte ich mich hartnäckig jeden Tag. Zum Glück war mein älterer Bruder für mich da. Er unterrichtete mich immer zu Hause und lehrte mich außerdem meinen Widerstand lebendig zu halten.

Schließlich überzeugte ich meine Familie mit meiner Sturheit. Ich konnte zur Schule und anschließend an die Universität gehen, um zu studieren. Sowohl in der Schule, als auch in der Universität und bei meinem späteren Arbeitsplatz, wurde ich von anderen verspottet. Ich fühlte mich besser und trotzdem litt ich darunter. Ich stand dieser Gesellschaft gegenüber, obwohl ich Teil von ihr war. Aber es gab immer noch Leute, die mich täglich trösteten und ermutigten.

Ich denke, das waren alles wichtige Erfahrungen und heute fühle ich mich sehr gefestigt. Ich weiß, wenn ich kein Leiden gesehen hätte, hätte ich das Leben nicht zu schätzen gelernt und vielleicht hätte ich andere Leidende niemals verstanden. Mein Herz schmerzt nur, wenn ich mich zu sehr an die Details der Vergangenheit erinnere. Es tut weh und es tut mir leid für diejenigen, die nicht laufen können, aber Träume in ihren Herzen haben, welche erstickt werden. Die wertvollsten Gedanken, an denen ich permanent festhalte, haben mit Menschlichkeit zu tun. Irgendwann sollte es menschlicher Standard sein, ohne sexuelle, intellektuelle, sprachliche, rassistische oder gesundheitliche Vorurteile miteinander zu leben.

Menschen im Allgemeinen müssen immer kämpfen, um ihre Ziele zu erreichen. Manchmal werden Ziele früh erreicht und manchmal muss ein Mensch den Rest seines Lebens für seine Träume kämpfen. Ich war eine von denen, die nach einem langen Kampf ihre Ausbildung fortsetzen konnte. Es war Zeit, die Schatten der Vergangenheit fallen zu lassen und weiterzumachen. Ich dachte mir, ich sei behindert im Leben. Aber es ist eine einfach eine Art Krankheit, keine Behinderung, und ich versuche das Beste daraus zu machen, als wäre die Behinderung nur eine weitere Lektion im Unterricht.

Diese Stärke wollte ich gern anderen Betroffenen vermitteln. Daher habe ich ab 2005 im Rehabilitationszentrum für Behinderte der „Pire Herat Fundation“ (PHF) als Sozialassistentin gearbeitet. Ich war in den Bereichen der Zulassungen, Kultur, Kunstworkshops und dem Marketing von Kunstaktivitäten für Behinderte aktiv. Wir organisierten auch Ausstellungen in verschiedenen Provinzen, um auf unsere Organisation und deren Arbeit aufmerksam zu machen.

Im Jahr 2011 war ich mit der Hilfe von Freunden beim „Sozialverband Führende Frauen von Herat“(Herat Peshgam Ladies Association) tätig. Dort haben wir ein Programm für Obdachlose und Frauen mit Behinderungen gegründet. Zur gleichen Zeit leitete ich, in Zusammenarbeit mit dem Leiter des lokalen Radiosenders “Faryad”, in der Provinz Herat verschiedene Radio-Programme. So hatte ich immer Einblick in die tagtäglichen Probleme für Menschen mit Behinderungen in Afghanistan. Durch die Sendungen konnte ich mit immer mehr behinderten Menschen und ihren Familien in Kontakt kommen.

In der Sendung haben wir uns viel mit sozialen Themen beschäftigt, wie der Vernunft im Umgang mit Behinderten oder der mangelnden Zustimmung der Familien von Behinderten zu ihrer Schul- und Berufsausbildung. Unser Ziel war es, zu den TeilnehmerInnen und den ZuhörerInnen eine enge Beziehung aufzubauen. Natürlich war es dabei wichtig, zu untersuchen, ob die Politik entsprechend versucht zu helfen. So konnte ich erfolgreiche Schulungs- und Arbeitssuchprogramme für Behinderte vorstellen und viele persönliche Interviews führen.

Bei der Arbeit haben mir meine guten Kollegen und Freunde bei der Realisierung all dieser Aktivitäten geholfen. Sie erleichterten mir meinen Weg zu gehen. Von meinem Mentor Abdul Ali Barakzai und der Zusammenarbeit mit seiner Frau Sana Mohseni sowie meinem guten Freund Fereshtah Jan Nouri konnte ich viele nützliche Dinge lernen. Neben der Arbeit war ich auch im Behindertensport aktiv. Meistens ein oder zwei Stunden pro Woche besuchte ich dafür einen Basketballverein für RollstuhlfahrerInnen. Nach Abschluss der Schule studierte ich öffentliche Verwaltung und Politik an der Universität in Herat.

Ich wurde angenommen. Im ersten Studienjahr erhielt ich ein Stipendium im Ausland. Aber aufgrund des starken Widerstands der Familie habe ich die Möglichkeit im Ausland zu leben nicht wahr genommen und mein Studium in Herat fortgesetzt.In meinem zweiten Jahr an der Universität dachte ich wieder über Stipendien nach und nachdem ich eine spezielle Prüfung abgelegt hatte, wurde ich von einer Hochschule in der Türkei angenommen. Glücklicherweise ermutigten mich diesmal eine große Anzahl von Kollegen und Freunden sowie mein älterer Bruder die Chance zu nutzen. Mein soziales Umfeld stand hinter mir.

Schließlich willigten auch meine Eltern ein, weil sie erkannten, dass ich im Ausland mehr Chancen auf gute Bildung und Arbeit haben würde als in Afghanistan. Natürlich wurden meine Eltern auch von den Worten unserer Bekannten und Verwandten beeinflusst, die mich und meine Behinderung verspotteten. Sie waren gegen die Fortsetzung meines Auslandsstudiums. Und als ich in die Türkei kam, nannten sie es die „Fortsetzung der Behandlung“

Ich hoffe, durch die Arbeit für diese Zeitschrift, meine Träume noch zu verwirklichen. Foto: Rokhshana Alamy

Ich habe es dann trotz meiner Behinderung in die Türkei geschafft. Als ich dort ankam, war ich allerdings den Bedenken der Menschen und meinen anderen Problemen noch nicht entkommen. Ich wurde wieder verspottet. Der Kulturbeamte der afghanischen Botschaft in der Türkei fragte mich voller Spott: „Wollte dich niemand in Afghanistan? Gab es für dich vorher keinen einzigen Ort zum Lernen, sodass du hierherkommen musst?“ Die hässliche Behandlung des Botschaftsbeamten brachte mich dazu, ein Foto von ihm zu machen. Ich wollte mich wehren und die Leute sollten erfahren, wer der Mensch ist, der so mit mir umging. Ein Fehler – anschließend behandelten mich die Beamten der Botschaft noch schlechter.

Denn einige Zeit später wurde ich krank und dies wurde von der afghanischen Botschaft sofort ausgenutzt. Sie teilten mir auf dem Schriftweg mit, dass mein Fehlverhalten zur Rückreise nach Afghanistan führen würde und die Gewährung des Stipendiums erloschen sei. Ich wusste sehr gut, dass ich noch mehr Schwierigkeiten haben werde, wenn ich auf diese Weise ins Land zurückkehren würde. Ich konnte nicht zurück – auf mich wartete erneute Diskriminierung. Auf den Rat meines Freundes Fereshtah Jan Nouri, der sich all meiner Probleme bewusst war, entschloss ich nach Europa zu gehen. Für ein Visum hatte ich keine Chance. Ich wusste, dass ich also nur eine Chance in Form von Schmuggel über holprige Landstraßen unter schweren Bedingungen haben würde. Ich ging das Risiko ein, stellte in Deutschland meinen Asylantrag und lebe jetzt seit fast fünf Jahren in Chemnitz.

Zuvor hatte ich bereits anderthalb Jahre lang keine Physiotherapie mehr besuchen können. Das schwächte meine Beinmuskulatur und verursachte häufige Stürze, die ich nicht mehr kontrollieren konnte. Es ist nun drei Jahre her, dass ich einen Rollstuhl benutzt habe. In dieser Zeit Meine Stimmung ist sehr schlecht. Trotzdem versuche ich, die bitteren Erinnerungen zu vergessen, bis ich weiter studieren und meine Träume erfüllen kann. Bis heute ist niemandem gelungen, dass ich meinen Verstand zu verliere.Ich leide zwar darunter, mein Studium nicht beendet zu haben, aber ich hoffe durch die Arbeit für diese Zeitschrift, meine Träume noch zu verwirklichen. Meine Geschichte erreicht nun Sie. Deshalb bitte ich alle, die diesen Artikel in dieser Zeitschrift lesen, mir zu helfen und meine Ziele zu erreichen!

2 Kommentare

  • Liebe Rokhshana, wir haben uns vor einigen Monaten bei einem Interkulturellen Essen kennen gelernt. Ich hatte Dich zu unserem Sprachcafe bei AGIUA eingeladen. Leider müssen wir wegen Corona noch immer pausieren. Ich bin über Deinen Bericht, über Deinen Mut sehr beeindruckt und hoffe Dich bald im Café zu sehen Herzliche Grüße Birgit

  • Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und bewundere Deinen Optimismus. Kämpfe bitte weiter! Wie können wir Dir helfen, um Deine Ziele zu erreichern? Liebe Grüße aus Chemnitz.

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