Wer ist der Böse?

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Seit Jahren können Millionen SyrerInnen nicht mehr dort leben, wo sie schon immer zuhause waren. Sie sind innerhalb des Landes selbst, in die Nachbarländer oder nach Europa vertrieben worden. Im Jahr 2015 wurde das Ausmaß des syrischen Konfliktes vielen Menschen in Deutschland wirklich bewusst, dann hatten auch sie direkten Kontakt zu dessen Konsequenzen. Eine Frage wiederholt sich dabei bis heute: Was ist die Ursache für die Flucht dieser Menschen und wer ist dafür verantwortlich?

Für mich persönlich als Student war es nicht mehr vorstellbar, unter den damaligen Bedingungen in diesem Land weiterzuleben. In einem Land, wo eine kleine Gruppe von korrupten Führern seit 1971 an der Macht ist. In Syrien müssen Kinder täglich auf jedem Schulhof, bei jedem Wetter den Diktator Bashar al-Assad und seine Partei begrüßen, um Loyalität zu zeigen. Von der ersten Klasse bis zum Studium müssen die Schüler jedes Jahr das Fach „Nationale Erziehung“ belegen, in dem die Treue zum „Vaterlandsführer“ in den Hirnen der Kinder verankert wird. Rassismus wird toleriert und Nationalismus als selbstverständlich erklärt. „Ohne die weise Führung des Präsidenten, wäre das Land längst von Mächten aus dem bösen Westen und Israel zerstört worden.“, so die syrischen Medien bei jeder Politik-, Wirtschafts-, Nachrichten-, Ethik-, Kunst-, oder sogar Sportsendung.

In Syrien versteckt sich der Staat hinter einer Kommunismus-Maske und ist der einzige Produzent von allem, was die Bevölkerung braucht. Im besten Fall darf man mit dem Staat zusammenarbeiten oder die Hälfte seiner Umsätze mit dem Staat teilen. Wählen und selbst bestimmen sind in Syrien Fremdwörter. Denn der Arbeitsplatz, die Medien, die Preise, der Glauben, die politische Meinung, das Parlament, die Gesetze und eben der Präsident werden den Bürgern zugeteilt. Politischer Widerspruch wird nicht geduldet.

All diese Gründe und viele andere traurige Geschichten waren für mich – so wie für viele andere SyrerInnen – mehr als genug Anlass, um auf die Straße zu gehen und gegen die Diktatur zu demonstrieren. Als die syrische Revolution 2011 friedlich, spontan und unschuldig begann, war es unvorstellbar, dass Millionen von Menschen das Land verlassen werden. Jedoch sorgte das syrische Regime mit allen möglichen Mitteln dafür. Die syrische Diktatur hat es geschafft innerhalb eines knappen Jahres den Frieden in einen Bürgerkrieg zu verwandeln.

Wer sind die Kriegsparteien?

Als die Regierung die friedlichen Demonstrationen mit Hilfe von der Armee, der Polizei und den unzähligen Geheimdiensten stoppen wollte, wurden Städte bombardiert, Hunderttausende verhaftet und viele umgebracht. Viele Soldaten verließen die Armee mit ihren Waffen. Sie standen nun auf der Seite der Demonstranten und verteidigten die Bevölkerung. Es hat nicht lange gedauert bis das ganze Land zu einem offenen Schlachtfeld wurde.

Die syrische Stadt Aleppo nach den Angriffen.                                            Foto: Aladdin Hammami

Ende 2012 hatte die bewaffnete syrische Opposition mehr als die Hälfte des Landes erobert und konnte viele Städte von den Assad-Truppen befreien. In der Zeit kämpften neben den Truppen Assads viele schiitischen Gruppen aus Iran, Irak, Libanon und Afghanistan. Während die Opposition von islamischen Gruppierungen aus vielen Ländern unterstützt wurden. Oftmals begründete die Allianz ihren Einsatz mit dem Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“. Tatsächlich bekämpfte der IS allerdings vorrangig die Opposition und die autonomen kurdischen Gebiete. Die Opposition wurde zunehmend von der türkischen Regierung und Katar unterstützt, welche fortan gemeinsam mit den Truppen der Türkei im Kampf gegen die Kurden im Einsatz waren. Die Lage spitzte sich weiter zu und jede Partei wurde zunehmend von externen Kräften finanziert. Die Kurden erhielten von den USA sowie Deutschland Waffenlieferungen im Kampf gegen den IS. Die Regierung in Damaskus erhielt Hilfe von China, Russland und dem Iran.

Wieso kamen erst 2015 vermehrt Flüchtlinge nach Deutschland?

2015 eskalierte die Situation besonders, als sich die russische Armee direkt in den Konflikt einmischte und die Führung des Krieges übernahm. Städte wie Aleppo wurden zunehmend aus der Luft bombardiert, es gab Angriffe auf Krankenhäuser und viele unbeteiligte Zivilisten starben. Gleichzeitig wurden die Essensrationen in den Flüchtlingslagern an den Rändern Syriens drastisch gekürzt, weil die Geberländer des World Food Programms nur noch die Hälfte der finanziellen Mittel bereit stellten. Immer mehr Menschen waren zur dauerhaften Flucht gezwungen. Der Strom aus Flüchtlingen lief immer weiter Richtung Norden. Der Großteil machte sich auf den Weg in die Türkei, die mit dieser Lage überfordert war. Europa wurde das Ziel, auch wenn der Weg dahin viele Flüchtlinge das Leben kostete. Wer jedoch nichts zu verlieren hatte, konnte auch dieses Risiko in Kauf nehmen.

Die Situation für syrische Flüchtlinge in der Türkei wird immer schwerer.         Foto: Meric Dagli

Wer der Böse ist?

Der Böse ist der, der in Damaskus sitzt und das Volk für seine Macht opfert. Ein Präsident, der eine Diktatur basierend auf Mord, Terror, Krieg und Blut führt. Dieses Regime ist hauptverantwortlich für die Massaker und die entscheidende Ursache für die Flucht der Massen. Mitschuldig sind auch alle, die ihn politisch oder militärisch unterstützen wie Russland und Iran. Jedoch ist die Türkei trotz ihrer Aufnahme von Millionen von Flüchtlingen auch ein großer Verursacher der Krise. Die meisten islamistischen Kämpfer kamen über türkische Flughäfen geschmuggelt und gelangten über die türkische Grenze nach Syrien. Die türkische Armee ist momentan auch ein aktiver Spieler in Nordsyrien und zwang hunderttausende Syrer ihre Städte zu verlassen.

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