Im Jahr 2015. Im September.

Es war einer der müden Abende von Istanbul. Um etwas Unterhaltung durch den Computer zu erhalten, habe ich mich für einen der Filme entschieden, die ich zuvor in meinem Notizbuch aufgeschrieben hatte: “Der schwebende Schritt des Storchs” aus dem Jahr 1991 von Theo Angelopoulos. Er wirkte zunächst wie eine Herausforderung für solch langweilige Abende, da der Film nur langsam anlief. Aber Filme haben wie Bücher ein eigenes Schicksal, eine bestimmte und geeignete Zeit, in der sie von jemandem angesehen werden müssen. Klar! Das war die richtige Zeit und der richtige Film.

Foto: Dave Schmidtke

Am Anfang des Filmes wurde ein paar Fragen gestellt. “Wie geht jemand?“; „Wohin und warum geht er/sie?“ oder „Kennst du deine Grenzen?“ und so weiter. Stellenweise bin ich durch diese Fragen in tiefere Gedanken eingetaucht und wurde etwas abgelenkt. Doch dann überzeugte Marcello Mastroianni, der im Film einen berühmten Politiker spielt, mit seiner Schauspiel-Kunst. In einer Szene vor einer wichtigen Rede, die von seinen Anhängern mit Spannung erwartet wurde, sagte er: „Manchmal muss man schweigen, um die Musik des Regens zu verstehen. Vergebt mir!“ Dann brach er seine Rede ab und verschwand. Niemand wusste fortan etwas über ihn. Um besser zu verstehen, was namenlos zu sein bedeutet, tauchte er bei Flüchtlingen unter, weil sie die Bedeutung des namenlosen Seins kennen und manche von ihnen namenlos in ihrem neuen Land leben oder ihre neuen Namen benutzen. Danach verbrachte er sein Leben wie ein Flüchtiger in einem Flüchtlingslager. Durch dieses Szenario wurde ich von einer Grenze zur anderen Grenze geschleudert. Es ist die Geschichte von Menschen, die aus einer Hölle fliehen und in einer anderen Hölle Grenzen erleben. Am Ende des Filmes stieß ich auf eine unerwartete und unbeantwortete Frage, “Wie viele Grenzen müssen die Menschen überschreiten, damit sie ihr Zuhause erreichen können?”

Während ich nach einer Antwort suchte, dachte ich daran, dass ein paar Gruppen von Menschen vielleicht in diesen Minuten versuchten, irgendwo die Grenze, die zwischen zwei Staaten ist, zu überqueren, um ihr neues Heim zu finden. An diesem Morgen hatte ich in den Zeitungen viele Nachrichten über die Menschen, die aus Syrien nach Europa flohen oder im Mittelmeer auf einem Boot nach Italien fuhren, gelesen. Dennoch verstand ich damals diese schlimme Situation nicht, da ich schluckweise meinen Kaffee in einem Dachgeschoss mit einer wunderschönen Aussicht auf den Bosporus trank. Komfortabel, erholsam, ruhig… Es war mir nicht wichtig, warum und wohin die Leute gehen müssen. Aber drei Jahre nach diesem Moment erlebte ich eine außergewöhnliche Situation, sodass ich aus der Türkei nach Deutschland fliehen musste. Jetzt verstehe ich die Geflüchteten, die Fluchtgeschichten und Grenzen, besser als früher.

Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass sich unser gewöhnliches Leben plötzlich verändern kann. Daher sollten wir immer Verständnis, Respekt und Empathie aufbringen. Ich hoffe und glaube, dass durch die Coronazeit viele von uns die Musik des Regens zu verstehen lernen.

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