Wie sich Europa an Afrika bereichert

Wirft man einen Blick auf die Hintergründe der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Afrika, wird deutlich, dass nicht nur Korruption das alleinige Problem des Kontinents ist. Wer behauptet, dass Geflüchtete nur vom europäischen Haushalt leben, verkennt, dass dieser auch durch die Aneignung afrikanischer Ressourcen entsteht.

Ein Foto der Stadt Kapstadt.
Für den Aufbau einer eigenen Industrie sind viele Staaten auf dem Kontinent noch zu sehr auf Technologie aus dem Ausland angewiesen. Foto: Douglas Bagg – Kapstadt

„Afrika ist reich an natürlichen Ressourcen; das Problem ist, dass diese nicht optimal genutzt werden.“

Yoweri Museveni (Präsident Uganda)

In Afrika ist Korruption seit langem ein großes Problem. Es gibt wissenschaftliche Studien, die belegen, dass den Staaten dadurch jedes Jahr ungefähr 150 Milliarden US-Dollar an Einnahmen verloren gehen. Der Kontinent erhält jährlich 22,5 Milliarden US-Dollar Entwicklungshilfe von den Industrieländern, jedoch wird allein der Wert der natürlichen Ressourcen in Afrika auf 1.671 Billionen US-Dollar geschätzt. Wenn die Staaten trotzdem externe Hilfe brauchen, scheint das Eingangszitat von Museveni bestätigt. Doch die Hilfsgelder erreichen die Bevölkerung meist nicht, weil sie in den höheren politischen Ebenen und der Verwaltung verschwinden. Die jährlichen Einnahmen auf dem Kontinent durch den Tourismus belaufen sich auf 909 Milliarden US-Dollar. Die geschätzten Einnahmen, die durch den jährlichen Verkauf von Ressourcen und Landflächen entstehen, belaufen sich auf 762,4 Milliarden US-Dollar. Durch all diese Gelder könnte auch wieder in die wirtschaftliche Entwicklung von Staaten investiert werden, würden diese nicht durch die Korruption verloren gehen.

Große Teile der Bevölkerung Afrikas leben in Armut, weil die Diktatoren/Präsidenten staatliche Einnahmen für die eigene Clique nutzen und es auf Konten europäischer Banken horten. Wenn wir es genauer betrachten, hilft Europa damit sich selbst. Denn die europäischen Geldhäuser häufen mit den Finanzen der Korruption mehr Eigenkapital an und können dies in die Entwicklung Europas investieren. Somit bleiben die Industrienationen auch weiterhin den Entwicklungsstaaten überlegen. Die europäischen Staaten behaupten in den Medien oft, dass sie die Menschenrechte schützen wollen. Doch diese Forderungen werden selten in der Realität umgesetzt – sie beginnen und enden in den Medien.

Um die Ressourcen in Afrika unabhängig abbauen zu können fehlen oft Maschinen und notwendige Technologie, so bleibt eine große Abhängigkeit zu den Industriestaaten vorhanden. Die finanzielle Armut verursacht eine fehlende öffentliche Versorgung und große Probleme bei der Verwaltung, der Infrastruktur und dem Nahverkehr. Dadurch wird die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt gebremst. Die Gewissenlosigkeit mancher Regierungen in Afrika verhindert einen Fortschritt, denn Hilfsgelder könnten genauso für den Aufbau staatlicher Versorgung genutzt werden. Trotzdem ist es in den letzten Jahren in vielen afrikanischen Staaten zu einem Wirtschaftswachstum gekommen.

Das Gebäude der Wits-University in Johannesburg.
Wits-University in Johannesburg Foto: Mosa Moseneke

Es gab viele Programme, die Stipendien für den Wissenstransfer angeboten haben. Aber viele autoritär geführte Länder auf dem Kontinent besitzen keine Möglichkeit Stipendien anzubieten, die nicht politisch beeinflusst sind. Tatsächliche universitäre Bildung wird so blockiert. Der Ausbau der Qualität staatlicher Schulen oder Universitäten könnte einer breiten Schicht von Menschen eine gute Bildung ermöglichen. Stattdessen gibt es jedoch viele Stipendien, die meist Kindern der Eliten zukommen und nur einer gehobeneren Schicht Bildungschancen geben. Chancen der Weiterentwicklung für Kinder ärmerer Familien gibt es kaum, so wird die Förderung von intelligenten und talentierten Menschen innerhalb Afrikas verspielt. Diese wollen deshalb ins Exil nach Europa, um dort eine Chance auf bessere Berufsund Universitätsabschlüsse zu erhalten. Weiter besteht eine Absicht gut ausgebildete Menschen aus Afrika in Europa anzuwerben, sodass diese wiederum ihren Herkunftsländern nicht bei der Entwicklung helfen können (in der Soziologie wird dies „brain drain“ genannt). Dieser Diebstahl von Fachkräften ist ein legalisiertes Verbrechen, welches als normal hingenommen wird.

Kinder in Schuluniform an einer Schule.
Gerade im Bereich Bildung muss der Fokus auf mehr unabhängige, öffentliche Schulen und Universitäten gerichtet werden. Foto: Yannik Skorna

Dieser Kreislauf aus ineffizienter Entwicklungshilfe, der Abwanderung von Fachkräften und Korruption, lässt viele Staaten weder komplett verhungern noch hilft es, die Volkswirtschaft unabhängig zu machen und zu entwickeln. Es muss eine Grundversorgung von Ernährung, Energie und Infrastruktur in den afrikanischen Staaten geben. Meistens werden jedoch Musterprojekte von den Regierungen ausgenutzt, um Unabhängigkeit vorzutäuschen. So wurde in Eritrea ein landwirtschaftliches Projekt inklusive Bau eines Staudamms vom Präsidenten genutzt, um vorzugeben, dass die Regierung eine funktionierende Wirtschaft aufbaut. Mit dieser Taktik konnte die Regierung mehr Hilfsgelder erhalten, obwohl de facto einzelne erfolgreiche Projekte die insgesamt fehlende Staatsordnung verstecken.

Die Apartheid existiert auch noch heute. Einzelne europäische Staaten wie Frankreich oder England versuchten in der Kolonialzeit ihren Einfluss in Afrika zu erweitern. Volksgruppen oder Rebellen erhielten damals europäische Unterstützung, um eigene Interessen durchzusetzen. Früher sollten die Kolonien größer und mächtiger werden, um mehr Profit zu erlangen. So wurden Volksgruppen gespalten und Rivalitäten entwickelt,
die bis heute bestehen. Die Kriege, die auch heute geführt werden, sollen Europa mit Ressourcen versorgen und mehr Profite für große Konzerne erzielen. So werden aufgrund der Profitgier auch immer wieder Menschen zur Flucht gezwungen. Die Medien global fokussieren sich dagegen oft auf diese Rivalitäten und Konflikte Afrikas, sodass der Eindruck erwächst, die afrikanischen Staaten würden diese Konflikte selbst verursachen und somit
selbst der eigenen Entwicklung im Weg stehen. Diese Berichterstattung begünstigt das Denken, dass Afrika von externer Hilfe abhängig sein muss. Es ist eine Art der Unterhaltung in Europa über Afrikas Katastrophen zu
berichten, während die Hintergründe kaum analysiert werden.

Ein Grafitti von Barack Obama, der grüßend die Hand hebt.
Foto: Lubo Minar

Der Bevölkerung des Kontinents wäre mehr geholfen, wenn autoritäre Herrschaftssysteme gestürzt würden und mit Diktatoren keine Kooperationen betrieben würden. So erhielt der eritreische Präsident Afwerki in der Corona-Pandemie zusätzliche Hilfsgelder. Dabei sollte dieser vor ein Gericht gestellt werden, um für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt zu werden und nicht mit mehr Geldern das eigene System stützen zu können. Ansonsten werden auch mit europäischen Geldern mehr Fluchtursachen produziert. Daneben besteht ein weiteres Problem: Manche AfrikanerInnen im Exil leiden unter Diskriminierung, sodass wiederum eine Art Apartheid entsteht. Beispiel hierfür ist die über Jahrhunderte andauernde Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung in Amerika bis zur Bürgerrechtsbewegung. Von gleicher Behandlung aller, kann dennoch keine Rede sein. Der Mord von George Floyd ist ein Beispiel für ein diskriminierendes System der Polizeigewalt. Werden die Grundrechte von Individuen nicht geschützt, so kann keine Entwicklung für die Menschen stattfinden – weder in Afrika noch irgendwo anders. Barack Obama sagte: „Afrika braucht keine stärkeren Menschen, sondern eine stärkere Verfassung.“

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