Chemnitz – eine kulturelle Hauptstadt

Vor ein paar Jahren hörte ich das erste Mal, dass Chemnitz sich um den Titel der Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2025 bewirbt. Ich wusste zunächst nicht, wie ich die beiden Begriffe miteinander in Verbindung bringen sollte. Kulturhauptstadt Europas, das klingt ziemlich groß und bedeutend. Und Chemnitz ist zwar mein Zuhause, aber ist es auch als kulturelles Vorbild für ganz Europa geschaffen?

Foto: Maximilian Scheffler

Als ich vor sieben Jahren hergezogen bin, habe ich mich überhaupt nicht wohl gefühlt. Plattenbauten kannte ich sonst nur vom Vorbeifahren und jetzt sollte ich in einem solchen grauen Klotz wohnen? Zudem war ich es gar nicht gewohnt, dass die Menschen im öffentlichen Raum zumeist traurig oder gar grimmig schauten. Familienintern nannten wir die Kombination aus heruntergezogenen Mundwinkeln und müden Augen der Passagiere in der Straßenbahn fortan nur noch den „Chemnitzer Blick“. Was für kulturelle Ansprüche kann eine Stadt erfüllen, in der die Bewohner scheinbar nur bekümmert und leer sind?

Im Laufe der Jahre kamen andere Eindrücke hinzu. Wie überall auf der Welt gibt es auch in Chemnitz kreative und vor Freude nur so sprühende Menschen. Sie bereichern das Leben eines Jeden und somit eben auch die kulturellen Szenen in Chemnitz. Ich glaube, dass eine Stadt nur das Maß Kultur in sich tragen kann, dass sie zur Auseinandersetzung mit Ihrer eigenen Geschichte angelegt hat. Außerdem ist, meiner Meinung nach, entscheidend, über was für eine Vielfalt an Menschen, die in ihr leben, sie verfügt. Für beide Aspekte sehe ich in unserer Stadt immer wieder viel Potenzial und engagierte Individuen.

Doch zu einer Stadt gehören alle ihre Bewohner. Umso mehr freue ich mich darüber, dass die Bewerbung sich nicht allein mit der infrastrukturellen Gestaltung Chemnitz`, sondern auch mit den individuellen Gedanken und Problemen ihrer Bürger befasst. Die Chemnitzer BürgerInnen waren aus meiner Sicht von Beginn an ein wichtiger Bestandteil des Bewerbungsprozesses. Sie machen das Gesicht dieser Stadt aus und im Zusammenschluss können Veränderungen bewirkt und dafür gesorgt werden, dass Altes erhalten bleibt. Die Meinungen der ChemnitzerInnen sind wichtig und die bunten Plakate, die in den vergangenen Jahren um diese warben, haben verdeutlicht, dass die Stadt das weiß.

Foto: Maximilian Scheffler

Chemnitz hat neben seinen Plattenbauten und tristen Straßenzügen auch von Haus aus schon eine Menge an diverser Kultur zu bieten. So hat mir selbst die Musikszene gerade in meinen ersten Jahren geholfen in C-Town Fuß zu fassen.Selbstverständlich ist da der große Klassiker „Kraftklub“. Das Lied „Schüsse in die Luft“ kennen auch außerhalb von Chemnitz viele Menschen und die Band hat in Chemnitz eine weitere kulturelle Plattform in Form eines Festivals geschaffen. Das „Kosmonaut“ wurde seit 2013 von Jahr zu Jahr mit immer mehr Musikliebhabern überschwemmt und Anfang dieses Jahres hat sich Kraftklub dafür entschieden, die Ära des heißgeliebten Sommerfestivals zu beenden. Und auch das ist wohl etwas typisch „Chemnitzerisches“. Veranstaltungen auf familiärer Grundbasis betreiben, einander kennen und vertrauen. Doch auch MusikerInnen wie „Trettmann“ oder das Trio „BLOND“ sind seit langem etabliert bzw. erobern die Bühnen der Republik und erzählen in ihren Liedern ein Stück ihrer eigenen Chemnitzer Geschichte. Und diese Geschichten sind es, die jede:r von uns hier erlebt. Die uns verbinden und uns ausmachen.

Und jede:r erlebt sein eigenes Plätzchen Chemnitz. Deswegen ist es wichtig, dass wir unsere Stadt für jede Generation gestalten. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene fühlen sich häufig nicht gehört. Daher wäre eine mit neuen Impulsen versehene Chemnitzer Nachtkultur eine Bereicherung für alle jungen Menschen vor Ort. Bewundernswert finde ich immer wieder, was die Chemnitzer Jugend schon jetzt für Projekte auf die Beine stellt. Das Festival „Fuego a la Isla“, das in Corona-freien Jahren Anfang Juni auf der Schlossteichinsel stattfindet, wird zum Beispiel jedes Jahr von einer Jugendgruppe auf sehr berührende Art eröffnet.

Die Ortsgruppe der Fridays for Future-Bewegung in Chemnitz setzt sich aktiv für die Klimagerechtigkeit in unserer Stadt ein. Denn nur auf dem nachhaltigen Weg, können wir tatsächlich eine bleibende Kultur schaffen. Passend dazu prägte Hans Carl von Carlowitz, ein gebürtiger Chemnitzer, den Begriff der Nachhaltigkeit als einer der Ersten. Von dieser Denkweise müssen wir in Chemnitz noch mehr sehen – auf unserem Weg zur Kulturhauptstadt. Angefangen bei Fahrradwegen, die ganz plötzlich enden, bis hin zur Mülltrennung im öffentlichen Raum, gibt es noch viel Spielraum, der sobald wie möglich gefüllt werden sollte.

Auch in Sachen der internationalen Kultur kann Chemnitz noch einiges lernen. Ein friedliches Miteinander in unserer Stadt, das vom Lächeln eines jeden einzelnen ausgeht, ist dafür die wichtigste Grundlage. Doch auch die weitere Förderung der interkulturellen Vernetzung durch Mittel der Stadt ist wichtig auf unserem Weg in Richtung einer Stadt, die weltoffen ist und allen ein großes Herz zu bieten hat.

Denn Chemnitz ist mehr. Und ja, vielleicht ist Chemnitz 2025 auch Kulturhauptstadt Europas. Wichtig ist an unser Miteinander im Jetzt zu glauben und es im Alltag zu stärken. Chemnitz ist eine Stadt, die voller Vorurteile ist. Jede:r von uns sollte sich überlegen, wie die eigenen, bereits etablierten Barrieren gebrochen werden können. Denn ohne sie sind wir viel freier. Ich glaube, dass es Chemnitz gut tun würde Kulturhauptstadt zu werden, um trotzdem immer weiter an sich zu arbeiten. Kultur ist ein Prozess, den wir leben müssen.

Die Bekanntgabe der Juryentscheidung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 findet übrigens schon am 28. Oktober 2020 statt.

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