„Die große katholische Revolution Polens“ Teil 1

Die Wahlen in Polen haben uns allen gezeigt, dass die polnische Population gespalten ist -zwischen konservativen und weltoffenen Polen und Polinnen. Doch was verbirgt sich hinter den einst „eisernen“ Vorhängen? Dies möchte ich dir mit diesem Text ein wenig näherbringen.

Ich bin Justyna, 1995 in Łomża geboren, einer Kleinstadt im Nordosten von Polen, ca. 150 km von Warschau entfernt. 2005 bin ich mit meinen Eltern nach Bremen ausgewandert und als ich 20 war, fing ich mein Studium in Chemnitz an. Aufgewachsen bin ich typisch polnisch, mit all den Werten und all den Mitteln, die eine „gute polnische Frau“ auf ihrem Weg mitkriegen soll. Somit denke ich, dass ich auf unsere Frage: „Welchen Einfluss hat der katholische Glaube auf den Alltag einer polnischen Familie?“, mit diesem Text eine Antwort geben kann.

First things first: Geschichte. Ja ich weiß, als Kind einer Geschichtslehrerin mit zwei Punkten in der mündlichen Prüfung im Abi, höre ich das Wort auch nicht gerne. Aber es ist wichtig. 966 nach Christus kam es zu Christianisierung Polens, Mieszko der Erste wurde getauft und das alles für seine christliche Frau. Mieszko hat den Glauben im Land verbreitet und dafür Sympathie und Macht erhalten. Warum war das wichtig? Im 13. Jahrhundert war der römisch-katholische Glaube, der der am stärksten verbreitet war. 1000 Jahre später, also 1966, zu Zeiten der Volksrepublik Polen feierte die polnische Kirche „Sacrum Poloniae Millenium“ (Heiliges Jahrtausend für Polen). Mithilfe der Taufe des Prinzen Mieszko und der Ausbreitung des Glaubens hat die Katholische Kirche das damals geschafft, was der jetzige Präsident Andrzej Duda sich nur erträumen kann: eine katholische Revolution.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kann man sich die Situation in Polen analog zum Leben in DDR vorstellen: Inflation, zu wenig Waren und einige Unruhen in der Bevölkerung. Alle 10 Jahre kam es zu Protesten aufgrund allgemeiner Unzufriedenheit. Die katholische Kirche, die sich bis heute in die Politik einmischt, nutzte Geschichte sowie die Mittel der Hoffnung und ihre Sakramente, um bei der Revolution behilflich zu sein. Der seit 1978 agierende Papst, Johannes Paul II., stammte auch aus Polen und schenkte der Bevölkerung Hoffnung. Es ist 1989, Wałęsa ist der erste demokratisch gewählte Präsident und macht weiter wo er bei Solidarność (die Gewerkschaft, die zu dem Fall des Kommunismus in Polen geführt hat, dessen „Anführer“ Wałęsa war) aufgehört hat – Kirche in die Politik hereinzubringen. Super, wir haben den Papst, Lech Wałęsa und die ganze Bevölkerung. Der Kommunismus ist zu Ende, die russische Besatzung endet und somit handeln wir endlich „demokratisch“.

Welchen Einfluss hat das auf die polnische Bevölkerung?

Theoretisch gibt es Polen seit dem Jahr 966. Aber wirklich frei und unabhängig sind wir erst seit 1989. Unsere gesamte Kultur basiert auf einem Fundament, welches das Stabilste in unserem Leben war: der katholische Glaube. Daher sind alle Traditionen, Feiertage etc. sehr katholisch. Und da der Glaube die einzige Möglichkeit war uns richtig auszuleben, haben wir die Sache etwas übertrieben.

Ich gebe euch ein Beispiel: Weihnachten. Das Fest der Liebe, der Weihnachtsmann oder das Christkind bringt den Kindern Geschenke. Jemand streitet sich, es gibt gutes Essen und alle sind beisammen, vielleicht geht man abends in die Kirche. Für mich ist ein Weihnachtsfest auch mit der Kirche und sehr viel Stress verbunden. Wir beginnen erstmal mit der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Bereits drei Wochen davor wird schon geplant: wo gefeiert wird, wie gefeiert wird, wer eingeladen wird (wehe man vergisst jemanden aus der Familie) und vor allem was gegessen wird. Apropos Essen: an Heiligabend wird den ganzen Tag nichts gegessen, bis der erste Stern am Himmel erscheint und dann wird reingehauen. Natürlich so vegetarisch wie es in Polen üblich ist, nach dem Motto: „Fisch ist bekanntlich kein Fleisch“.

Bisher klingt es passabel, oder? Das Festessen läuft normalerweise so ab: Auf dem Tisch stehen zwölf Gerichte für die zwölf Apostel, unter der besten Tischdecke liegt Stroh für die Geburt Jesu. Alle bekommen ein Stück von der gesegneten Oblate und müssen sie mit der Familie teilen. Aber Stopp: erstmal muss natürlich ausgiebig gebetet werden. Dann wird gegessen, Geschenke verteilt und man geht gemeinsam um 24 Uhr in die Kirche. Am 27. Dezember kommt noch Besuch vom Priester der Gemeinde, der das Haus und die Bewohner segnet – er erwartet natürlich eine „kleine“ Spende. Je größer die Veränderung im Haus (neues Auto, neue Möbeln etc.) desto großzügiger sollte die Spende ausfallen.

Foto: Juna Janiszewska

Da ihr jetzt einen Einblick in den Ablauf einer Festlichkeit habt, sollten wir vielleicht auf den Alltag schauen. Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, dass jede polnische Großmutter mehr Fotos von Heiligen und Papst Johannes Paul II. hat als von anderen Familienmitgliedern. Maria, also Mutter Jesu, wird auch die „Königin von Polen“ genannt. Dies bestätigt die Grundannahme, dass die katholische Kirche einen unglaublichen Einfluss hat – auch auf die Politik. Da der Glaube die große Rettung Polens vor dem Kommunismus war, wird er immer noch als das größte Mittel in der Politik genutzt. Im Wahlkampf nutzte der Präsident Andrzej Duda oft den Satz „ein echter Pole ist auch ein Katholik“.

Bei der letzten Wahl zum Präsidenten gewann Duda nur knapp mit 51 % der Stimmen. Doch laut einer Studie des katholischen Statistikinstituts aus dem Jahr 2019, beschrieben sich 92 % der Polen als Katholiken. Aber die Menschen, die Duda gewählt haben, stammen zum Großteil aus ärmlichen Gegenden, erhalten finanzielle Unterstützung vom Staat und leben sehr traditionell. Vor allem RentnerInnen und Familien erhielten in den letzten Jahren höhere Bezüge. Die Regierung freute sich, weil wieder mehr Frauen schwanger in der Küche standen. RentnerInnen wählen Duda, weil er die Renten erhöht hat und von der Wahrung der Tradition redet. Da auch die polnische Bevölkerung immer älter wird, bilden sie den Großteil der Wählerschaft. Dies sind auch die Leute, die Solidarność noch live miterlebt haben, die alte Werte immer noch beibehalten wollen. Es sind die Menschen, die die westliche Kultur nicht annehmen wollen, weil das konservative Weltbild viel zu tief in den Knochen sitzt. Die neue Generation leidet aber unter diesen Werten, die durch alte, weiße Männer vorangetrieben werden. Homophobie, Abtreibungsverbot und rückwärtsgewandtes Denken ist nichts mehr, was die Jugendlichen und junge Erwachsene vertreten, aber unter dem sie sich anpassen müssen.

Doch wie sieht es eigentlich im Ausland aus?

Sind Menschen aus Polen hinter der polnischen Grenze anders? Ich war zu Besuch in der katholischen Gemeinde St. Antonius in Chemnitz und habe mich mit der Polnisch-Lehrerin Maria Schwebs getroffen. Für die katholische Mission in der Stadt ist sie ein Impuls, der die polnische Kultur der in Deutschland geborenen Generation näherbringt. Vor der Heiligen Messe am Sonntag haben die Kinder Möglichkeit bei einer Stunde Religionsunterricht und einer Stunde Polnisch verbunden mit Geschichte dabei zu sein. Aufgeteilt sind die Kinder in Altersgruppen bzw. Schulklassen. Vom Schulanfang, polnischen Feiertagen und Festtagen, wie Karneval oder Andrzejki, die Kinder lernen typische Traditionen und Bräuche, mit denen ich beispielweise aufgewachsen bin. Dies macht Frau Schwebs auf eine sehr liebevolle Art und Weise, so sehr, dass die Kinder aus der ganzen Umgebung jeden Sonntag zum Unterricht kommen.

Chemnitz ist aber eine Ausnahme. In Bremen ist es einfach als polnischsprachige Person gar keine Bindung zur deutschen Kultur aufzubauen. Bestes Beispiel sind meine Eltern. Als wir nach Deutschland kamen, mussten sie beide aufgrund ihrer Arbeit schnell Deutsch lernen. Mein Vater ist Fernfahrer, damals arbeitete er für eine deutsche Firma, dies änderte sich in den letzten Jahren. Seit er in einer russischen Firma arbeitet, spricht er überwiegend nur noch Russisch und Polnisch. Russisch ist quasi seine zweite Muttersprache. Meine Mutter hat insgesamt drei Deutschkurse belegt, was sehr gut geklappt hat, und wodurch sie eine Zeit lang sehr gut Deutsch sprach. Dies änderte sich jedoch schnell mit ihrem Jobwechsel. Meine Eltern sind ein Sinnbild der Polen in Großstädten. Sie müssen nicht aus ihrer „Bubble“ rauskommen. Wenn etwas erledigt werden muss, bei Krankenkassen, Ämtern etc., werden meistens die Kinder vorgeschickt. Meine Mutter arbeitete für die polnische katholische Mission in Bremen, wo sie Polnisch und Geschichte unterrichtete.

Foto: Juna Janiszewska

Wisst ihr, woran sich ein polnischer Haushalt erkennen lässt? An der Satellitenschüssel am Fenster, denn fast alle Polen und Polinnen haben polnisches Fernsehen zu Hause. Die Nachrichten, Serien, Musik etc. sind also auch alle auf Polnisch. Doch vieles im Programm ist reine Propaganda, die Patriotismus und „Polen als DAS Land“ in jeder Nachricht und Werbung ansprechen. Zum Beispiel wird die Werbung einer sehr populären Firma für Milchprodukte zu einer Lobpreisung auf die guten, polnischen Kühe. Die Nationalflagge findet man in jeder Sendung und die Nachrichten sind voll mit Stimmen der regierenden PiS-Partei (Prawo i Sprawiedliwość = Recht und Gerechtigkeit), die bekanntlich sehr national konservativ gestimmt ist.

Doch im Alltag finden sich weitere Hinweise auf polnische Parallelwelten: in Bremen gibt es mittlerweile vier polnische Supermärkte, wo für einen kleinen Preis wirklich alles eingekauft werden kann. Meine Eltern hören ausschließlich polnisches Radio, lesen nur polnische Bücher oder Zeitschriften und sind nur mit Polen und Polinnen befreundet. Es ist einfacher in der Community zu bleiben, als sich die Mühe zu geben sich zu integrieren. Schließlich lebt es sich wie gewohnt – inklusive besserer Standards. Da es aber einfacher ist sich der Bubble anzupassen und zurückzuziehen, ist die Community eine sehr unsichtbare. Nach dem Motto: „Wir halten zusammen und machen unser Ding“, ganz so als ob wir zu Hause in Polen wären.

Wenn man nicht aus seiner Blase rauskommt und das westliche Leben kaum mitbekommt, wird man sich immer wieder im Kreis drehen. Somit bleibt das Konservative auch im Ausland bei den Polen stecken. Viele haben keine neuen Ansichten, weil sie diese nicht zulassen. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber in der Praxis konnte ich oft genug beobachten, wie diese Community funktioniert. Leider kam ich jedes Mal zum gleichen Ergebnis, egal bei wie vielen Familien ich auf die Kinder aufgepasst habe oder mit meinen Eltern zu Besuch war. Wenn man seit Jahrzehnten die gleichen rassistischen Witze am Weihnachtstisch erzählt, ist es schwer diese alte Angewohnheit abzulegen, richtig? Denn Angewohnheiten werden zum Alltag aus dem sich der Charakter bildet.

Im nächsten Kapitel beschäftigen wir uns vor allem mit den aktuellen Entwicklungen in Polen, welche von der EU scharf kritisiert werden. Denn durch die stärker werdenden Repressalien gegenüber Minderheiten und der Beeinflussung der Justiz, gefährdet die polnische Regierung demokratische Prinzipien.

Schreibe einen Kommentar