Die Träume eines behinderten Mädchens aus Afghanistan

Wer würde gern die Worte einer behinderten Person aufschreiben und an andere weitergeben? Heute wollte ich diese Aufgabe übernehmen. Ich möchte die Gedanken und den Schmerz der Herzen der Menschen mit Behinderung aufschreiben und sie allen vermitteln.

Ich erinnere mich an die ersten Worte eines behinderten Mädchens, das mich fragte: „Was bedeutet ein Wunsch?“ Ich schwieg einen Moment und lächelte dann bedeutungsvoll. “Weißt du wirklich nicht, was Wunsch bedeutet?” Sie sah mich verwundert an und Tränen flossen aus ihren schönen Augen. Sie sagte: „Ich weiß es! Aber ich dachte, ich hätte mich geirrt, weil ich glaube, ich habe überhaupt kein Recht zu wünschen.“

Als ich das hörte, wollte ich ihr weiter zuhören. Ich sagte: „Weiter, ich höre von ganzem Herzen zu.“ Sie lächelte, obwohl noch Tränen in ihren Augen waren. Sie sagte: „Ich wollte erwachsen werden, um die Dinge zu tun, die mir in der Kindheit verboten waren! Aber als ich älter wurde, durfte ich das immer noch nicht.“ Und begann zu erzählen: „Ich träumte vom Studieren, trotz tausender Probleme und Schwierigkeiten, denen ich mich widersetzte. Am Ende stand ich aber immer noch vielen Hindernissen gegenüber, die ein Teil der Gesellschaft mir bereitete. Hindernisse, die mir sogar die Kraft meines Kampfes nahmen. Ich wünschte, ich wäre jemandem
wichtig und hätte einen Freund, der mit mir die fehlenden Freuden
meiner Kindheit kompensiert – aber das ist nicht geschehen. Ich habe
sogar das Gefühl, dass nicht einmal meine Familie mich liebt.“

Hier unterbrach ich sie und sagte: „Nein, das ist nicht so! Deine Familie
liebt dich. Warum denkst du so?“ Sie seufzte und sagte: “Ich weiß, dass
meine Familie mich liebt, aber ich sehnte mich danach, einen Beweis dafür zu bekommen, dass sie mich von ganzem Herzen lieben. Dann würde ich mich nicht mehr so allein fühlen. Ich suche den Kontakt und die Liebe meiner Familie. Aber wenn ich ihre Liebe nicht spüre, denke ich, dass mich niemand auf dieser Welt liebt.“

Frau im Rollstuhl sitzt allein auf einem weiten altertümlichen Platz und blickt auf eine weisse Skulptur.
Manchmal scheinen Herausforderungen unmöglich zu schaffen, aber oft brauchen wir nur das richtige Umfeld, um Ziele zu erreichen. Foto: Carlos Navas

Ich sagte: „Warum sagst du das und bist so enttäuscht?“ Ich war noch nicht fertig, aber sie wollte, dass ich sie weitersprechen lasse. Also ließ ich sie fortfahren und sagte: „Sag mir bitte alles, was dich stört.“ Sie bedankte sich mit einem Lächeln und fuhr fort: „Ich glaube nicht mehr an den Wunsch und das Wünschen! Mein Wunschdenken ist gestorben und ich habe alle meine Träume begraben.“ Ich sagte: „Wie und warum?“

Also begann sie zu erzählen: “Ich habe gehört, dass ein behindertes Mädchen mit einem gesunden Jungen verlobt war. Ich hoffte, dass sie ihren Traum verwirklichen würden. Doch die Familie des Jungen war, wegen der Behinderung des Mädchens, nicht mit der Beziehung einverstanden. Deswegen hatte die Familie eine Verlobung verhindert. Aber der Junge und das Mädchen akzeptierten die Widerstände nicht und verlobten sich ohne die Erlaubnis der Familie des Jungen. Aber als die Familie des Jungen es herausfand, entstanden viele Probleme für das junge Paar!“ Ich hörte sehr interessiert zu und war neugierig zu wissen, was passiert ist und was aus den Wünschen dieses Mädchens wurde!

Als ich sie danach fragte, begann sie mit einer allgemeinen Erklärung: „Fast jedes Mädchen auf der Erde wünscht sich eines Tages eine gute Mutter für ihr Kind zu sein, eine gute Frau für ihren Ehemann und eine Braut für die Familie ihres Mannes. Ein Mädchen mit einer Behinderung möchte auch gesund sein wie alle anderen. Aber sie hat nie das Gefühl, dass sie eine gute Mutter für ihr Kind, eine gute Frau für ihren Ehemann und eine gute Braut für die Familie sein kann. Obwohl sie immer glaubt, dass sie es kann. Aber
unsere Gesellschaft beraubt ihr unter dem Vorwand einer Behinderung
von allem etwas, vom Studium über das Heiraten und Tragen eines
Hochzeitskleides bis zur Gründung einer Familie – überall wollen sie für dich entscheiden. Jetzt, wo ich erwachsen bin, sehe ich, dass wir Menschen mit Behinderungen keine Träume im Leben haben sollen! Wir sollen nicht lernen! Wir dürfen nicht arbeiten! Wir sollen kein weißes Hochzeitskleid tragen! Kurz gesagt: wir dürfen keine eigenen Entscheidungen treffen. Unsere Familien möchten, dass wir zur Melodie ihrer Instrumente tanzen.

Es gibt genügend Beispiele dafür, dass eine Behinderung kein Hindernis für die Erfüllung meiner Träume ist. Foto: Ariel Pilotto

Oh, aber ist das wirklich Leben?! Es ist besser, nicht lebendig zu sein. Was ist das für ein Leben, das wir von Kindheit an nicht haben, bis wir erwachsen sind – von der Wahl der Farbe unserer Kleidung bis zum Studium, zur Arbeit und einer Familiengründung?“

Während ich von den Worten des behinderten Mädchens sehr traurig wurde, sagte ich zu ihr: „Ja, Liebling, ich weiß, dass behinderte Mädchen
genau wie andere Mädchen Gefühle, Liebe und Verstand besitzen. Zögere
jedoch nicht, für deine Rechte und deine Ziele zu kämpfen. Ich weiß, dass sie alle große und kleine Träume haben. Aber unsere afghanische Gesellschaft vertraut den Menschen mit Behinderung nicht und akzeptiert sie nur aus Mitleid und mit Demütigung. Daher wird die Gründung einer Familie für eine behinderte Person mit einer nicht behinderten Person als ungewöhnlich und unmöglich angesehen. Nochmals, Gott sei Dank, gibt es
weniger Probleme für behinderte Jungen als für behinderte Mädchen. Ich weiß, es ist schwer, wenn jemand eines seiner Körperteile verliert…“ Ich war noch nicht fertig, als sie noch einmal unterbrach: „Welchen menschlichen Wert haben wir also?! Sollen wir nicht menschlich träumen? Ist die Sicht auf uns ähnlich wie auf ein Tier oder sogar noch schlechter?! Sollen unsere Herzen nicht glücklich sein? Leider kümmert sich die Regierung überhaupt nicht um uns. Jeder denkt, dass wir hilflos und eine Belastung für Familie und Gesellschaft sind. Ich darf nichts machen. Dabei sind wir nicht unfähig! Wir können viel, nur vielleicht etwas langsamer als andere Menschen. Nun, sag mir die Antwort, dass ich die Bedeutung eines Wunsches mit all diesem Schmerz wirklich verstehen kann.“

Ich schwieg für einen Moment. Dann fragte ich sie: „Träumen Menschen mit Behinderungen nicht? Ist es eine Sünde, als behinderte Person zu wünschen? Wenn es so ist: Warum? Jeder Mensch, ob behindert oder
nicht, hat kleine und große Ziele und bemüht sich, seine Ziele zu erreichen. Warum sollten Menschen mit Behinderung schweigen? Es ist immer notwendig, dieses Schweigen zu brechen, denn ihre Stimmen müssen von allen gehört werden.“

Ich erklärte ihr: „Diese Geschichte gibt es vielleicht nur in unserem Land. Menschen in anderen Gesellschaften haben solche Gedanken nicht über
Menschen mit Behinderungen. Oft sind es keine absoluten Behinderungen,
sondern die Einschränkungen der Anderen. Nicht alle Menschen, die ein oder mehrere Gliedmaßen verloren haben, sind automatisch behindert. Es gibt vielmehr eine Behinderung durch die Mehrheit, die schlechte Gedanken und Überzeugungen haben, und Menschen mit Einschränkungen nichts zutrauen.“

Aus den Worten des Mädchens ging hervor, dass sie viel gelitten hatte. Natürlich nicht nur, wegen ihrer körperlichen Einschränkung. Sondern vor allem, weil ihr falsche und frustrierende Gedanken und Überzeugungen gegeben wurden. Ich weiß, dass das Mädchen noch mehr zu sagen hatte, aber ich habe nur einen Ausschnitt ihrer unausgesprochenen Gedanken für Sie aufgeschrieben. Damit wir alle eine Kampagne organisieren und uns für Menschen mit Behinderung einsetzen können. Damit sie in der Gesellschaft reaktiviert werden und ihnen alles erlaubt wird. Wir müssen immer Möglichkeiten schaffen, damit sie ihre Träume erfüllen, denn sie sind menschlich.

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