Schnelle Einarbeitung trotz komplexer Verfahren

Als 1996 ein Chemnitzer Familienbetrieb die Plasmanitriertechnik einführt, ist dies ein Novum auf dem sächsischen Arbeitsmarkt. Viele Anrufe, die Informationen über Plasmaspenden erhalten wollen, werden folgen. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Begriff ein Verfahren zur Oberflächenhärtung.

Ein Mann arbeitet an einer Plasmanitrieranlage.
Mittlerweile werden die Plasmanitrieranlagen im Betrieb selbst hergestellt. Foto: Ines Escherich Fotografie

Als wir im Stadtteil Schönau das Büro vom Geschäftsführer der „Plasmanitriertechnik Dr. Böhm GmbH“ betreten, herrscht von Beginn an eine freundliche Atmosphäre. In Ruhe erklärt uns Andreas Böhm über das
Verfahren auf, in dem laut Wikipedia „in einer ionisierten Gasatmosphäre
gezielt Stickstoff in die Randzone von Eisenbasislegierungen eindiffundiert“. Wenig schlauer fragten wir bei Herr Böhm nach einer Erklärung für uns Laien: „Wir sind eine Härterei. Eigentlich können wir sämtliche Teile härten, die im Maschinenbau benötigt werden. Über Frästeile, Drehteile, Zahnräder bis zu Autoteilen. Das Plasmanitrieren ist unser Hauptverfahren. Als meine Mutter 1996 die Firma gründete, war das
eine absolute Nische.“

In Sachsen war das moderne Verfahren damals also ein Novum. Frau Dr.
Böhm gründete das Unternehmen mit einem Mitarbeiter auf der Annaberger Straße. „Das war damals ein Technologiezentrum, dass Start-
Ups eine Chance gab, um sich zu entwickeln. Am heutigen Standort in Schönau arbeiten mittlerweile 15 MitarbeiterInnen.“, so Andreas Böhm. Um sich zu entwickeln, arbeitet das Unternehmen eng mit der TU Freiberg zusammen. Aktuelle Ergebnisse aus der Forschung fließen ebenso wie der Nachhaltigkeitsgedanke mit ein: „Das Verfahren ist sehr energieaufwendig. Deswegen arbeiten wir im Moment daran, die über Strom erzeugte Hitze während des Verfahrens wieder nutzbar zu machen.“ Im nächsten Jahr wird zudem der komplette Strom für die Firma aus Trägern erneuerbarer Energien gespeist – die Firma scheint offen für Veränderungen.

Auch zwei Geflüchtete aus dem Irak waren letztes Jahr in der Produktion
tätig, obwohl diese keinerlei Vorerfahrung besaßen. „Am Anfang war
ich skeptisch. Aber nicht, weil ich ihre Fähigkeiten anzweifelte. Ich
wusste einfach nicht, wie der Rest der Belegschaft auf sie reagieren
würde. Aber schnell stellte sich heraus, dass alles sehr gut funktionierte.
Sie waren fleißig, wurden gut aufgenommen und als Teil des Teams akzeptiert.“ Bei der Bürokratie unterstützte eine Mitarbeiterin vom
„Internationalen Bund“, die sich z.B. um die Arbeitsgenehmigung bei
der Ausländerbehörde kümmerte. So gab es laut Böhm bis zu Beginn
dieses Jahres keinerlei kulturelle oder sprachliche Schwierigkeiten
zwischen den neuen Mitarbeitern und der Stammbelegschaft.

„Wir waren sehr irritiert als beide unregelmäßiger zur Arbeit kamen,
sich immer öfter krankmeldeten und dann gar nicht mehr erschienen. Alle
dachten, Mustafa und Yunuz würden langfristig bei uns arbeiten.“ Auch
ihr Kollege Morteza Ahmadzadeh konnte diese Entscheidung nicht
verstehen: „Beide schienen sehr gut in die Arbeit integriert. Als ich davon
gehört habe, dass sie nicht mehr kommen war ich geschockt.“

Geschäftsführer Andreas Böhm und Mitarbeiter Morteza Ahmadzadeh vor dem Betrieb.
Mitarbeiter Morteza Ahmadzadeh und Geschäftsführer Andreas Böhm vor dem Betrieb. Foto: Dave Schmidtke

Herr Ahmadzadeh kam vor sieben Jahren aus dem Iran nach Deutschland. Trotz seines in der Heimat abgeschlossenen Studiums als Wirtschaftsingenieur war sein Neustart hierzulande mit vielen Rückschlägen verbunden. „Mein Studium wurde in Deutschland anerkannt, ich suchte eine Festanstellung oder eine Stelle für ein duales Studium. Dann habe ich in 15 Monaten über 700 Bewerbungen geschrieben und erhielt keine Zusage. Ich habe dem Jobcenter circa 345 Absagen zukommen lassen, die Sachbearbeiterin wollte mir zuvor nicht glauben.“, erklärt Ahmadzadeh. Doch schon seit einem Jahr arbeitet er im Rahmen seines Studiums an der Berufsakademie Glauchau für den Plasmanitrier-Betrieb und ist begeistert. „Das Vorstellungsgespräch kann ich gar nicht so nennen. Herr Böhm hat mich direkt in Vieles eingewiesen und ich war direkt Teil des Teams. Mit den restlichen Kollegen verstehe ich mich auch super und ich bin wirklich zufrieden, da ich in alle Prozesse der Konstruktion eingewiesen werde.“

Als wir ihn darauf ansprechen, warum seine Bewerbungen vorher nicht
erfolgreich waren, entgegnet Herr Ahmadzadeh: „Integration ist niemals
einseitig. Auch die Deutschen müssen auf die Migranten eingehen und etwas offener sein, ansonsten funktioniert es nicht.“ So sollte bei Bewerbungen die Qualifikation eine Rolle spielen – nicht die Herkunft. Wir
stimmen ihm zu und stellen fest, dass genau diese Forderung im Betrieb
von Herr Böhm bereits umgesetzt wurde.

Schreibe einen Kommentar