“Die große katholische Revolution Polens” Teil 2

Herzlich willkommen beim Teil 2 meiner kurzen Erörterung über die Situation in Polen. Im ersten Teil schrieb ich über die Geschichte des Landes, den großen Einfluss der katholischen Kirche, Feiertage und das Leben von Polen und Polinnen im Ausland. Nun beschäftigen wir uns mehr mit den Frauen und deren Rechten.

©Foto: Claudio Schwarz

Zunächst möchte ich eine Trigger-Warnung aussprechen. Wenn dich Themen rundum sexuelle Gewalt oder Bodyshaming triggern könnten, würde ich dir persönlich davon abraten weiterzulesen.

Stell dir vor du hattest Sex mit deinem Freund, das Kondom ist gerissen und du eilst zu der Apotheke, um die Pille danach zu holen. In Deutschland ist es kein Ding, nach einem sehr unangenehmen Gespräch mit der Dame am Schalter kriegst du deine „Ella One“ ziemlich fix für einen „Schnäppchenpreis“ von 35€.

Wärst du in Polen, müsstest du dann zur Klinik oder in eine Frauenarztpraxis. Wenn du Glück hast, wirst du bei der Dritten oder Vierten Ärztin aufgenommen, da du normalerweise einen Termin brauchst und auf den wartest du noch länger als auf den einer Hausarztpraxis in Bernsdorf während der Prüfungsphase. Dann wird dir erstmal das Blut abgenommen und es werden gefühlte tausend Untersuchungen durchgezogen, um sicher zu stellen, dass du nicht schwanger bist. Dies alles kostet Zeit und genau die hast du ja bekanntlich nicht.

Die Pille danach darfst du bis zu 120 Stunden nach dem Sex einnehmen. Klingt erstmal nach einer langen Zeit, aber was ist, wenn du jung bist (bis zum 18. Lebensjahr brauchst du einen Elternteil mit dir) und dich erstmal nicht traust hinzugehen. Dann rennst du erstmal den ganzen Tag, um das Rezept zu bekommen, bezahlst erstmal dafür zwischen 30 und 110 złoty (6,59€ -24,17€) um dann in der Apotheke zu erfahren: „Jo, müssen wir bestellen“, was sehr wahrscheinlich sein wird und was bis zu 48 Stunden dauern kann. Dann musst du die Pille noch bezahlen was zwischen 64,48 złoty und 139,99 złoty (14,17€-30,76€) kosten kann. Gut wenn wir das zusammenrechnen müssen im Durchschnitt die Frauen in beiden Ländern das Gleiche bezahlen. Warum schreibe ich Frauen? Ich gehe vom „Normalfall“ in Polen aus, wo die Frau sich um die Verhütung kümmern muss.

Was die Frauen in Deutschland umgehen können, ist die Demütigung und die Sprüche, die du in den meisten katholischen Krankenhäusern zu hören bekommst. „Slutshaming“ ist leider Alltag, es fängt mit dem Outfit an und endet mit deiner Wahl vor der Ehe mit jemanden zu schlafen und dich dazu bewusst zu entschieden kein Kind auf die Welt zu bringen, zumindest nicht jetzt. Der ganze Prozess wird nach hinten verzögert obwohl es nicht nötig
wäre. Wenn du zu spät dran bist, kann es schon zu spät sein und du beginnst Panik zu schieben, ob du schwanger bist. Wenn du es wirklich bist, wirst du gezwungen das Kind auf die Welt zu bringen, weil Abtreibungsverordnungen eine reine Hölle sind.

Was ist aber, wenn du vergewaltigt wirst? Vor etwa drei Wochen wurde einem 26-jähigen Mann vom Gericht ein Urteil auf Bewährung ausgesprochen. 2016 hatte er ein damals 14-jähriges Mädchen vergewaltigt. Der Mann gehörte zur Familie und als er an Weihnachten 2016 von einer Party nach Hause kam, hatte das Mädchen in seinem Bett geschlafen. Der Mann nutzte die Chance und zwang sie zum Sex. Das Gericht empfand dies aber nicht als Vergewaltigung, weil das Mädchen ihn nur weggeschoben hat und nicht geschrien hat. So wird mit 30-40% aller Fälle von Vergewaltigung in polnischen Gerichten umgegangen [1]. Geschrei als Indikator des Unwohlseins. Von der Schockstarre hat der Richter bestimmt nie etwas gehört. Aber da ich ja eine Frau bin und bekanntlich in der polnischen Welt wenig zu melden habe, schauen wir mal was die Politiker in Polen uns zu sagen haben.

Quelle: https://twitter.com/JkmMikke/status/1306132148668321792

Ein Beispiel ist der rechtsextreme Politiker Janusz Korwin Mikke, der bis 2018 im Europäischen Parlament tätig war. Andrzej Gajcy (polnischer Journalist) tweetete: „Was die Gerichte tun, schreit nach Rache bis zum Himmel. Gegen den Richter, der es als Argument dafür ansah die Strafe zu mindern, dass das vergewaltigte Mädchen nicht schrie, sollte sofort ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden und er sollte die Möglichkeit seines Entscheidungsrechts verlieren. Der Staat muss sich auf die Seite der Opfer stellen!“, darauf antwortete Herr Mikke: „Herr Gajcy ist verrückt. Dieses Kriterium funktioniert seit 6000 Jahren! Wie kann man sonst ein Opfer von einen Mädchen unterscheiden, die schon willig ist, aber dann Vergewaltigung vorwirft, weil sie Angst vor ihrem Vater hat. Es ist eine WPM Bewegung – White Pussy Matters; die jede Möglichkeit sucht jemanden zu beschuldigen.“ 2017 schilderte Mikke im EU-Parlament, dass Frauen insgesamt weniger Intelligenz als Männer besitzen. Ich denke, mehr Plattform muss diesem Mann nicht gegeben werden.

Okay, also angenommen ein Mädchen wird vergewaltigt. Der Vergewaltiger hat kein Kondom benutzt. Sie musste erstmal den Schock verarbeiten, hat kein Geld und kann sich weder das private Rezept noch die Pille danach leisten und wird dadurch schwanger und ihr wird nur gesagt: „Schade für dich, aber ich kann dir nicht sagen, wer dir hilft. Also viel Spaß beim Googeln!“

Und warum ist dies Realität? Weil der Sejm (das höchste polnische Parlament) eine Zusatzklausel festlegte, die besagt: wenn der Arzt/die Ärztin die Abtreibung nicht durchführen kann, muss er/sie dich nicht mehr darauf hinweisen, wo sich andere ÄrztInnen befinden, welche
sich darauf spezialisiert haben. Das Gesetz erlaubt außerdem die Abtreibung nur dann, wenn die Schwangerschaft die Folge einer verbotenen Handlung ist (z.B. Vergewaltigung oder Inzest); wenn sie das Leben oder die Gesundheit der Mutter gefährdet oder bei schwerer, unheilbarer Krankheit des Fötus. Diese Begründung für eine Abtreibung will die Regierungspartei PiS aber ebenfalls für illegal erklären, im November stimmt der Verfassungsgerichtshof darüber ab.

Das polnische Parlament verabschiedet zunehmend konservativ-katholische geprägte Gesetze und sorgt damit sowohl im Land als auch in der Europäischen Union für Kritik. © Foto: Piotr Cierkosz

Wie sieht die „ideale“ Frau in Polen aus?

Es ist nicht so, dass polnische Frauen ein bestimmtes Bild mit sich bringen müssen. Wir müssen alle nur hübsch, dünn und gepflegt (bestenfalls blond) sein. Eine Frau hat sich zu benehmen. Sie soll nicht rauchen oder fluchen und Alkohol nur zu besonderen Anlässen trinken (keine Sorge – es gibt tausende Anlässe). Die Frau muss dann aber weniger oder gar nicht trinken, da sie entweder fahren oder die Gäste bespaßen muss. Schon als junges Mädchen lernst du, sobald die Gäste da sind, erstmal Kaffee, Tee mit Zitrone und etwas Kuchen angeboten wird. Das ist zum Beispiel eine Angewohnheit, die ich nicht ablegen kann. Du musst dabei stets höflich und ruhig sein, aber gleichzeitig nicht zu ruhig, damit die Gäste sich nicht langweilen. Es wird vor allem über deine privaten Angelegenheiten geredet wie die Periode. Als ich meine gekriegt habe, mit ca. 14 Jahren, habe ich von allen Freundinnen meiner Mutter Glückwünsche bekommen und seitdem fragen sie jedes Mal, wenn sie mich sehen, ob sich ein „Kawaler“ (Kavalier) um mich herumschleicht, wann ich heirate und wann die Kinder kommen. Mein Opa möchte mich mit der halben Nachbarschaft verkuppeln, weil ich ja bald wie eine „stara Panna“ (alte Jungfrau) enden werde. Ich bin 25 Jahre alt, nur so am Rande.

Früher fand ich die Emoszene ziemlich cool. Ich wollte meine Haare bunt färben, hatte schnell Piercings und hab „Paramore“ rauf und runter gehört. Ich hatte oft Wechselklamotten im Rucksack, hab mit 16 angefangen zu rauchen und in meinen Kleiderschrank fand man nur schwarze Klamotten. Als ich von zu Hause ausgezogen bin, hab ich mich ausgetobt. Aber für die Besuche bei meinen Eltern hatte ich immer eine Kiste, in der ich Klamotten drin verstaute, bei denen ich wusste, dass meine Eltern nie einen Kommentar rauslassen werden. Dann wurde das Septum hochgedreht und wenn ich es doch vergessen hatte, war ein riesiger Streit vorprogrammiert. Meine langen Haare habe ich kurz geschnitten, was für Empörung sorgte. Seitdem werde ich regelmäßig gefragt, ob ich lesbisch sei und dies nicht nur durch meine Eltern, sondern auch von vielen anderen Familienmitgliedern. Dazu kommt die Tatsache, dass ich eine linke Feministin bin. So wurde ich schnell zum schwarzen Schaf meiner Familie.

Zum Aussehen gehört auch eine schöne Figur. Deswegen ist jede Polin, die ich kenne, auf Diät. Jede davon hat die beste Methode Pfunde zu verlieren, aber die schönsten Ratschläge hatten immer die Männer. Mein Lieblingstipp ist aber immer noch: „Du musst Essig trinken, morgens und abends!“ Als pummelige Person hat man es auch sonst nicht einfach, aber meine liebsten Kommentare waren bisher folgende:

  • „Männer lieben ja Frauen mit Kurven, aber das ist ja … ne“
  • „Wenn du 60kg abnehmen würdest, wärst du ja ein Model“ (und tot)
  • „Du hast so ein hübsches Gesicht, aber der Rest… ich weiß nicht“
  • „Wenn du einmal Kinder kriegst. Dann verlässt dich dein Mann sofort“
Frauen in Warschau. © Foto: Juna Janiszewska

Die Frau des Fußballspielers Robert Lewandowski postete Ende August ein Video, in dem sie sich öffentlich über die Zielgruppe ihrer Fitnessprogramme, die in Polen sehr populär sind, in einem Fatsuit gekleidet lustig macht. Sie erzählte fünf Minuten lang wie unsexy dies ist und wie eklig sie es findet. Klamotten für Plus Size Women in Polen zu finden ist noch schwieriger als in Deutschland, was ja bekanntlich nicht einfach ist. Wenn man dick ist, muss man sich automatisch hinter viel zu wuchtigen Klamotten verstecken.

Warum wählen die Frauen dann die PiS Partei, wenn sie weiterhin so eingeschränkt werden?

Wenn du schwanger wirst, erhalten die Menschen von der Regierung für jedes Kind monatlich 500 złoty (109,87€). Das ist ein Haufen Geld, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Verdienst im Land 3665 złoty (805,36€) beträgt. Vor allem auf den Dörfern, wo die Mütter sehr viele Kinder auf die Welt bringen, ist dies ein Vorteil das monatliche Einkommen der Familie zu sichern, wenn die Ernte nicht so viel Ertrag bringt. Es ist eine Win-Win-Situation für die PiS-Regierung. Die Population steigt und die Frauen sind wieder zufrieden, da sie einfache Hausfrauen sein können und an die Kinder die „guten katholischen Werte“ weitergeben können.

Doch wie geht es der LGBT+ community in Polen? Dazu in dem letzten Teil meiner Reihe.

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