Integration durch das Reisen – 800 Kilometer mit dem Fahrrad unterwegs

Ja es stimmt, wir waren 800 Kilometer auf dem Elbeweg von Dresden nach Hamburg mit dem Fahrrad. Ein Freund von mir und ich haben ein unglaubliches und wunderbares Abenteuer erlebt. Neben der schönen Natur, bleiben vor allem die Kontakte zu den Menschen in meiner Erinnerung.

Mein Freund Mehmet vor dem Start unserer Reise in Dresden. Foto: Sefer Ahmet Özkan

Ich bin heute 26 Jahre alt. Doch schon früher, ich war ungefähr 20, wurde meine Abenteuerlust geweckt. Ich wollte mich und meine Umwelt seitdem mehr erkunden. Ich musste wissen: “Kann ich so mutig sein wie Axel Lidenbrock?” oder “Kann ich so geduldig und stark wie Mishel Strogof sein?” Ich musste herausfinden, ob ich größere Ziele mit meinem Optimismus erreichen kann. Ich wollte mich selbst testen – kann ich es schaffen? Bin ich mutig genug?

Ein weiteres Thema, das uns vor der Reise neugierig machte, war das Leben in Deutschland. Ist es so wie es in den Integrationskursen beschrieben wird? Wir wollten es selbst sehen. Wir haben nach der Tour verstanden, dass man sich durch das Reisen besser integrieren kann, als in jedem Integrationskurs. Deshalb würde ich empfehlen, dass nach dem Integrationskursen alle eine solche Tour machen sollten. Reisen bildet die Menschen. Wir haben viel von der Geschichte Deutschlands gelernt, viele neue Orte und alte Städte besichtigt, die sehr schön waren und uns viel beigebracht haben. Wir haben mit vielen Menschen Kontakt aufgenommen, viele neue Menschen kennengelernt. Ein Thema aber machte uns beide traurig. Die meisten Menschen, mit denen wir uns getroffen und gesprochen haben, stellten uns die gleiche Frage: “Ist es nicht schwer für Ausländer in Ostdeutschland zu leben?” Aber warum denn? Warum denken die Leute so? Warum trennen die Leute noch immer Ostdeutschland und Westdeutschland?

Ich finde das wirklich schade und habe allen die gleiche Antwort gegeben: Ich bin seit fast zwei Jahren in Deutschland und seit der Ankunft lebe ich in Leipzig oder in anderen Teilen Ostdeutschlands. Ich hatte bis jetzt keine rassistische Erfahrung. Es sind viele freundliche und nette Kontakte entstanden. Die Meinung, dass es in Ostdeutschland für Ausländer immer schwer ist, ist aus meiner Sicht falsch.

Seit der Ankunft in Deutschland fahren wir oft mit dem Fahrrad. Es gefällt uns. Eines Tages hat mein Freund Mehmet mich gefragt, warum wir nicht eine größere Tour machen? Das war eine gute Frage. Diese Idee ist uns vor
fünf Monaten eingefallen. Wir haben fünf Monate davon geträumt, viele Pläne gemacht, uns gut vorbereitet und viel nachgedacht. Wir hatten einige Probleme, aber es hat sich gelohnt.

Wir sind am 01.08.2020 von Dresden aus gestartet und wollten bis nach Hamburg. Die Wegbeschreibung haben wir im Internet gefunden. Manche finden den Fahrradweg östlich der Elbe, manche dagegen den Fahrradweg
westlich der Elbe besser. Wir hatten keine Ahnung.

Wir wussten nicht, wem wir glauben sollen. Also sind wir einfach losgefahren und auf dem Weg haben wir gelernt, dass alle Informationen richtig sind, weil der Weg machmal auf der östlichen Seite, machmal auf der westlichen Seite gut war. “Es ist eine gute Erfahrung”, ist der unverzichtbare Satz unserer Reise, den wir zum ersten Mal während der Tour sagten. Diesen Satz haben wir auf dem ganzen Weg benutzt.

Erster Halt war Meißen. Eine kleine, aber wirklich sehr schöne Stadt. In Meißen haben wir die Geschichte des Porzellans in Europa kennengelernt und wissen nun das “Weiße Gold” zu schätzen. Wittenberg war für uns sehr wichtig. Dafür gibt es zwei Gründe. Der erste Grund war, dass Martin Luther in Wittenberg gelebt hat, die Reformation hier begann und sie deshalb eine Stadt voller Geschichte ist. Als ich in der Gesamtschule war, habe ich viel über die Reformation gelernt. Damals habe ich immer gedacht, wenn ich irgendwann nach Europa fahren kann, werde ich mich
unbedingt mehr darüber informieren und diese Stadt besichtigen. Auf dieser Reise sind meine Träume wahr geworden.

Nach der Reformation hat sich viel verändert. Über solch ein wichtiges Ereignis vor Ort zu lernen, hat uns viel vermittelt. Der zweite Grund war, dass ein sehr netter Freund dort auf uns wartete. Er wohnt in Chemnitz, aber stammt aus Wittenberg. Sein Name ist Dave und er führte uns durch die Altstadt. Er war ein sehr guter Stadtführer. Dank ihm haben wir über Martin Luther und die Reformation viel gelernt und eine sehr schöne Stadt erkundigt. Es war ein unvergesslicher Tag. Ich würde euch empfehlen, dorthin zu reisen, aber es braucht einen guten Stadtführer wie Dave.

Ich, Dave und Mehmet vor der Thesentür Martin Luthers in
Wittenberg. © Foto: Sefer Ahmet Özkan

Ein anderes unvergessliches Abenteuer, und einer der interessantesten Orte auf unserer Reise, war der Brocken. Er hat eine Höhe von 1.142 Metern und ist als der höchste Ort im Norden Deutschlands bekannt. Vom Zweiten Weltkrieg bis 1989 innerhalb der DDR gelegen, wurde der Berg von den Russen zur Überwachung und Aufklärung genutzt. Ein weiteres wichtiges Merkmal des Berges, wo es ein Hotel und ein Museum gibt, ist, dass er mit einem historischen Dampfzug bereist werden kann. Die “Brockenbahn”, die seit etwa 130 Jahren den Berg erklimmt, fährt von Wernigerode zum Brocken. Die Fahrt dauert circa zwei Stunden lang und führt um den Brocken herum. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich mit dem Dampfzug gefahren und es war pure Nostalgie für mich.

Sprechen wir als nächstes über Tangermünde, eine der tollsten Städte auf
unserer Reise. Wir werden diese Stadt nie vergessen, die uns mit Ihrer Geschichte und Schönheit so fasziniert hat. Wir hatten eigentlich gar nicht geplant in Tangermünde zu übernachten. Es war für uns eine Überraschung, auf solch eine Stadt zu treffen. Besonders ist das Rathaus
im Zentrum der Stadt, denn auf dem Dach des Rathauses ist ein großes Vogelnest zu finden. Am Abend dachten wir, dass es in dieser Stadt langweilig wird – wir hatten uns getäuscht. Obwohl wenig Menschen dort leben, haben wir zum ersten Mal eine Stadt gesehen, in der nachts Cafés geöffnet sind und Menschen auf den Straßen sind. Die Altstadt ist sehr historisch. In dieser vom deutschen Staat geschützten Stadt kann man nichts an den Gebäuden ändern. Wenn Sie eine Restauration machen möchten, müssen Sie den Originalzustand wiederherstellen. Das ist cool, um die Geschichte und die Schönheit zu schützen. Unbedingt werde ich irgendwann in diese Stadt zurück fahren, denn nur eine Nacht war mir
dort nicht genug.

Das wunderschöne Rathaus in Tangermünde. Foto: Sefer Ahmet Ozkan

Nach diesem Stop hatten wir noch zwei Tage bis nach Hamburg und
diese letzten zwei Tage sollten die heißesten Tagen unserer Reise
werden. Es war wirklich schwer, in dieser Hitze Fahrrad zu fahren, aber
nichtsdestotrotz war auch das eine ,,gute Erfahrung’’ – wie wir zu sagen
pflegten. Wir haben auf dem Weg geträumt, dass es unglaubliche wäre,
wenn es irgendwo ein Pool gäbe. Wahrscheinlich war das ein Gebet.
Denn als wir schließlich den Campingplatz erreichten, sagte uns ein
Mann bei der Anmeldung, dass es auf ihrem Gelände ein Schwimmbecken
gibt und wir pro Person 1,50 € bezahlen müssen, wenn wir schwimmen
wollen. Als ich diese Nachricht erfuhr, war ich so glücklich wie nie. Auch wenn der Eintritt 5 € gekostet hätte, hätte ich ihn bezahlt, denn ich
war knallrot wie eine Tomaten. Wir haben das Zelt aufgebaut, alle Sache in
das Zelt gelegt und sind zum Becken gerannt. Als ich zum Becken gesprungen bin, kann ich nicht erzählen, wie ich mich gefühlt habe. Es gibt kein Wort, um das Gefühl auszudrücken.

Der Tag, bevor wir Hamburg erreichten, war ebenfalls extrem heiss. Aber wir hatten die Möglichkeit, an der Elbe zu schwimmen. Auf einem anderen Campingplatz haben wir einen Stuttgarter kennengelernt – der war sehr lustig und freundlich. Wir haben viel mit ihm gequatscht. Als er in der Schule war, hatte er einen türkischen Freund und hat viele seiner Erinnerungen mit uns geteilt. Auf der gesamten Reise haben wir auf Campingplätzen übernachtet, außer in Hamburg, dort haben wir in einem
Hostel geschlafen. Wir haben das erste Mal in unserem Leben in einem Zelt geschlafen. Das war eine gute Erfahrung und hat tatsächlich viel Spaß gemacht. Wir trinken gerne Tee und konnten dafür immer heißes Wasser auf dem Campingplätzen finden. Auf jedem Campingplätzen gab es Duschen und eine Küche. Es war besser, als wir erwartet haben. Diese Reise hat uns viel gezeigt und beigebracht. Wir haben verstanden, dass an solchen Plänen eigentlich nichts kompliziert oder schwierig ist. Man sollte es einfach versuchen!

Der letzte Tag – endlich sind wir in Hamburg. Es war der achte Tag und wir sind schon 800 Kilometer gefahren. Ehrlich gesagt hatte ich am Anfang der Reise Zweifel: ob wir das wirklich schaffen können? Aber wir haben es geschafft. Wir haben bis Hamburg sehr schöne Orte gesehen, viele Geschichten gehört, viele Menschen kennengelernt und ein unvergessliches Abenteuer gehabt. Diese Reise war der Anfang. Wir werden weiterfahren – ohne Stop!

Blick auf die Elbbrücke in Wittenberge. Foto: Sefer Ahmet Ozkan

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