Venezuela – Reiches Land am Abgrund

Die Liste der Probleme ist lang: ein autoritäres Regime, korrupte Eliten, internationale Sanktionen, Inflation, politische Spaltung und zunehmende Kriminalität. Nachdem der langjährige Machthaber Hugo Chavez 2013 verstarb und Nicolás Maduro dessen Erbe antrat, verschärfte sich die Situation in Venezuela weiter. Laut UNHCR haben bereits 4,5 Millionen
Menschen das Land verlassen – auch Richtung Deutschland. Sachsen ist das einzige Bundesland, in welches Flüchtlinge aus Venezuela verteilt werden.

Massenproteste 2016 in der Hauptstadt Caracas. „La gran toma de Caracas“ (dt. Übernahme von Caracas) hatte das Ziel die Regierung Maduros zu Neuwahlen und zu seinem Rücktritt zu zwingen. © Foto: Alexander Saavedra

Venezuela ist das Land mit den weltweit größten Erdölreserven. Trotzdem steht das Land vor dem Kollaps – ökonomisch sowie politisch. Die Situation ist so dramatisch, dass Menschen im Land hungern. Doch wie geht es den Leuten im Exil? Und welche Wege aus der Krise des Landes gibt es? Um darauf Antworten zu finden haben wir uns mit Alexander Saavedra und María Gabriela Trompetero unterhalten, beide stammen aus Venezuela, leben heute in Deutschland und sind in der Gruppe „Einheit für Venezuela“ tätig.

Alexander, vielleicht kannst Du dich für unser Magazin kurz vorstellen?

Alexander Saavedra: Mein Name ist Alexander, ich wohne seit 18 Monaten in Deutschland. Ich komme aus der Hauptstadt Caracas. Am Anfang wohnte ich in Chemnitz und nun in einem Dorf in der Nähe von Riesa. Dort besuche ich einen Deutschkurs.

Wie gefällt es Dir dort, hast du schon neue Kontakte?

Alexander Saavedra: Leider ist hier nichts los und ich habe kaum Kontakte. In Chemnitz hatte ich viele Freunde und eine gute Zeit. Ich habe auch in einem Baseball-Verein – bei den Cyndicates – gespielt. Es war eine schöne Zeit und ich würde wirklich gern nach Chemnitz zurück. Aber mein Asylverfahren läuft noch und bis ich eine Antwort bekommen habe, muss
ich hierbleiben.

Nachdem in der Hauptstadt Caracas 2014 Menschen bei Protesten starben, erinnerten am Tag der Jugend 2017 Saavedra und andere junge Menschen im Land an diese Ereignisse. © Foto: Alexander Saavedra

Alle Menschen aus Venezuela, die als Flüchtlinge hier ankommen, werden nach Sachsen verteilt. Wie ist dein Eindruck: gefällt es den Leuten hier?

Alexander Saavedra: Ja, es stimmt. Zuerst wohnen wir alle in Sachsen, viele in Leipzig, Dresden oder Chemnitz. Aber es ist Glückssache, wo wir wohnen dürfen, mit Chemnitz war ich wirklich zufrieden.

Seit einigen Jahren kommen Menschen aus Venezuela nach Sachsen. Gibt es schon eine selbstorganisierte Gruppe, wo die Menschen Hilfe finden?

Alexander Saavedra: Ja, es gibt einige Facebook-Gruppen, die Hilfe anbieten. Aber diese sind alle inoffiziell und deswegen fällt es mir schwer, diesen zu vertrauen. Die Informationen dort sind nicht immer verlässlich. In den Großstädten wie Chemnitz oder Leipzig ist es für uns einfacher. Hier
können wir direkten Kontakt zu anderen Leuten aus Venezuela aufbauen. Das ist eine wirkliche Hilfe für den Anfang in Deutschland.

War das auch ein Grund dass ihr jetzt den Verein „Einheit für Venezuela“ gründen wollt, damit die Menschen, die neu hier sind, auch über euch Hilfe bekommen?

Alexander Saavedra: Nein, eine ähnliche Idee für den Verein entstand 2016 mit den zunehmenden Protesten in Venezuela gegen die Regierung von Maduro. Damals wollten die Menschen im Exil diese Proteste unterstützen. Dabei haben wir gemerkt, dass wir über die Gruppe auch Leuten helfen können im Alltag. Zum Beispiel wenn es Termine bei Behörden gab oder ein Antrag ausgefüllt werden musste.

María, eventuell könntest Du dich ebenfalls kurz für unsere LeserInnen vorstellen?

María Gabriela Trompetero: Ich bin seit 2014 in Deutschland und habe das Land wegen steigender Kriminalität und der Wirtschaftskrise verlassen müssen. Aktuell promoviere ich an der Uni in Bielefeld in Soziologie.

María, Du bist schon länger in der Gruppe aktiv. Seit wann gibt es die
Idee zum Verein?

María Gabriela Trompetero bei der Veranstaltung „Venezuelas Diaspora – Ein Gewinn für die Entwicklung“ in Köln. © Foto: Barbara Montoya

María Gabriela Trompetero: Wir sind gerade im Prozess der Gründung eines Vereins, wir warten noch auf die letzte Bestätigung. Wir haben uns im
Jahr 2019 unter dem Namen „Einheit für Venezuela“ neu organisiert. Vorher gab es viele verschiedene Gruppen, aber ohne eine feste Struktur. Jetzt sind wir zwanzig MitgliederInnen, haben aber sehr viel mehr HelferInnen, die uns im Projekt helfen. Dadurch können wir auch in Sachsen viele Geflüchtete unterstützen.

Was sind die Ziele von „Einheit für Venezuela“. Wollt ihr auch den Leuten in Deutschland erklären, wie das Leben in Venezuela abläuft?

Alexander Saavedra: Absolut. Wir haben vor ein paar Wochen eine Kampagne über Facebook gestartet, sie läuft unter dem Namen: „Ihr seid auch Venezuela“. Dort zeigen wir zum Einen wie die VenezolanerInnen in Deutschland leben, aber auch wie es den Menschen in Venezuela im Moment geht. In kurzen Texten und Bildern der Personen versuchen wir dabei den Leuten in Deutschland Einblick in unsere Realitäten zu geben.

Wie ist der Name entstanden? Hat es damit zu tun, dass die Bevölkerung in Venezuela noch immer in Chavisten (AnhängerInnen der Regierung Nicolás Maduros) und Oppositionelle (AnhängerInnen von Juan Guaidó) gespalten ist?

Alexander Saavedra: Seit vier Jahren gibt es unter den meisten Geflüchteten aus Venezuela diese Spaltung nicht mehr. Wir haben gesehen, dass der permanente Streit um die richtige Lösung, nichts verbessert, wenn alle so extrem gespalten sind. Alle müssen gemeinsam an einer politischen Lösung
arbeiten, damit es dem Land besser geht. Das ist aktuell die wichtigste Frage: Wie kommen wir aus dieser Krise? Dafür müssen wir gemeinsame Ziele aufstellen und Unterschiede ausblenden. Alte Konflikte dürfen dabei keine Rolle spielen.

Vor einigen Jahrzehnten herrschte in Kolumbien ein Bürgerkrieg, sodass viele Menschen nach Venezuela flüchteten. Heute ist die Situation umgekehrt und viele VenezolanerInnen müssen aufgrund von Hunger, Armut und politischer Konflikte nach Kolumbien flüchten. Wie verändert, dass die Beziehung zwischen den Ländern?

María Gabriela Trompetero: Viele Menschen in Kolumbien haben das damals nicht vergessen. Deswegen wurden die Menschen aus Venezuela am Anfang mit offenen Armen empfangen. Sogar der Präsident Iván Duque, der eigentlich sehr konservativ ist, unterstützte diese Hilfe. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Situation jedoch verändert und die Spannungen nehmen zu. Es ist noch keine allgemeine Ablehnung, aber die Xenophobie gegenüber den Migranten steigt.

Woran könnte das liegen?

María Gabriela Trompetero: Kolumbien hat viele Probleme, auch die Menschen dort müssen hart arbeiten, um zu überleben. Außerdem wurden über das Internet einige Fake News verbreitet, dass die Migranten aus Venezuela geplündert hätten und Menschen aus Kolumbien überfallen hätten. So kam es im November 2019 vereinzelt zu Protesten gegen die Aufnahme von Migranten und Flüchtlingen. Ein anderes Problem ist, dass die internationale Gemeinschaft Kolumbien nicht genug unterstützt, aber das Land kein Geld hat, um ausreichend zu unterstützen. Es wären circa 1.4 Mlrd. US-Dollar benötigt worden, um allen Menschen zu helfen. Tatsächlich waren nur knapp 23 Prozent dieser Summe gezahlt worden. Die Situation erfährt, im Gegensatz zur Situation der Geflüchteten in Europa oder der Türkei, nur sehr wenig Aufmerksamkeit. Insgesamt herrscht jedoch eine Große Solidarität zwischen den Menschen beider Länder, Migration wird hier auch als Chance – nicht nur als Problem – gesehen.

Kommen wir zu den Sanktionen gegen Venezuela. In einigen staatlichen Firmen sind die Konten eingefroren und ein Land, mit den weltweit größten Ölreserven, steht vor dem finanziellen Ruin. Gibt es noch andere Optionen Druck auf die Politik auszuüben?

Alexander Saavedra: Die Sanktionen sind sehr entscheidend, wenn der Regierung der Geldhahn zugedreht wird, dann verliert sie Einfluss. Generell gibt es nur vier Wege Einfluss auf das Land zu nehmen: 1. Über die Medien, sie können aber in der jetzigen Lage nicht arbeiten und sind kaum vorhanden. 2. Über das Geld, welches durch den Verkauf von Öl entsteht. 3. Die Massenproteste auf den Straßen und 4. Über Sanktionen, die verhangen
werden.

Aber wie sinnvoll sind diese Sanktionen?

Alexander Saavedra: Sie sind das einzige Mittel, um die Opposition mit der Regierung ins Gespräch zu bekommen. Aber die entscheidenden Figuren in der Opposition müssen abwiegen, ob Ihnen der Druck auf die Regierung wichtiger ist oder die Last, die die Bevölkerung durch die Sanktionen trägt. Festhalten muss ich aber, dass die Sanktionen das Land nicht zerstört haben. Das Land war schon vorher durch die Arbeit der Regierung zerstört.

Proteste in Caracas: Lange haben die Menschen im Land an einen Wandel geglaubt, doch in den letzen Jahren hat sich die innenpolitische Lage nur verschärft. © Foto: Alexander Saavedra

Wenn Euch die Bundesregierung einen Wunsch erfüllen könnte, welcher wäre das?

Alexander Saavedra: Ich hätte zwei Wünsche. Einerseits würde ich mir intern Deutschlands schnellere Asylverfahren wünschen, bei denen ich nicht immer wieder die gleichen Dokumente vorzeigen muss, die ich bereits bei der Einreise gezeigt habe. Extern würde ich mich freuen, wenn Deutschland klar gegenüber der aktuellen Regierung Venezuelas Stellung beziehen und diese Diktatur verurteilen würde.

Gibt es eventuell etwas was die Politik innerhalb Deutschlands für VenezolanerInnen machen könnte?

María Gabriela Trompetero: Ich bitte darum, dass auch die älteren Reisepässe aus Venezuela anerkannt werden. Tausende VenezolanerInnen haben weltweit das Problem, dass ihr Reisepass abgelaufen ist und der Staat Venezuela weigert sich uns neue Pässe auszustellen. Davon bin ich auch persönlich betroffen. Viele versuchen als Alternative einen grauen Reisepass (Anmerkung: Reisepass für Menschen außerhalb der EU und Staatenlose) zu erhalten. Die MitarbeiterInnen in den deutschen Behörden haben meist keine Ahnung was in Venezuela passiert und lehnen unsere Anträge dafür ab. Deswegen haben die Leute im Exil die Aktion „Save my identity“ über das Internet gestartet. Dabei laden die Menschen Briefe, Fotos etc. hoch, um ihre Identität zu beweisen. Somit soll Druck auf die Behörden in Venezuela gemacht werden, die das Recht auf Identitätsklärung verhindern. Außerdem können wir die Gastländer über unsere Situation aufklären. Vor einigen Wochen hat zum Beispiel Großbritannien die alten Reisepässe aus Venezuela anerkannt
– Deutschland leider nicht. Außerdem werden auch weniger Flüchtlinge aus
Venezuela in Deutschland nach dem Asylverfahren anerkannt.

Wieviele Menschen betrifft das? Und warum werden die Asylanträge
abgelehnt?

María Gabriela Trompetero: Also in diesem Jahr wurden 59 Prozent der
Asylanträge von Menschen aus Venezuela abgelehnt [1]. Das Bundesamt für
Migration und Flüchtlinge begründet diese damit, dass viele Menschen nur aus wirtschaftlichen Gründen hier wären. Außerdem sind die AntragstellerInnen oft jung und könnten laut BAMF ihre eigene Existenz sichern. Auch hier verstehen die Behörden die multikausale Krise in unserem Heimatland nicht. Denn oft vermischen sich politische Verfolgung und wirtschaftliche Armut, wer in Venezuela politisch gegen die Regierung aktiv war, hat kaum Chancen danach in Arbeit zu kommen. Unsere Vereinigung wird in einigen Tagen einen offenen Brief dazu veröffentlichen.


[1] Wie eine kleine Anfrage von Juliane Nagel (Abgeordnete der Linksfraktion im Sächsischen Landtag) gezeigt hat, haben die Verwaltungsgerichte in Sachsen im Jahr 2019 knapp jeden zweiten abgelehnten Asylbescheid vom BAMF beanstandet. Von Januar bis Mai 2020 haben die Verwaltungsgerichte sogar zwei Drittel aller angefochtenen Bescheide aufgehoben und nachträglich einen Schutzstatus für Menschen aus Venezuela ausgesprochen.

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