Arbeitsmarkt in Deutschland: Hürden der Integration von Geflüchteten

Dieser Text bezieht sich auf meine Erfahrungen am deutschen Arbeitsmarkt. Dabei versuche ich neutral zu bleiben und die Situation aus der Sicht eines Beobachters sowie eines Betroffenen zu schildern. Am Ende meines Erfahrungsberichts werde ich einige Lösungsvorschläge geben und eine kurze Zusammenfassung präsentieren.

Foto: Pau Casals via Unsplash

Zunächst zu meiner Person:

Mein Name ist Morteza Ahmadzadeh, ich komme aus dem Iran und lebe seit knapp sieben Jahren in Deutschland. Ich habe im Iran Wirtschaftsingenieurwesen studiert und erfolgreich abgeschlossen. Anschließend habe ich im Bereich Projektmanagement als Projektplaner in Bauprojekten für das Verlegen von Glasfaserkabeln mitgewirkt. Nach einigen Ereignissen in der Heimat kam die Zeit, in der ich diese verlassen musste. Wie das Schicksal will, bin ich in Deutschland gelandet und wurde hier aufgenommen. Eigentlich hatte ich damals vor, aufgrund meiner Englischkenntnisse, nach Großbritannien zu flüchten.

Ein Bild von Morteza Ahmadzadeh

Ich habe relativ schnell mit dem Erlernen der deutschen Sprache begonnen. Nach dem Bestehen der für das Studium erforderlichen Sprachkenntnisse im Jahr 2015, durfte ich mich für ein Master-Studium bewerben.

Also habe ich mit dem Master Projektmanagement begonnen. Angesichts meiner schlechten finanziellen Situation musste ich neben dem Studium noch arbeiten. Dies hat dazu geführt, dass ich das Studium leider abbrechen musste. Anschließend habe ich mich auf die Suche nach einer Arbeit gemacht. Von genau dieser Zeit und vom gescheiterten Versuch, eine Arbeitsstelle zu finden, handelt mein heutiger Artikel.

Warum schreibe ich diesen Artikel?

Nun, aufgrund meiner Erfahrung als Arbeitssuchender am deutschen Arbeitsmarkt, möchte ich hier mit Ihnen über Integration, die Hürden sowie die eventuellen Lösungen sprechen. Dabei ist besonders zu betonen, dass die Integration vielfältige Bedeutungen und Aspekte hat, welche ich ausschließlich auf die Arbeitsmarktintegration beschränken möchte. Doch warum habe ich ausgerechnet dieses Thema ausgewählt? Wie es wahrscheinlich zu erahnen ist, ist die Arbeit eine wichtige Voraussetzung für die Integration und Beteiligung am gesellschaftlichen Leben. Diese ist nicht lediglich eine Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch dafür ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Arbeit hilft für eine schnellere soziale Anerkennung, Integration und dem Erhalt der Würde in der Gesellschaft. Die Bedeutung einer Beschäftigung für die Geflüchteten könnte dazu beitragen, die traumatischen Erinnerungen und die Belastungen der Flucht verarbeiten zu können.

Welche Hürden gibt es?

Meines Erachtens gibt es verschiedenen Faktoren, die dazu führen, dass es Geflüchtete schwerer haben, sich im Arbeitsmarkt zu etablieren und sich langsamer – im Vergleich zu anderen Einwanderungsgruppen – integrieren können:

  1. Das lange Verfahren von der Registrierung bis zur Asylantragsstellung 2015:

Laut Angaben von der Süddeutschen Zeitung wurden allein im Jahr 2015 in Deutschland etwa 1,1 Millionen Schutzsuchende registriert. Allerdings lag die Zahl der gestellten Asylanträge bei knapp 477.000. Dies verdeutlicht, dass die gestellten Asylanträge deutlich niedriger sind als die der registrierten Schutzsuchenden. Der Grund dafür ist, dass aufgrund der Kapazitätsüberlastungen und nicht ausreichendem Personal bei den Behörden die registrierten Asylsuchenden oft mehrere Monate warten mussten, bis sie ihren Asylantrag stellen konnten.

Diese lange und unabsehbare Wartezeit, verunsicherte viele Geflüchtete. Vor allem, da niemand vorher weiß, ob man überhaupt einen Schutzstatus in Deutschland erhält oder das Land wieder zu verlassen hat. Daher ist es sehr schwer, in diesem Zustand der Unsicherheit, Menschen in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft zu integrieren.

2. Ausgrenzungen und objektive Herausforderungen:

Gründe für die Ausgrenzung von Geflüchteten aus dem Erwerbsleben bilden sich aus objektiven Herausforderungen. Diese ergeben sich wiederum aus den Besonderheiten der Flucht. Bei den Flüchtlingen kommen meist besondere Belastungen wie Kriegserlebnisse; Unterdrückungserfahrungen; traumatische Fluchtsituationen; mangelnde Sprachkenntnisse; kulturelle Unterschiede; meist keine sozialen Kontakte in der neuen Heimat oder Schwierigkeiten bei der Anerkennung der Qualifikationen hinzu.

3. Geringere Chance trotz gleichwertiger Qualifikation:

Trotz gleicher oder besserer Qualifikation suchen MigrantInnen durchschnittlich deutlich länger als Einheimische nach einer Arbeitsstelle. Aktuelle Studien haben bewiesen, dass junge MigrantInnen mit ausländischen Nachnamen – im Vergleich zu deutschen Jobsuchenden – deutlich mehr Bewerbungen schreiben müssen, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.[1] Meine Erfahrung als nichtdeutscher Jobsuchender bestätigt dies absolut. Ich habe tatsächlich, trotz der Anerkennung meines ersten Studiums im Iran, innerhalb von 15 Monaten mehr als 700 Bewerbungen bundesweit geschrieben, allerdings: OHNE ERFOLG! Um meine Behauptung, nämlich „das Scheitern eine Arbeitsstelle zu finden“, bei der Sachbearbeiterin beim Jobcenter zu beweisen, musste ich meine 345 Absagen sammeln und vorzeigen. In dem Moment war mir klar, wie schwierig es hier ist einen Arbeitsplatz zu bekommen.

4. Mangelnde Informationen und berufliche Beratungen für Flüchtlinge:

Nach meiner persönlichen Erfahrung ist es bedauerlicherweise so, dass die meisten Flüchtlinge keinen Zugang zu speziellen beruflichen Beratungen haben, die besonders für ihre Situation zugeschnitten sind. Nach meinen Erfahrungen ist in Sachsen und Bayern den Schutzsuchenden leider noch nicht bekannt, welche Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland existieren und mit welchen Qualifikationen und Berufen man bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Ich habe für die Antragstellung, zum Erhalt einer Arbeitserlaubnis für eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit, Menschen begleitet. Die Realität in den Ausländerbehörden hat mir gezeigt, dass bei all diesen Persisch sprechenden Flüchtlingen, die Anträge abgelehnt wurden. Überwiegend wurden die Ablehnungen damit begründet, dass sie noch keine Bestätigung ihrer Aufenthaltserlaubnis erhalten hätten. Sind Personen deswegen im Klageverfahren, kann sich die Frage des Aufenthalts und der entsprechenden Arbeitserlaubnis jedoch über Jahre ziehen.

Vorschläge zur Verbesserung

Die oben aufgelisteten Begründungen waren lediglich ein kleiner Ausschnitt von vielen Hürden und Restriktionen, die zwischen Geflüchteten und ihrer Integration existieren.  Diese von mir ausgeübten Kritikpunkte, die ausschließlich auf meinen Erfahrungen basieren, müssen ernsthaft bekämpft werden. Um den Geflüchteten den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen, müssen beispielsweise folgende Änderungen vorgenommen werden:

  1. Das Arbeitsverbot muss aufgehoben werden

Der Staat sollte das Arbeitsverbot für Geflüchtete früher aufheben bzw. Maßnahmen zur Erleichterung für die Integration am Arbeitsmarkt ergreifen. Sonst werden die Geflüchteten, anstatt in der Gesellschaft aktiv zu sein, an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

2. Firmen und Unternehmen miteinbeziehen

Wie kann die Integration auf dem Arbeitsmarkt gelingen, ohne den Beitrag von Unternehmen? Hierfür ist es notwendig zunächst ein Kollektiv aus Unternehmen zu gründen, in dem sich Firmen registrieren und sich zur Beschäftigung von Migrantinnen/Geflüchteten bereit erklären. Darüber hinaus können zum Beispiel auch Praktikumsplätze, Ausbildungsplätze sowie Arbeitsstellen auf einer Plattform angeboten werden.

3. Beratung für die Betriebe

Es sollte eine spezielle Beratungsstelle für die Betriebe vorhanden sein, die in der Tat an der Beschäftigung von Geflüchteten interessiert sind. Es werden oft keine Verknüpfungen zwischen den Betrieben und den Geflüchteten stattfinden – nicht, weil kein Interesse zugrunde liegt, sondern aufgrund der fehlenden Informationen von Betrieben in Bezug auf Asylverfahren. Daher ist das Organisieren einer speziellen Beratungsstelle von der Agentur für Arbeit aus meiner Sicht A und O für die Arbeitsmarktintegration.

4. Sprachkurse frühestmöglich beginnen

Beim Angebot der Sprachkurse muss darauf geachtet werden, dass die Träger nicht dazu gezwungen werden, die Kurse erst ab einer bestimmten Anzahl von TeilnehmerInnen anzubieten. Denn dies kann dazu führen, dass in einigen Gebieten lange Wartezeiten für Sprachkurse entstehen. Außerdem könnten dann Kurse nur an wenigen Standorten angeboten oder sogar nur für bestimmte Altersklassen vorgesehen werden. Als ich mich für einen Platz in einem Deutschkurs anmeldete, wurde mir mitgeteilt, dass ich den Sprachkurs lediglich besuchen durfte, weil ich damals mein 27. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte. Aus diesem Grund sollten die Teilnahmebedingungen für etwaige Kurse altersunabhängig sein.

5. Kontinuierliche berufliche Beratung und Betreuung für Geflüchtete

Wie ich bereits erwähnt habe, verfügen die meisten Geflüchteten über keine entsprechenden Informationen bezüglich der erforderlichen Kenntnisse für den Einstieg in den Arbeitsmarkt in Deutschland. Allerdings werden leider in einigen Fällen die Qualifikationen von Neuankömmlingen von Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern bei der Agentur für Arbeit unterschätzt. Hierbei muss ein Bewerbungspool gestaltet werden, mit dem Zweck richtige Qualifikation an die richtigen Betriebe zu vermitteln.

Das Thema der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt bleibt weiterhin umstritten. Verschiedene Meinungen, persönliche und wirtschaftliche Hürden, sowie die allgemeine Schwierigkeit der Integration in ein fremdes Land prallen aufeinander. Auch wenn ich eine Vielzahl von Problemen nicht in diesem Artikel erwähnt habe, möchte ich aus der Sicht eines Betroffenen dazu beitragen, die Zukunft für mich und alle ImmigrantInnen, welche ein ähnliches Schicksal begleitet, zu erleichtern.

In diesem Sinne bedanke ich mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche mir, dass wir füreinander da sind, anstatt gegeneinander zu arbeiten!


[1] Link zur Studie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2018/vi18-104.pdf

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