Der Weg zurück in die Hölle

Einige Familien, die nach Europa kamen, um dem Krieg in Syrien zu entkommen, gratulierten sich eben noch zum Überleben. Bis die Angst in ihr Leben zurückkehrte, da nun die Gefahr einer Abschiebung nach Syrien besteht, nachdem Dänemark Damaskus und seine Umgebung als sichere Gebiete betrachtet.

Eine Gruppe von Menschen demonstriert mit Schildern gegen die Abschiebung syrischer Geflüchteter. Eine Frau hält die syrische Flagge. Andere halten Protestschilder.
Foto: Zaher Salameh

Nach offiziellen Statistiken der Regierung liegt die Zahl der syrischen Flüchtlinge in Dänemark bei etwa 40,477 Personen. Die dänischen Behörden weigern sich aktuell, den humanitären Schutzstatus der syrischen Flüchtlinge im Land, die vorher in der Region Damaskus lebten, zu erneuern. Das Tempo der Verfahren hat sich beschleunigt und umfasst heute circa 900 Fälle, von denen die meisten Frauen und Kinder sind. 

Ich sprach mit Frau Haddeya Musa al-Ahmad, sie wurde in Al-Malikia in Syrien geboren. Sie ist Mutter von acht jungen Menschen, die in Dänemark leben. Mittlerweile ist sie über 63 Jahre alt und lebt seit Dezember 2018 zwischen zwei Optionen, nachdem ihr humanitärer Aufenthalt abgelehnt wurde. Sie kehrt entweder nach Syrien zurück oder sie muss wieder in einem Flüchtlingsheim leben, falls sie sich weigert nach Syrien zurückzukehren. 

Herr Janko Aziz ist eines ihrer Kinder und erzählt vom Leid seiner Familie mit diesem Thema: „Meine Brüder und ich arbeiten seit vielen Jahren in unterschiedlichen Berufen, nachdem wir die dänische Sprache lernten. Und jetzt habe ich selbst einen Friseurladen eröffnet. Aber heute fürchte ich um die Zukunft meiner Kinder. Wir haben Angst vor dem Unbekannten, das vor uns liegt.“ 

Die dänische Regierung hätte mit ihren Beschlüssen zu Abschiebungen nach Syrien diese Unsicherheit verursacht. Gerade um seine alternde Mutter macht er sich Sorgen: „Das größte Problem ist, dass meine Mutter an chronischen Krankheiten leidet und niemand in Syrien ist, der ihr helfen könnte. Von unserer Familie sind alle in Dänemark. Aber die Regierung weigert sich immer noch, ihren Wohnsitz zu erneuern, wohl wissend, dass sie seit Ende 2018 auf eigene Kosten lebt – ohne Unterstützung des Staates.

Zaher Salameh, ein Menschenrechts-Aktivist und Vater von vier Kindern, lebt seit 2015 in Dänemark. Er beschreibt das Leid der SyrerInnen in Dänemark als humanitäre Katastrophe. Salameh beschreibt: „Alle Syrer, egal welche Art von Aufenthaltstitel sie haben, haben Angst vor den Entscheidungen der Regierung Dänemarks. Denn die Entscheidungen werden auf der Grundlage von Kontakten mit dem Assad-Regime in Damaskus getroffen.“ 

Durch diese wurden die Stadt Damaskus und die umliegenden Gebiete als sichere Gebiete erklärt. Zum Beispiel beschlossen die dänischen Behörden im vergangenen Jahr ein Experiment an sechs Familien durchzuführen, welche erstmals nach Syrien abgeschoben werden sollten.

Ein Mand mit Atemschutzmaske hält auf einer Demonstration ein Schild mit einer Assad-Karrikatur.
Ein Demonstrant hält eine Karikatur von Assad, der in einem Buch mit der Aufschrift „Rückführung syrischer Flüchtlinge“ blättert. In der Sprechblase steht auf Dänisch: „So Dänemark, ich freue mich darauf sie zu begrüßen.“ Foto: Zaher Salameh

Diese Familien haben an die dänischen Gerichte appelliert, die Entscheidung über die Abschiebung zurückzunehmen. Sie sahen den Beschluss als echte Gefahr für ihr Leben und das ihrer Familien an. Dies bestätigte Frau Nevin Rahal, die 2014 aus dem Gebiet Barzeh der Provinz Damaskus nach Dänemark kam. Die dänischen Behörden weigerten sich, ihren Wohnsitz seit Oktober 2019 zu erneuern. Frau Rahal konnte ohne Genehmigung ihre Arbeit nicht mehr fortsetzen und musste als Mitarbeiterin in einem Gewürzladen kündigen. Dort arbeitete sie drei Jahre zuvor und sparte für ihren Traum, irgendwann eine Universität zu besuchen. Ein Traum, der nun unmöglich scheint.

Nevin Rahals Familie kennt, wie viele andere syrische Familien in Dänemark, keinen ruhigen Schlaf mehr. Alle haben Angst vor der Entscheidung, dass ihre Erlaubnis für den Aufenthalt beendet wird. Sie empfinden diese Politik als unfair und nicht zu verstehen, denn sie zielt darauf ab, den Würgegriff von Einwanderern, die auf dänischem Hoheitsgebiet leben, zu verschärfen.

Die Frage der Verweigerung der Verlängerung des humanitären Aufenthalts und des vorübergehenden Schutzes sind derzeit das Hauptanliegen der SyrerInnen in Dänemark. Viele SyrerInnen erinnern sich noch an die Drohung des Generals Essam Zahrauddin der syrischen Armee im Jahr 2017 – einen Monat vor seinem Tod bei den Kämpfen in Deir ez-Zor. Damals hatte er Familien bedroht, die nach Europa ausgewandert waren. Der ranghohe Militär gelobte, sich an ihnen zu rächen, wenn sie zurückkehren. Dies veranlasste die in Kopenhagen lebenden SyrerInnen, gegen die Entscheidungen der dänischen Regierung öffentlich zu protestieren.

Demonstrierende halten dänische und syrische Flaggen sowie Protestschilder.
DemonstrantInnen halten dänische und syrische Flaggen sowie Schilder unter anderem mit der Aufschrift „Syrien ist kein sicherer Ort“. Foto: Zaher Salameh

Dänemarks Regierung ernannte Anfang September dieses Jahres einen neuen Botschafter für Einwanderung. Der dänische Außenminister Gebi Kovod erklärte, die Mission des neuen Botschafters sei es, dazu beizutragen den Druck der Migration Richtung Europa zu stoppen. Ziel müsse es sein, MigrantInnen davon abzuhalten, in Dänemark Asyl zu beantragen und die Abschiebung abgelehnter AsylbewerberInnen zu beschleunigen.

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