Empowerment: Das Kollektiv „Arabisch-muslimische Frauen in Chemnitz“

Nach den Ausschreitungen um die Demonstrationen des Spätsommers 2018 hat sich viel in Chemnitz verändert. Auch eine Gruppe von Frauen nahm die Ereignisse zum Anlass nicht länger über ihre Situation zu schweigen und ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen.

Gründerinnen Frau Aleddo und Frau Essa bei der Auszeichnung zur Nominierung für den Chemnitzer Friedenspreises im März 2019. Foto: Chemnitzer Friedenspreis

Einführung

Stellen Sie sich vor Sie laufen auf der Straße, aber Ihre Gedanken schwimmen in einer ganz anderen Welt. Vielleicht denken Sie an einen Bruder, der verschwunden ist, an Ihre Familie, die unter den Trümmern verschwand, oder Ihre furchtbare und anstrengende Flucht, an die Leichen, die Sie gesehen haben. Plötzlich werden Ihre Gedanken durch folgende Worte unterbrochen: “Hey Fremde! Dein Kopftuch gehört nicht zu unserem Land…Hau ab!“ Nun stellen Sie sich die Frage: “Was hat mich hierher gebracht?”.

Ein fremdes Land, neue Leute, eine neue Sprache, eine andere Kultur und neue Religionen.  All dies gepaart mit einer vorab verfälschten Vorstellung über den Islam, kreiert von den Medien und der Ablehnung zu Ausländern. Dies ist ein Teil der Herausforderungen, denen viele muslimische Frauen bei ihrer Ankunft in Europa gegenüberstanden. Sie mussten all ihre Wunden ignorieren, ihre Erinnerungen begraben und die Gefühle der Sehnsucht nach Heimat und Familie vergessen. Sie mussten hier einen realen Kampf mit dem Leben beginnen, oft alleine, mit nichts außer dem Glauben, Selbstvertrauen und der Unterstützung ihrer Partner, die selbst all diese Schwierigkeiten erlebten.

Buchstaben ergeben das Wort Zuhause.
Die muslimischen Frauen des Kollektivs setzen sich dafür ein, dass sie als aktive Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen werden. Erst dann kann Chemnitz ein wirkliches Zuhause sein. Foto: Maximilian Scheffler

Grund der Vereinigung

Die Idee zum Verein kam uns nach den Demonstrationen im Jahr 2018. Frau Aldeddo hat eine E-Mail an die Oberbürgermeisterin Frau Ludwig geschrieben und Unterschriften vieler arabischer Frauen gesammelt. Die E-Mail brachte unsere Ängste und Schwierigkeiten als kopftuchtragende Ausländerinnen zum Ausdruck. Außerdem enthielt das Schreiben einige Vorschläge von uns, um den zunehmenden Hass zu lindern und die Zusammenarbeit zu stärken. Hauptgründe dafür waren die Unsicherheit, der Rassismus, die Diskriminierung, das Mobbing und die Ausgrenzung in den meisten Lebensbereichen. Dies war die Motivation und der Auslöser, den ersten Schritt in der Kommunikation mit den öffentlichen Ämtern zu machen. Wir erhielten unerwartet viel positive Resonanz auf unsere Intiative, die uns ermutigte weiter zu machen.

Tatsächlich haben die Frauen viele Gemeinsamkeiten zusammengebracht. Dieselbe Kultur, Religion, Muttersprache, rassistische Vorfälle, denen sie fast täglich ausgesetzt sind und die Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Außerdem teilen wir einen wichtigen Wunsch: die Opferrolle ablegen und aktive Mitglieder der Gesellschaft sein. Durch die Zusammenarbeit und das Verständnis von Frau Ludwig für die Probleme ausländischer Frauen, wurden wir sehr unterstützt. Sie führte regelmäßig Treffen mit unserer Vereinigung durch und stellte uns Behörden in verschiedenen Bereichen vor. Von Sicherheitsorganen, wie der Polizei, oder Verkehrsunternehmen, wie der CVAG, bis hin zu Bildungseinrichtungen wie dem Schul- und Jugendamt sowie dem Sozialamt, das eine wichtige Rolle spielte.

Alle von uns haben die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, um wirkliche Integration zu erreichen. Dabei respektieren wir die Kultur sowie die Überzeugungen des Anderen.

Welche Ziele hat die Vereinigung?

  1. Präsentieren eines authentischen Bildes von muslimischen Frauen abseits der Desinformation durch die Medien.
  2.  Ermutigen der ausländischen Frauen, insbesondere mit Kopftuch, die Opferrolle abzulegen und aktive Mitglieder in der Gesellschaft zu sein.
  3. Unterstützung der arabischen Frauen in den Arbeitsmarkt einzutreten und bei der Integration in die deutsche Gesellschaft, ohne Abschaffung der Identität und Kultur des Mutterlandes. Wir helfen ihnen, Deutsch zu lernen, ihre Qualifikationen zu erweitern und zwischen ihnen und den Arbeitgebern zu vermitteln.
  4. Sensibilisierung der arabischen Frauen für die Bedeutung ihrer Rolle (Pflichten und Rechte) in der Gesellschaft und den Austausch zwischen deutschen und arabischen Frauen.
  5. Kulturaustausch zwischen arabischer und deutscher Gesellschaft, um die Vorurteile abzubauen, insbesondere nach den zunehmenden Demonstrationen und Hasstiraden gegen Ausländer durch Bildung eines deutsch-arabisches Arbeitsteams.

Wer sind die Gründerinnen?

Frau Aldeddo: Vorsitzende der Vereinigung, eine Apothekerin aus Syrien. Seit vier Jahren ist sie hier in Deutschland, hat das Sprachniveau B2 erreicht und arbeitet als Sprachmittlerin.
Frau Essa: Ärztin aus Libyen, seit zehn Jahren in Deutschland, hat das Sprachniveau B2 erreicht, ist Mutter von drei Kindern und arbeitet als Kinderärztin.
Frau Fata: eine Apothekerin aus Syrien. Seit zehn Jahren ist sie hier in Deutschland, hat das Sprachniveau B2 erreicht, Mutter von drei Kindern und arbeitet als Apothekerin.
Frau Khalil: eine Lehrerin aus Syrien. Seit fünf Jahren in Deutschland, hat das Sprachniveau C1 erreicht, Mutter von zwei Kindern und arbeitet als Erzieherin.

Was uns zusammenbrachte, war der Wunsch gemeinsam aktiv zu werden. Daneben waren natürlich auch gemeinsame Faktoren wie Kultur, Sprache und Religion wichtig. Weiter teilen wir ähnliche Arbeitserfahrungen  mit ihren schwierigen Anfängen und dem erfolgreichen Ausgang. Wir möchten unser Wissen weitergeben, damit die Frauen sich in der neuen Umgebung integrieren können, ohne die Rolle als Mutter zu vernachlässigen. Innerhalb dieser Gesellschaft  will die Vereinigung eine Balance zwischen Beruf und Familie erreichen.

Wer sind die Mitgliederinnen?

Vier Mitgliederinnen gehörten der Vereinigung bei der Gründung an – heute sind es knapp 90 Frauen und Mädchen aus verschiedenen arabischen Ländern wie Syrien, Libyen, Palästina, Irak, Libanon, Algerien und anderen Ländern. Da das Alter der Frauen zwischen 16 und 60 Jahren liegt, sind wir auch eine Vereinigung, die Generationen zusammenbringt. Die Frauen in der Gruppe haben tolle Fähigkeiten und unterschiedliche Qualifikationen. Die Gruppe enthält Hausfrauen oder berufstätige Frauen auf verschiedenen Bildungsebenen. Ärztinnen, Apothekerinnen, Informatik-Ingenieurinnen, hochqualifizierte Lehrerinnen in mehreren Fächern sind ebenso aktiv wie Frauen mit Fingerspitzengefühl, zum Beispiel Schneiderinnen, Friseurinnen und Pädagoginnen. Auch junge Frauen, die noch in die Schule gehen und ihre Zukunft aufbauen, gehören dazu. Diese Vielfalt ist eine Stärke der Vereinigung. Wir haben viele Umfragen durchgeführt, um diese Frauen zu verstehen. Dabei waren wir überrascht über die vielfältigen Interessen und Bestrebungen. Alle besitzen ihre jeweilige Sicht auf das Leben durch unterschiedliche Erfahrungen in ihren Heimatländern.

Aber alle waren sich einig über den Grund ihrer Anwesenheit in Deutschland: der Krieg in ihrem Heimatland. Sie haben das Bestreben, das Trauma des Krieges zu überwinden und voranzukommen, Ziele zu erreichen und ihre Kinder sollen erfolgreiche Mitglieder der Gesellschaft werden. Sie sind eine potenzielle Kraft, von der nur diejenigen profitieren können, die versucht haben, sie zu verstehen und ihnen beim Start ins Freie zu helfen.

Was haben wir in zwei Jahren erreicht?

Der Schwerpunkt der Vereinigung liegt auf der Unterstützung der Frauen in allen Aspekten ihres Lebens, einschließlich ihrer Kinder. Von wesentlicher Bedeutung sind Themen wie der Mangel an Plätzen in Kindergärten, bis zu Schwierigkeiten und Problemen, mit denen die Kinder in den Schulen konfrontiert sind. Da unser Hauptziel darin besteht, eine Brücke zwischen Gemeinschaften zu schlagen, arbeiten wir mit dem Schulamt zusammen, um die Probleme, die das Schulamt mit den Kindern und ihren ausländischen Eltern hat, zu erkennen und an Lösungen zu arbeiten.

Zur Unterstützung der Qualifikationen von Frauen für den Eintritt in den Arbeitsmarkt haben wir mehrere Veranstaltungen organisiert, um Online-Sprachkurse einzuführen, die es Müttern zu Hause ermöglichen, ihre Ausbildung fortzusetzen. Außerdem haben wir auch Computerkurse in Arabisch und Deutsch durchgeführt. Wir haben Angebote für Übersetzungen und Sport organisiert, an denen viele Frauen teilgenommen haben. Wir arbeiten daran, in verschiedenen Bereichen zu beraten und Praktikumsplätze für Praktika zu vermitteln. Wir kümmern uns auch um die psychologischen Aspekte der Frauen und ihren Wunsch, ihre Identität und die ihrer Kinder zu bewahren. Deshalb haben wir ein monatliches Kulturforum ins Leben gerufen, in dem wir verschiedene arabische Bücher auswählen und gemeinsam lesen. Die Bücher befassen sich speziell mit Selbstentwicklung, Positivität und der Überwindung von Widrigkeiten und Traumata. Das Ziel ist uns gegenseitig als Frauen zu unterstützen, um das zu überwinden, was wir durchmachen und aktive Menschen zu sein. Wir arbeiten intensiv im Sportbereich, um die richtigen Bedingungen für ausländische Frauen zu gewährleisten, um dann ihre Hobbys frei auszuüben.

Blick auf die Urkunde für den Chemnitzer Friedenspreis.
Jede Form der Würdigung unserer Arbeit gibt uns neue Motivation, der Tag der Verleihung des Chemnitzer Friedenspreises war daher ein schönes Erlebnis. Foto: Maya Aldeddo

In Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek haben wir mehrere Veranstaltungen organisiert, um die Bibliothek vorzustellen und von deren Angeboten zu profitieren sowie die Verbindung mit verschiedenen Integrationsprojekten in der Stadt herzustellen. Wir haben außerdem mit unserem Verein einige Vorstellungsvorträge gehalten, sei es auf Sozialkonferenzen oder auf Messe. So konnten wir die Qualifikationen unserer Frauen hervorheben.

Wie zu Beginn unserer Arbeit, werden wir weiter daran arbeiten, die Migrantinnen dabei zu unterstützen, ihre Ziele in ihrer neuen Heimat Deutschland zu erreichen.

Diese Fragen werden uns oft gestellt:

 „Müssen die Frauen gewisse Bedingungen erfüllen, um der Vereinigung beizutreten?“ „Trägt jede Frau den Hijab (Kopftuch)?“ „Schüttelt nicht jede Frau Männern die Hand?“ „Teilen Sie nur bestimmte politische Positionen?“ „Möchten Sie Zuhause bleiben, nicht arbeiten und nur Kinder haben?“ „Versuchen Sie, Ihre Ideen durchzusetzen und die deutsche Kultur zu verändern oder sogar das Land zu islamisieren?“ „Sind Sie Fanatiker und beschäftigen sich nicht mit anderen Religionen?“

Kurz gesagt, wir glauben voll und ganz an die Freiheit des Glaubens und an die Meinungsfreiheit, basierend auf Gottes Worten im Heiligen Koran: “Es gibt keinen Zwang im Glauben“. Daher sind Frauen, die zu uns kommen, nicht verpflichtet, den Hijab zu tragen und an sie werden keine Bedingungen gestellt. Darüber hinaus nehmen wir auch keine politischen Positionen ein. Unsere Aufmerksamkeit ist auf die sozialen, praktischen und psychologischen Aspekte der Frauen und ihrer Familien gerichtet.

Wir teilen mit jedem nicht-religiösen Menschen die moralistischen Eigenschaften, unterscheiden uns aber in Überzeugungen und Ritualen, in denen wir unsere Religion praktizieren.  Zum Schluss ist unser Ziel nicht unsere Ideen zwingend durchzusetzen, sondern uns in der deutschen Gesellschaft entsprechend unserer Religion und Kultur zu engagieren. Wir behandeln alle Menschen mit Respekt ohne Diskriminierung der Nationalität oder Herkunft, so sagte der Prophet Gottes: ” Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Araber oder einem Nicht-Ausländer oder einer weißen oder schwarzen Person, außer mit Frömmigkeit”

Blick auf eine Moschee.
Über den Islam herrschen viele Vorurteile, dies führt oft zu Ausgrenzung oder Diskriminierung. Etwas mehr Wissen über die jeweils andere Religion würde zu mehr konstruktivem Dialog führen. Foto: Nick Fewings

Wir als Gesellschaften aus dem Nahen und Mittleren Osten sind sehr unterschiedlich in den Bräuchen und Traditionen. Dadurch kann von außen vieles zwischen Religion und diesen Traditionen verwechselt werden. Wenn wir über ein bestimmtes Thema sprechen, welches zum Beispiel für ein bestimmtes Gebiet in Syrien spezifisch ist, können wir keine Stereotypen für alle aufbauen. Tatsächlich gab es etwa 22,5 Millionen Bürger vor dem Krieg, die in 14 Provinzen in Syrien aufgeteilt waren und es gibt ländliche Gebiete sowie Wüste, Berg- und Küstengebiete, und jede Region hat ihre eigenen Konventionen.

Muslime sind auch über die ganze Welt verteilt und jeder praktiziert seine Religion unter den Regeln und Sitten der Gesellschaft, zu der er gehört. Aber die Religion des Islam selbst ist in allen Teilen der Welt gleich und ihre Texte sind im Koran, den Aussagen und Biografien des Propheten klar, und jeder kann diese lesen und recherchieren und die Wahrheit erreichen.

Der Schluss:

Abschließend möchten wir sagen: wenn Sie uns kennenlernen wollen, brechen Sie die Barriere und lesen Sie über uns aus verschiedenen Quellen (dazu gehört auch der Koran). Genauso neugierig sind einige von uns und lesen die Tora und das Evangelium, Bücher des Hinduismus, Buddhismus, Atheismus, etc. Tun sie es aber nicht nur, um etwas vom Islam zu lernen, sondern um die Barriere der Angst und Unwissenheit „zum Anderen“ zu durchbrechen.

Das schwierigste Gefühl ist, sich plötzlich von einem ganzen normalen Menschen in eine Nummer oder eine Statistik zu verwandeln. All deine vergangenen Errungenschaften werden zu einer Fata Morgana. Du wirst nur als Ausländer bezeichnet oder anhand des Stoffstücks auf dem Kopf beurteilt. Als überlebende Frauen des Krieges glauben wir daran, dass alles seinen Zweck hat und egal wie schwer die Situationen sind, müssen sie zum Ende kommen. Letztendlich haben alle Menschen die Aufgabe diese Erde aufzubauen und das Leben mit Liebe, Toleranz und Frieden zu führen.

Friede sei mit Ihnen.

Schreibe einen Kommentar