Politische Bildung über Social-Media

Die 26-jährige Politikwissenschaftlerin Aisha Al-Jubouri aus Bagdad begann Instagram, Twitter und Facebook für Bildungsarbeit zu nutzen. Es folgten tausende FollowerInnen und Unterstützung der irakischen Schriftstellerin Shahad Al-Rawi. Sie verteidigt die Demokratie und den Säkularismus, was nicht immer für positives Feedback sorgt.

Frau Al-Jubouri, was war Ihre Motivation, den Kanal zu gründen?

Durch mein Studium der Politikwissenschaft haben wir uns viel mit der Bedeutung von politischer Erziehung und politischer Partizipation beschäftigt, um ein erfolgreiches politisches System zu haben. Ich erkannte damals, dass despotische politische Regime diesen Aspekt vernachlässigen, der von der Familie, der Schule, der Universität, zivilgesellschaftlichen Institutionen und den Medien etc. geleistet werden sollte. Ich verstand, dass diese Regime keine politisch informierten BürgerInnen wollen.

Hier begann ich zu überlegen, was kann ich tun, um politisches Bewusstsein zu verbreiten? Es gibt nichts Besseres als soziale Netzwerke, um dies zu erreichen, da wir alle dort sind. Ich entschied mich für Instagram als eine Plattform, die von den meisten Menschen geliebt wird, dann für Twitter wegen seiner politischen Bedeutung und für Facebook aufgrund des Wunsches meiner FollowerInnen.

Was sind Hindernisse für Ihre Arbeit? Wie wird Ihr Konzept wahrgenommen?

In meinem Land, und in der arabischen Welt im Allgemeinen, erfahren alle über Politik aus den Nachrichtensendungen. Nur wenige Menschen kennen sich mit Politik aus und interessieren sich für sie als Wissenschaft. Am Anfang, als ich über Politik als Wissenschaft gesprochen habe, habe ich einige Kommentare und Nachrichten erhalten wie: “Benutzen Sie keine akademische Fachsprache”, “Erzählen Sie uns mehr von den Nachrichten” oder “Was denken Sie über das, was heute passiert ist?”.

Ich habe darauf geantwortet und erklärt: mein Ziel ist es, politisches Bewusstsein zu verbreiten und politische Konzepte unvoreingenommen zu erklären. Denn es gibt immer eine Kluft zwischen Theorie und Praxis. Zum Beispiel glauben viele IrakerInnen, wegen der Politik der Regierung nach der Besatzung 2003, dass die Demokratie ein gescheitertes System ist. Dabei haben in Wahrheit die Regierungen des Iraks die Demokratie nicht so umgesetzt haben, wie sie sollten. Meine Rolle hier ist also Demokratie und andere Staatsmodelle zu erklären. Jetzt sind sich die meisten meiner FollowerInnen meiner Arbeit bewusst und ich erhalte solche Nachrichten nicht mehr.

Die Politikwissenschaftlerin lebt heute in Jordaniens Hauptstadt Amman. Foto: Aisha Al-Jubouri

Was möchten Sie mit Ihrem Kanal noch erreichen?

Ich möchte zwei Dinge erreichen: Ich glaube, dass Menschen in entwickelten Ländern ein politisches Bewusstsein haben sollten. Deshalb will ich dieses Bewusstsein in der Bevölkerung verbreiten. Dabei versuche ich meinem Land und allen, die es brauchen, mit Inhalten aus meinem Studium zu helfen.

Meiner Meinung nach ist Politikwissenschaft eine sehr wichtige Disziplin. Sie wird leider in der arabischen Welt marginalisiert. AbsolventInnen bekommen keine Jobmöglichkeiten in diesem Feld. Sie bleiben arbeitslos oder arbeiten in anderen Bereichen, die weit von ihrer Profession entfernt sind. Deshalb versuche ich, den Leuten die Bedeutung dieser Fachrichtung näher zu bringen. Manchmal erhalte ich negative und beleidigende Kommentare, wenn ich Konzepte diskutiere, die von den Anhängern des herrschenden Systems abgelehnt werden. Zum Beispiel Säkularismus und die Bedeutung der Trennung von Religion und Staat.

Wie sind die Reaktionen von Ihren FollowerInnen?

Ich habe FollowerInnen jeden Alters, die meisten sind junge Männer und Frauen, deren Reaktionen meist positiv sind. Jeden Tag erhalte ich viele schöne Kommentare und Nachrichten, die mich dazu ermutigen weiterzumachen. Zum Beispiel: “Dein Content ist einzigartig und ungewöhnlich in den sozialen Medien, bitte mach weiter.” Oder “Mich hat Politik nicht interessiert und wegen dir verstehe ich sie besser.”

Diese Reaktionen geben mir die Motivation und Energie, meine Arbeit ständig zu verbessern.

Erhalten Sie Hilfe oder Unterstützung für deine Arbeit?

Als ich das erste Video gepostet habe, unterstützte mich als erstes die irakische Schriftstellerin Shahad Al Rawi. Sie ist die Autorin des berühmten Romans “Die Bagdad-Uhr”. Ich war glücklich sie zu treffen. Sie ermutigte mich weiterzumachen, ihre Unterstützung bedeutet mir sehr viel. Nach einiger Zeit erhielt ich weitere Hilfe von der irakischen Schauspielerin Hind Kamel, die im Irak und in der arabischen Welt sehr bekannt ist. Sie ermutigt mich immer mit den richtigen Worten und betont, wie wichtig das ist, was ich zu sagen habe. Viele Content Creator in den sozialen Medien haben mich unterstützt, indem sie meine Videos und Posts geteilt haben und ihren FollowerInnen vorgestellt haben, was ich anbiete. Sogar die Iraqi Women’s Rights Organization hat einen Artikel über mich auf ihren Social-Media-Seiten veröffentlicht.

Sie haben an einem Trainingsprogramm von Al Jazeera teilgenommen. Hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Es war eine großartige Erfahrung, die mir beigebracht hat, wie man mit der Kamera umgeht, wie man als NachrichtensprecherIn und Talkshow-ModeratorIn arbeitet, wie man Fragen formuliert und vieles mehr. Ich denke, dass meine Ausbildung bei Al Jazeera Network ein guter Start für den Einstieg in die Medienwelt ist.

Politische Theorien, Analysen und aktuelle Studien – all das vereint Al-Jubouri auf ihren Kanälen, stets mit praktischem Bezug. Foto: Screenshot Instagram

Wie ist Ihr Eindruck der aktuellen Politik der Europäischen Union?

Meiner Meinung nach ist die Politik eine Welt, die manche Menschen glücklich macht und manche Menschen leiden lässt. Als eine Frau, die in einem Land voller Kriege geboren wurde, in dem Kindern die grundlegendsten Menschenrechte und Freiheiten fehlen, denke ich, dass die Politik Deutschlands und der Europäischen Union meistens erfolgreich ist. Besonders die Politik Deutschlands gegenüber Geflüchteten war wirklich erstaunlich. Ich schätze die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ich sehe sie als eine herausragende politische Persönlichkeit an. Außerdem ist sie ein Beispiel für eine starke und erfolgreiche Frau.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um mehr Stabilität in Ländern wie dem Irak zu erreichen? Wie beurteilen Sie die externe politische Einflussnahme auf das Land?

Der Irak ist ein Land mit vielen Nationalitäten, Religionen und Sekten. Meiner Meinung nach muss es eine friedliche Koexistenz zwischen seinen Komponenten erreichen. Das ist unter religiöser Herrschaft und politischem Islam unmöglich zu erreichen. Die Wenigsten sind mit der aktuellen Situation zufrieden, zumal die politische Klasse Religion als Deckmantel für Korruption benutzt, um persönliche Interessen durchzusetzen.

Außerdem mangelt es im Irak an den grundlegendsten Menschenrechten und Freiheiten. Das zeigte sich während der letzten Oktoberrevolution, die 2019 begann und bei der mehr als 700 Menschen getötet und mehr als 20.000 verwundet wurden. Die meisten von ihnen waren junge Männer und Frauen. Auch viele JournalistInnen und AktivistInnen wurden getötet. Dies ist der größte Beweis dafür, dass der Irak mit Waffengewalt regiert wird und nicht mit Rechtsstaatlichkeit.

Wie beurteilen Sie die externe politische Einflussnahme auf das Land?

Eines der Länder, das sich am meisten in die Angelegenheiten des Irak einmischt, ist der Iran. Aufgrund der Schwäche der irakischen Regierungen nach 2003 und durch die Loyalität der Mehrheit der herrschenden Klasse zu ihm. So kontrolliert er den Irak und versucht stets die Interessen des Irans im Irak durchzusetzen. Ausländische Einmischungen sollten generell beendet werden, besonders aber die des Irans. Kein Land hat das Recht, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen und es zu kontrollieren. Die irakische politische Klasse muss dem Irak gegenüber loyal sein, und ihre Hauptverantwortung und -aufgabe ist es, die Interessen der eigenen Bevölkerung durchzusetzen.

Was sollte zuerst getan werden?

Um Stabilität im Irak zu erreichen, ist es wichtig, die Demokratie auf die richtige Weise zu etablieren. Daher sollte der Irak ein säkularer oder ziviler Staat werden und die Religion aus der Politik entfernen, um eine friedliche Koexistenz zu erreichen. In der gegenwärtigen Situation sollte die Rechtsstaatlichkeit für Frieden und Sicherheit etabliert werden. Und natürlich ist es wichtig, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen und die Zugehörigkeit zur Menschheit und zum Irak über die Zugehörigkeit zu anderen Ländern zu stellen

Vielen Dank für Ihre Zeit und dieses Interview!

Die Arbeit von Aisha Al-Jubouri findet Ihr auf

Instagram: https://www.instagram.com/aishaaljubouri/

Facebook: https://www.facebook.com/Aisha.Jubouri/

und Twitter: https://twitter.com/aisha_aljubouri

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