Sechs Jahre und eine Vision

In den sechs Jahren sozialer Arbeit mit geflüchteten Menschen, schluckte die Hektik des Alltags viele Erwartungen an meine Arbeit. Ungerechtigkeiten wurden ertragen, um zu funktionieren und allen Aufgaben gerecht zu werden. In dieser Zeit habe ich Mängel beobachet, die mich dazu bewegt haben, meine eigene Utopie dieses Berufs zu stricken.

Fünf Frauen halten sich an den Händen und laufen über eine Wiese.
Foto: Anna Shvets via pexels

Ich habe einen Traum.

Den Traum, dass die Grundbedürfnisse aller Menschen (nach Henderson), die in unserem Land leben, erfüllt werden. Ich meine sowohl die physischen Bedürfnisse nach Ruhe und Schlaf, Nahrung, passender Kleidung, Wärme und Sauberkeit. Genauso wie das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Artikulation persönlicher Gefühle und Meinungen, nach dem Leben religiöser Überzeugung, nach einer befriedigenden Beschäftigung, nach Teilhabe am kulturellen Leben und dem Stillen von Wissensdurst.

Ich habe einen Traum.

Den Traum, dass sich die Unterstützung für geflüchtete Menschen an Bedürfnissen ausrichtet, nicht an politischen Befindlichkeiten.

Ich habe einen Traum.

Den Traum, dass die Würde jedes Menschen in unserem Land unantastbar ist und staatliche Organe darauf achten und sie schützen. 

Ich habe einen Traum.

Den Traum, dass niemand wegen seiner Abstammung, seiner Ethnie, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt wird.

Ich habe einen Traum.

Den Traum, dass alle Menschen gleich viel wert sind, denn alle Menschen fühlen, hoffen, streben, und mühen sich jeden Tag. Alle wollen das Beste für ihre Kinder, helfen ihren Familien und Freunden. Alle werden nackt geboren und werden nach ihrem Tod allein an ihren Taten gemessen.

Ich habe einen Traum.

Den Traum, dass die Politik klar Stellung bezieht FÜR die Menschen, die neu ankommen und damit die Weichen stellt für eine humane Verwaltungskultur. Den Traum, dass „Integration”, wie wir sie miteinander leben wollen, endlich definiert wird, um nicht länger missbraucht zu werden, sondern verwirklicht werden kann.

Ich habe einen Traum.

Den Traum, dass wir Menschen, die in unserem Land Zuflucht suchen, als Gäste behandeln, denen wir das Gefühl geben, sie sind willkommen und können bleiben. Vielleicht auch das Eingeständnis: wir brauchen Euch, statt: wir misstrauen Euch.

Ich habe einen Traum.

Den Traum, dass in unserem Land geflüchtete Menschen in Entscheidungen eingebunden werden. Bei Unterbringung, Arbeitssuche u.ä. mitentscheiden bedeutet, sie wertzuschätzen, sie zu bemächtigen, sie selbst zu befähigen, statt zu bevormunden.

Ich habe einen Traum.

Den Traum, dass es Räume der Begegnung gibt. Überall im Land. Für Alteingesessene und Neuankommende. Für den Austausch von Wissen über Kulturen, Erfahrungen über das Leben und Plänen für die Zukunft. Austausch, der die Voraussetzungen schafft, uns voneinander eine Meinung zu bilden oder Vorurteile zu überprüfen. Dort wo Begegnung auf Augenhöhe stattfindet, können wir uns menschlich begegnen: herzlich, ehrlich und neugierig.

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