Wenn Bilder schreien

Auf einem Hinterhof des Sonnenbergs. Wir trinken im Atelier von Ahmed Alsaadi gemeinsam einen Tee. Alles scheint selbstverständlich, ein Chemnitzer Künstler gewährt mir Einblick in sein Schaffen. Er wohnt seit sieben Jahren hier, spricht perfektes Deutsch und hatte bereits erste Ausstellungen in der Stadt. Dabei ist nichts normal – denn es ist Pandemie und im Anschluss muss mein Interviewpartner wieder zurück ins Asylbewerberheim.

Im Atelier von Ahmed Alsaadi fällt der Überblick schwer. Kreativität flutet den Raum und dokumentiert die Entwicklung des Künstlers. Foto: Dave Schmidtke

Ahmed Alsaadi wird 1990 in Basra, im Süden Iraks geboren. Über 90 Prozent des irakischen Öls werden hier gefördert und im Sommer sind es hier durchschnittlich 50 Grad Celsius. Eine Stadt, die aufgrund vieler pittoresker Kanäle früher als „Venedig des Orients“ bezeichnet wurde. Doch durch die Invasion der US-Streitkräfte und andauernde Konflikte diverser Milizen wurde sie zu einer der gefährlichsten Regionen im Irak. Bereits in seiner Kindheit verarbeitet Ahmed Alsaadi seine Erlebnisse mit Hilfe der Kunst. „Es war vor allem mein Onkel, der mich zum Malen inspirierte. Er war ein Maler und großer Schriftsteller. Für seine Kurzgeschichten wurde er sogar 2012 in Marroko ausgezeichnet“, berichtet Alsaadi, dessen Onkel mittlerweile in Freiberg lebt.

In seiner Heimat wagt der Künstler erste Versuche mit surrealistischen Zeichnungen von Menschen. Nach seiner Flucht erweitert sich sein Portfolio, sowohl inhaltlich als auch technisch. Im Asylbewerberheim lernt er Julia O. kennen – ein lebensprägender Zufall. Sie unterstützt ihn als Sozialarbeiterin und Künstlerin. „Zufällig hat sie mich beim Malen gesehen und mir Mut gemacht, weiter zu machen. Eines Tages brachte sie mir Farben und Pinsel. Sie war eine große Hilfe – auf allen Ebenen!“ 

Nun werden die Gedanken durch Zeichnungen, Acrylgemälde, Reliefs, Objekte und Kombination aller Techniken materialisiert. „Fast alle meine Bilder sind mit meiner Heimat, der Flucht oder dem Krieg verbunden. Meine Bilder sind ein Schrei nach Freiheit. Sie werden zur Stimme der Ungehörten.“ Die Motive der Werke entwickeln sich im Prozess der Entstehung – ohne vorherige Planung. Erst nach ihrer Vollendung wird dem Künstler komplett bewusst, welche Erinnerung er übertragen hat. Abstrakte Formen und Figuren wechseln in der Darstellung, nur die surrealistische Komponente bildet eine Konstante. 

Als Fundament seines Schaffens hebt der Künstler seine neue Heimat hervor: „Chemnitz war perfekt, um meine Kunst zu erwecken. In der Stadt habe ich schnell Freunde und andere KünstlerInnen kennengelernt. In einer Stadt wie Berlin mit einer riesigen Konkurrenz, hätte ich sicher nicht so schnell erfolgreich sein können.“ Es folgen mehrere Ausstellungen in der Stadt und viel Zuspruch, woran Alsaadi und seine Werke wachsen.

Doch dann kommt die Pandemie, geplante Veranstaltungen fallen aus und der Künstler muss umplanen. Alsaadi beginnt zunehmend zuhause zu zeichnen, beginnt sogar mit dem Arbeiten an einer Skulptur. 2020 frustriert ihn ebenso wie viele von uns, aber das Jahr birgt noch eine positive Meldung: „Als Chemnitz den Titel zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 gewonnen hat, war ich überrascht. Ich dachte, dass die Ereignisse im Jahr 2018 das Image der Stadt negativ geprägt hatten. Jetzt bin ich stolz mit vielen anderen KünstlerInnen einen kleinen Teil zu diesem Titel beigetragen zu haben. Nach sieben Jahren kann ich sagen: dies ist auch meine Stadt!“

Bei Interessen an den Werken können Sie den Künstler gern direkt kontaktieren, unter der E-Mail ahmedvegas43@gmail.com oder dem Instagram-Kanal c_vegas_mor.

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