Diebe des Lichts

In Zeitlupe weht die abgewetzte EU-Flagge hinter dem Stacheldraht eines Camps. Die Insassen sind Menschen, deren ersehnte Oase der Freiheit weit weg von diesem Ort scheint. Schnitt. Ein paar Szenen weiter und der Darsteller, der eben von einem kleinen Motorboot in Libyen aus startete, steht nun am Karl-Marx-Monument in Chemnitz.

Es waren einige Monate, die ihn ein paar Jahre altern ließen: „Niemals hätte ich Libyen verlassen, wenn sie nicht meine Familie wegen meiner Arbeit bedroht hätten!“, berichtet Ahmed Abdel Aziz Al Zarrouk Gaddafi, Regisseur und Darsteller seiner eigenen Flucht. Wie dieser neue Film ausgeht? Offen. Denn sein Asylverfahren läuft noch. Besser gesagt, es hat noch nicht einmal begonnen: „Seit Oktober bin ich in der Erstaufnahmeeinrichtung. Aber aufgrund von Corona hatte ich noch nicht einmal ein Interview. Dabei würde ich gern hier raus, denn es gibt öfter Schlägereien. Gerade die fehlende Perspektive in der Pandemie sorgt für Anspannung.“

In der Heimat hatte er bereits große Pläne, doch die Irrungen des Bürgerkries in Lybien machten diese zunichte. Foto: thieves of light media production

Hut, Anzug, Krawatte: Ahmed Gaddafis Erscheinung passt eher auf die Verleihung eines Filmpreises als ins Asylbewerberheim. „Mit den Security-Kräften albere ich etwas herum. Sie haben mir im Spaß den Spitznamen Michael Jackson gegeben und so begrüßen sie mich, wenn ich wieder ins Heim zurückkomme.“ Ein Mensch, der sich nichts von seiner Geschichte anmerken lässt. Jemand, der eigentlich nur Filme machen wollte. Ein Student, der 2018 in seiner Heimat mit Freunden eine eigene Medien-Produktionsfirma gründet, sie nennen sich die Diebe des Lichts.

Ahmed stammt aus Sirte, hier wird er 1998 geboren. Die Hafenstadt ist ein Knotenpunkt, sie liegt zwischen der Hauptstadt Tripolis und dem östlichen Bengasi, und nahe der Stadt liegen die größten Ölfelder Afrikas. Es ist die Heimatstadt des früheren Machthabers Muammar Al-Gaddafi. Jahrzehnte war das Land unter dem Herrscher geformt und stabilisiert. Mit seinem Tod im Jahr 2011 eskalierte der Krieg und staatliche Strukturen lösten sich auf: „Sirte ist seit Jahren umkämpft, die Stadt ist nahezu komplett zerstört. Der IS hatte unsere Stadt 2016 eingenommen. Als die Armee kam, waren wir zunächst froh. Wir hofften, dass jetzt die Grausamkeiten enden. Aber dann kamen andere islamistische Milizen – es wurde nicht viel besser.“

Doch die Heimatstadt bietet auch Bühne für ein Stück Hoffnung. Gerade nach all den Zerstörungen und dem tristen Kriegsalltag wollen Ahmed Gaddafi und sein Team aktiv positiv arbeiten. Ein altes Atrium, dass seit Jahren unbenutzt und völlig überwuchert von Gestrüpp ist, sollte für diesen Plan reaktiviert werden: „Ich hatte den großen Wunsch, dass eine kulturelle Revolution in der Stadt stattfindet. Die Leute sollten zurück in die Öffentlichkeit und nicht länger an Massaker oder Verbrechen denken, während sie in zerstörten Häusern sitzen. Sie sollten unsere Ideen, Hoffnungen und Erzählungen für die Zukunft des Landes, aus unseren Augen miterleben.“ Die Idee für ein Film- und Theaterfestival entsteht – das „Sirte Nights Festival“ soll während des nächsten Ramadans stattfinden.

Kurz nach dem der IS die Stadt verließ findet tatsächlich wieder Kultur in Sirte statt. Foto: Foto: thieves of light media production

Ahmed und Freunde von der Universität beginnen zu fegen, zu renovieren und zu beleben. Am Ende werden 17 Leute diesen Abend organisieren. Sie arbeiten an einer Medizin gegen Traumata einer Stadt, die endlich wieder Frieden sucht. „Es gab in den Jahren vor dem Krieg auch schon andere Veranstaltungen, die Filme zeigten. Aber das war eher für die Elite. Was wir gemacht haben, war das erste Filmfestival, das für alle in der Bevölkerung zugänglich war.“ Und so füllen sich langsam die Reihen, bis das halbrunde Amphitheater mehr Menschen als Sitzplätze zählt. Auch auf den Mauern sitzen junge Leute und wirken nach Jahren der Anspannung und des Leidens wieder gelöst. Das Ziel der „Thieves of Light“ scheint erreicht und Ahmed Gaddafi ist glücklich: „Ich sah in ihren Augen die Verachtung für Extremismus und Terror. Bei ihnen war nur Liebe zum Leben, zur Kunst und Kultur. Das Menschliche war zurück.“ Alle Generationen der Stadt friedlich und fröhlich beieinander, auf einer abendlichen Veranstaltung – der Geschmack von Normalität liegt in der Luft. Und dieser wird zum Atmen gebraucht: „Wir haben genug vom Krieg.“, sagt eine ältere Besucherin lächelnd.

Leider bleibt dieser ein gegenwärtiges Kapitel der Geschichte des Landes. Auch der junge Regisseur weiß dies. Er fordert eine Abkehr von einer militärischen Lösung: „Ich habe immer gesagt, dass der Terrorismus nicht mit Waffen, sondern durch Gedanken besiegt wird.“ Leider nutzt Pazifismus wenig, wenn Fundamentalisten das Sagen haben. Es sind Milizen, die das Festival als Bedrohung wahrnehmen: „Sie haben mich verhaftet. Ich möchte nicht darüber sprechen, was dort genau passiert ist. Aber zum Glück bin ich lebend nach einer Woche entlassen worden.“ Auf dem Foto nach der Entlassung trägt Ahmed Gaddafi das Lächeln eines Siegers, eines kämpfenden Überlebenden. In keinem Stück nimmt er die Rolle eines Opfers an.

Dokumentierung der Verhaftung des jungen Filmemachers in den sozialen Medien. Quelle: Twitter



Milizen bedrohen seine Familie, wegen seiner Arbeit. Leute, die mit scharfem Objektiv ihre Umgebung aufnehmen, sind nicht gern gesehen im Sirte dieser Zeit. Ahmed beschließt seine Heimat zu verlassen, um seine Liebsten zu schützen. „Wenn ich jetzt zurück nach Sirte gehe, würden sie mich direkt verhaften oder entführen, sobald ich nochmal Filme mache. Es würde als Verstoß gegen gemeinschaftliche Werte gelten oder wegen Einführung westlicher Kultur bestraft.“

Etwas, das eine Auszeichnung verdient hätte, endet im Verlust der Heimat. Der Filmemacher landet in Chemnitz. Was also haben die „Diebe des Lichts“ am Ende mit dieser Veranstaltung erreicht? Sie haben nicht den Bürgerkrieg in Libyen beendet. Aber Ahmed Gaddafi und sein Kollektiv haben ganz in ihrem Namen gehandelt: sie haben den Leuten einen Moment des Lichts geschaffen, gestohlen in einer dunklen Zeit. Auch wenn es nur kurz hell wurde, bleibt Ahmed Gaddafi optimistisch: „Eines Tages werde ich erfolgreich zurückkehren und viele Festivals veranstalten. Als Regisseur und Produzent werde ich an vielen Filmen arbeiten und bis zu diesem Zeitpunkt werde ich kämpfen.“

Videolinks:

Trailer zur Dokumentation seiner eigenen Flucht: https://www.youtube.com/watch?v=NIxbxMBOtto&t=1s

Sirte Night Festival: https://www.youtube.com/watch?v=M0k1m0XKX54

Endlich angekommen in der neuen Heimat, doch wie sein Asylverfahren ausgeht steht nocht nicht fest. Foto: Ahmed Abdel Aziz Al Zarrouk Gaddafi

Schreibe einen Kommentar