Klimabewegung zeigt Gesicht: Von Eltern, die für die Zukunft kämpfen

An einem heiter bis wolkigen Nachmittag im März, am Chemnitzer Friedenstag, treffe ich Uwe. Er ist Mitglied der Parents-for-future-Gruppe aus Chemnitz, die auch Kontakte in Augustusburg, Mittweida und Penig hat. Mein Plan: die Beweggründe des Engagements der Gruppe näher kennenzulernen und mit diesem Artikel den Auftakt zu einer Serie über Menschen der Chemnitzer Klimabewegung zu geben.

Bereits im Vorfeld des Treffens hatte ich zu den Parents-for-future einigen Kontakt. Anlass war der bevorstehende Klimastreik am 19.03.2021. In ausführlichen Mails erhielt ich umfassende Antworten auf meine Fragen zu Arbeit und Zielen der Gruppe von einer ganzen Reihe von „Parents“, unter anderem eben auch von Uwe, der seit seiner Jugend in Chemnitz lebt. Er schätzt die grüne Seite der Stadt Chemnitz und die, wie er sagt: „unglaublich positive Entwicklung seit der Deindustrialisierung nach der Wende.“

Diese Demonstration im Jahr 2019 war Anlass der Gründung des Kollektivs. Foto: Parents for future

Uwe ist gut informiert, er hat inzwischen viel Erfahrung mit dem Kraftakt des klimapolitischen Engagements. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist er offen für Ansichten und Erlebnisse junger Menschen. Er vergleicht den Beginn der Fridays-for-future-Demonstrationen mit dem Anfahren eines Zuges: „Wir wussten ja schon lange, dass die Klimakrise auf uns zukommt, aber wenn ich weitestgehend allein mit meinen Befürchtungen bin, stehe ich vor einem großen Berg, an dem ich nicht vorbei komme. Durch die Demonstrationen Anfang 2019 witterte ich Morgenluft, der Zug war ins Rollen gekommen.“

Aber  was genau sind die „Parents“ denn nun überhaupt? Uwe sagt dazu Folgendes: „Wir sind keine feste Organisation. Eher ein Zusammenschluss von Menschen auf Augenhöhe ohne Hierarchien, mit den gleichen Zielen. Es gibt weder Vorstand oder Vorsitzende noch feste Sprecher:innen.“ Deswegen ist es den Mitgliedern der lokalen Gruppe von Parents-for-future an sich wichtig, dass nicht nur eine einzelne Person dargestellt wird, jede:r hat eine Stimme und ein Gesicht.

Die Parents-for-future sind mit anderen Umweltorganisationen vernetzt, stehen im Kontakt zum Stadtrat, zur Verwaltung und sind aktiv an der Organisation der Fridays-for-future-Demonstrationen beteiligt. Seit sie sich im Mai 2019 gegründet haben, sind fast zwei Jahre vergangen. Im letzten Jahr erlitt die Klimabewegung in ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit durch die COVID-19-Pandemie einige Rückschläge.

Eine interne Auswertung der Wünsche aller Beteiligten wie die Wende in der Klimapolitik gelingen kann. Foto: Parents for future

Wohin richtet sich der Blick der Menschen, die hinter den „Parents“ stecken? „Mir ist es ein Anliegen, dass wir die Gesellschaft als Ganzes mitnehmen“, sagt Andreas, eine Zwönitzer Stimme der Vereinigung. „Die Menschen werden sich aber erst auf Veränderungen einlassen, wenn sie ihren eigenen Vorteil durch diese erkannt haben. Das braucht Aufklärung und Motivation. Verbote helfen – auf der individuellen Ebene – nicht, dass zeigt mir beispielsweise der teilweise laxe Umgang mit den Kontaktbeschränkungen in der aktuellen Pandemiesituation,“ fährt er fort. Stefan aus Chemnitz ist ein weiteres Mitglied und findet: „Es kommt darauf an, dass sich die großen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Hebel ändern müssen.“ Uwe ist es außerdem wichtig, regional auf die Klimaneutralität bis 2035 hinzuarbeiten. Dabei bereiten ihm allerdings besonders die Haushaltspläne de Stadt Chemnitz Sorgen, in denen die Klimakrise gar nicht einberechnet ist (Nachzulesen im Blog der Parents-for-future unter: https://parentsforfuture.de/de/node/3120 )

Es wird schnell klar, dass es der Gruppe in erster Linie um das Bewusstsein einer Verantwortung gegenüber jungen Menschen geht.  Heike, eine Mitstreiterin aus Penig, meint: „Wir möchten, dass es den nächsten Generationen auch gut geht. Dazu gehört natürlich eine lebenswerte Umwelt. Wir müssen die Fehler unserer und älterer Generationen korrigieren, um Schlimmeres zu verhindern und einen Wandel in die andere Richtung herbeizuführen.“ Und auch Sebastian aus Mittweida antwortet auf die Frage, was ihn antreibt: „Der Blick in die Augen meiner Kinder.“

Deswegen sucht die Vereinigung auch den stetigen Austausch mit jungen Leuten von Fridays-for-future: „Eine der schönsten Erfahrungen war für mich der Klimastammtisch im Lokomov in Chemnitz“, erinnert sich Uwe lächelnd, der selbst Vater eines Kindes ist.

So war auch der Schlüsselmoment in seinem Engagement der Austausch mit einer jungen Abiturientin, die keinen Sinn mehr darin sah, noch für ihre Prüfungen zu lernen: „Es ist manchmal sehr schwer für mich zu lernen, wenn die Welt so schrecklich ist. Und ich sitz jetzt hier, lern für mein Abi und frag mich eigentlich für was.“, erklärte sie ihm. (Im Blog zu lesen: https://parentsforfuture.de/de/node/2356 ) Sie gab ihm den Blick dafür, was die Konsequenzen der Klimakrise schon jetzt mit den jungen Leuten machen. 

Uwe im Gespräch mit dem Sächsischen Ministerpräsidenten Kretschmer. Foto: Parents for future

Im krassen Gegensatz dazu steht für ihn die Begegnung, die die Gruppe zur Schülerklimakonferenz im Februar 2020 mit dem Ministerpräsidenten machte. Als Michael Kretschmer eintraf, versuchte Uwe ihn an den Sorgen des jungen Mädchens teilhaben zu lassen. „Er warf mir vor, dass wir doch nur Panik verbreiten würden.“ Enttäuschend findet er auch die Vorwürfe von Kretschmer, dass die FFF-Bewegung zu laut sei. Wären die Jugendlichen nicht auf die Straße gegangen, wäre die Dringlichkeit der Klimakrise wahrscheinlich noch immer nicht im öffentlichen Diskurs.

Im letzten Jahr hatte die Klimabewegung wenige Chancen, um präsent aufzutreten. Großveranstaltungen wie Streiks waren meist nicht möglich, die Pandemie bestimmt auch das politische Geschehen. Was haben die „Parents“ also in den kommenden Wochen und Monaten vor? Zunächst stehen Aktionen zum globalen Klimastreik, am 19. März an. Demonstriert wird natürlich unter Einhaltung der Auflagen mit Maske und Abstand. Es wird keine Massenveranstaltungen geben, dafür viele kleine Einzelaktionen in der ganzen Stadt verteilt. An der Planung haben sich diesmal verschiedene Organisationen beteiligt, so zum Beispiel die Akademie Ehrenamt die Bürger:inneninitiative Holzkraftwerk und der Faire-Welt-Laden Chemnitz.

Unter Einhaltung der Auflagen wurde auch im Jahr 2020 für Gerechtigkeit beim Thema Klima- und Umweltschutz demosntriert. Foto: Parents for future

Die Vernetzung steht für das Kollektiv generell im Mittelpunkt. Diese ist auch notwendig, um zu erkennen, dass die Klimakrise im globalen Süden besonders wütet. Die immer größer werdende globale Schere zwischen Arm & Reich begünstigt die Ausbeutungsverhältnisse, die „Parents“ formulieren es folgendermaßen: „Die Klimakrise ist nur eine Facette der Ungerechtigkeit der Welt.“ Sebastian und Andreas wünschen sich deshalb ein breites Bewusstsein. Heike fordert daher ein intensives statt eines extensiven Lebens. Sie schließt mit einer einfachen und doch wahren Erkenntnis: „Weniger ist mehr!“

Wer sich den Parents-for-future anschließen will, wird herzlich willkommen geheißen – mit oder ohne Kindern – die einzige Voraussetzung: keinerlei menschenfeindliche Positionen.

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