„Ich wollte keine soziale Maske tragen“

Shima Mostoufi ist vor drei Jahren aus Ahvaz, im Iran nach Deutschland eingewandert. In Chemnitz hat die 37-Jährige ein neues Leben begonnen und arbeitet heute als Lehrerin. Seit kurzem ist sie sogar in einem preisgekrönten Kurzfilm zu sehen. Mit uns spricht sie über ihre Flucht und warum Migration auch nach der Ankunft eine Herausforderung bleibt.

Mittlerweile in Chemnitz angekommen, waren es zuvor anstrengende Jahre für die Lehrerin aus Ahvaz. Foto: Shima Mostoufi

Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Es war wirklich keine einfache Situation als ich beschloss, aus dem Iran auszuwandern. Nachdem ich in Deutschland angekommen war, habe ich Asyl beantragt. Zum Glück lief alles sehr gut für mich, das Asylverfahren ging schnell, und ich bekam in kurzer Zeit eine Aufenthaltsgenehmigung. Aber es war auf jeden Fall schwer, denn ich musste das Land illegal verlassen. Das war sehr stressig für mich. Stress, ob sie mich erwischen und ob ich mein Ziel erreichen werde. Ich hatte Glück, dass es in dieser Richtung keine besonderen Probleme für mich gab, aber all diese Sorgen haben mich sehr belastet.

Alle Menschen, die auswandern haben spezifische Gründe. Was war Ihre Motivation?

Als ich im Iran lebte, war ich Lehrerin in der in der Stadt Ahvaz. Ich unterrichtete etwa 12 Jahre im Bereich des architektonischen Zeichnens. Aber ich konnte mich der Ideologie im Iran nicht anpassen. Einfach ausgedrückt: Ich konnte keine Rolle spielen und mich nicht als religiöse Person in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Islamischen Republik präsentieren. Ich habe immer meine Opposition zum Regime offen erklärt. Ich bin zum Beispiel nicht mit anderen Kollegen zu den Gemeindegebeten gegangen, die im Iran zum Alltag gehören.

Das größte Problem war, dass ich nicht ich selbst sein konnte. Ich musste immer eine soziale Maske tragen. Eine Notwendigkeit für das Leben in einer diktatorischen Gesellschaft. Das war völlig konträr zu meiner Moral. Meine KollegInnen beleidigten mich mehrmals und drohten mir, dass ich entlassen werde, wenn ich nicht schweige. Zumal meine Familie voll mit Aktivisten war, die überhaupt nicht an Religion glaubten.

All das passte nicht zu mir, denn ich wollte frei leben. Ich wollte ich selbst sein. Das ist im Iran nicht möglich, deshalb bin ich ausgewandert. Vor mir waren schon mein Vater und mein Bruder ausgewandert. Ich habe alles aufgeben, was ich hatte: meinen Job, mein Haus, meine Familie und Freunde – 33 Jahre Leben – um woanders ganz neu anzufangen.

Glauben Sie, dass es möglich ist, eines Tages in den Iran zurückzukehren?

Das glaube ich nicht. Wenn sich eines Tages das Regime im Iran ändert und die Freiheit in den Iran zurückkehrt, würde ich gerne in mein Land reisen. Aber im Moment ist das für mich als Flüchtling nicht möglich.

Migration ist keine einfache Angelegenheit und dieser Weg ist von Anfang bis Ende voller Risiken. Viele Probleme beginnen sogar nach dem Erreichen des Zielortes. Was ist Ihrer Meinung nach, der schwierigste Teil?

Genau dieses Gefühl, dass ich nicht 37 Jahre alt bin, sondern dass ich vor drei Jahren geboren wurde. Aber meine Eltern sind nicht mehr da, um mich zu unterstützen. Wie eine Dreijährige, die lernt, allein zu gehen und auf eigenen Füßen zu stehen. Migration ist Wiedergeburt. Die Sprache und die Regeln der Kultur dieser Gemeinschaft – alles musste ich neu lernen. Das heißt, wieder bei null anzufangen. Allerdings muss ich erwähnen, dass ich zum Glück die Unterstützung der netten Familie meines Bruders und seiner Frau hatte.

Warum haben Sie Deutschland als Endziel gewählt? Und wollen Sie hier bleiben oder in ein anderes Land ziehen?

Der Hauptgrund, warum ich Deutschland als Einwanderungsland gewählt habe, ist, dass mein Bruder hier lebt. Nachdem ich eine schwierige Sprache wie Deutsch gelernt habe, wäre es nicht logisch in ein anderes Land zu ziehen. Ich wollte in meinem Leben schon immer reisen und verschiedene Länder sehen, aber ich hätte nie gedacht, dass ich einmal auswandern muss.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie in Deutschland angekommen sind?

Bevor ich nach Deutschland eingewandert bin, bin ich in andere Länder gereist. Ich habe mir Deutschland immer als ein Land vorgestellt, in dem Technik an erster Stelle steht. Ich hatte ein seltsames Gefühl, als ich in Berlin ankam. Da ich mich mit Architektur auskenne, sind die Form und der Baustil von Gebäuden sehr wichtig für mich. Die Einfachheit der Architektur sozialistischer Gebäude gaben mir ein seltsames Gefühl.

Entgegen der allgemeinen Meinung war alles einfacher, als ich es mir in Deutschland vorgestellt hatte. Denn hinter dieser Einfachheit war das Gefühl von Frieden und Sicherheit deutlich spürbar. Ein gesundes Sozialsystem ohne Wohlstandsgefälle ist das wichtigste Merkmal dieses Landes.

Wie sind Sie mit der deutschen Sprache zurechtgekommen?

Als ich in Deutschland ankam, ging ich zum Haus meines Bruders. Da die Frau meines Bruders Deutsche ist und beide deutsch sprechen, war das schon nützlich für mich. Nach einer Weile begann der Sprachunterricht, und ich bildete mich ernsthafter weiter. Kontakt zu haben ist wichtig, um Deutsch zu lernen.

Haben Sie in Deutschland negative Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Leider ja. Nachdem mein Diplom anerkannt wurde, begann ich an einer Schule für Erwachsene zu unterrichten und wurde dort zum ersten Mal als Immigrantin beschimpft. Sie sagten: “Warum sollten Sie K***** uns unterrichten?” Diese Beleidigung schockierte mich so sehr, dass ich diesen Job aufgeben habe, obwohl die Schule sehr gut war und ich sie sehr mochte. Aber ich musste den Vertrag kündigen, weil es meine Seele so sehr verletzte. Ein anderes bitteres Erlebnis hatte ich auf dem Bahnhof: Jemand stürmte auf mich zu und beleidigte mich mehrmals, was mir große Angst machte.

Gab es auch gute Erlebnisse?

Zum Glück erlebte ich viele gute und angenehme Erlebnisse in dieser Zeit, wie z.B. die Bekanntschaft mit meinem Partner im Sportverein. Oder als ich in meine neue Wohnung zog, begrüßte mich eine nette alte Dame und ihr Mann mit einem Blumenstrauß.

Fühlen Sie sich aktuell zufrieden und entspannt nach den vielen Herausforderungen der Immigration?

Ja, obwohl ich hier ein viel einfacheres Leben habe als im Iran. Ich fühle mich zufrieden und entspannt, weil ich hier ohne soziale Maske lebe. Weil ich frei lebe. Allerdings bin ich nicht völlig glücklich. Bittere Ereignisse, die in meinem Land passieren, wirken sich negativ auf meine Stimmung aus. Mein Glücksgefühl nimmt hier ab, wenn ich schreckliche Nachrichten über mein Land und meine Landsleute mitbekomme.

Auch als Schauspielerin hat sich Shima Mostoufi bereits erfolgreich erprobt und spielte im Kurzfilm “Die Tüte” mit. Quelle: Film “Die Tüte” von Samira Navida, 08/2020 Mediaschool Bayern

Was machen Sie im Moment?

Zurzeit unterrichte ich in einer Grundschule. Damit habe ich wieder angefangen, da das Unterrichten mein Lieblingsjob ist. Ich denke, dass ich aufgrund der bitteren Erfahrung, die ich gemacht habe, eine Zeit lang nicht in der Lage sein werde, Erwachsene zu unterrichten.

Ich spiele auch in einem Kurzfilm mit. Es ist ein Dokumentarfilm über die Umwelt, der zu mehreren Festivals auf der ganzen Welt geschickt wurde. Bis jetzt haben wir positive Reaktionen aus drei Ländern erhalten, aus Schweden, Großbritannien und Berlin. Wir haben das Halbfinale des schwedischen Festivals erreicht und wir warten auch auf positive Reaktionen von anderen Festivals.

Welche Rolle spielten Sie in dem Film?

Der Film dreht sich um verschiedene Themen, die mit dem Coronavirus zusammenhängen. Es geht einerseits um die Umwelt und andererseits um ein Paar, das während des Lockdowns zuhause bleiben muss und sich immer mehr voneinander entfernt. Ich spielte dabei die Rolle einer Frau, die mit einem deutschen Mann verheiratet ist und sich nach der Enge und den Problemen in Lockdown scheiden lassen möchte.

Wir danken Ihnen für das Interview und wünschen für Ihren weiteren Weg alles Gute!

Anmerkung d. Redaktion: Der Film „die Tüte/the Bag“ von Samira Navidi gewann beim Berlin Independent Film Festival den Audience Award for Best Short Film.

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