Mein Leben in zwei Welten

Ich wurde in Nigeria geboren und lebte dort 27 Jahre. In dieser Zeit glaubte ich, dass mein Heimatland alle Facetten des Lebens aufzeigt. Denn in Nigeria leben über zweihundert Millionen Menschen. Trotz vieler Ethnien gibt es drei große Gruppen: die Hausa, Igbo und Yoruba. Alle anderen Gruppen werden als Minderheiten diskriminiert. Auch in meiner Heimat Edo-State: Das ist meine Geschichte.

Der Autor lebt heute mit seiner Familie in Chemnitz, ist berufstätig und hat dennoch Bauchschmerzen, wenn er an den Zustand seines Heimatlandes denkt. Foto: instagram.com/captain.notorio

Ein kurzer Blick zurück

Als ein nigerianisches Kind musste ich ab einem Alter von fünf Jahren gleichzeitig zur Schule gehen und auf der Straße für meine Mutter Lebensmittel verkaufen, die sie herstellte. Ihr gehörte eine große Farm, die von der Familie und auch von uns Kindern bewirtschaftet wurde. Mein Vater besaß eine Möbelfabrik, in der ich regelmäßig arbeitete. Die Schule musste ich manchmal für ein bis zwei Wochen unterbrechen, wenn ich in der Fabrik gebraucht wurde. Zu Unterbrechungen des Schulbesuchs kam es auch, wenn unsere Eltern das Schulgeld nicht bezahlen konnten und wir dann bis zur Zahlung nicht am Unterricht teilnehmen durften. Mein Vater hatte zur damaligen Zeit fünf Ehefrauen, heute sind es drei. Wir waren 21 Kinder und ich habe sieben Geschwister, die von meiner Mutter stammen. Natürlich hatte mein Vater seine Lieblingskinder, die Geschenke erhalten haben, weil die anderen entweder nicht so erfolgreich in der Schule waren oder es Streit mit der jeweiligen Mutter gab. Mein Vater schickte uns auf Privatschulen, da diese die einzige Möglichkeit waren, eine gute Bildung zu erhalten.

Da es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt und somit auch keine Schulbusse, müssen die meisten Kinder zu Fuß zur Schule gehen oder sich eine Mitfahrgelegenheit auf einem Motorrad kaufen. Da es keine befestigten Straßen oder Fußwege gibt und keine Helmpflicht herrscht, sind beide Optionen mit vielen Gefahren verbunden. Die öffentlichen Schulen haben einen schlechten Ruf, da das Lehrpersonal den Lehrauftrag nicht ernst nimmt und nur am Zahltag überhaupt in der Schule gesehen wird. Die Regierung, die eigentlich für die Bildung verantwortlich ist, kümmert sich aber kaum um tägliche Todesfälle, Geiselnahmen oder Kidnapping. Kinder, die auf eine öffentliche Schule gehen, können keinerlei Komfort erwarten, nur Wände gehören zur Grundausstattung. Die Lernenden müssen eigene Tische, Stühle und Materialien mitbringen. Es gibt keine Türen, keine Fenster und manchmal auch keine Dächer. Dort fällt Unterricht aus, wenn es regnet.

Nachdem ich die weiterführende Schule abgeschlossen hatte, war ich ein Nachhilfelehrer für alle Kursbreiche, bevor ich an der Universität angenommenen wurde. An der Universität angenommen zu werden ist ein großer Schritt und gleichzeitig geht diese Lebensphase mit der Zukunftsangst einher, die alle jungen Menschen in Nigeria durchleben müssen. Es gibt keine wirklichen Zukunftsaussichten für Absolvierende mit guter Ausbildung. Menschen, die eine jahrelange Ausbildung absolviert haben, finden keine adäquaten Arbeitsplätze, was diese dazu zwingt, sich in anderen Sektoren Arbeit zu suchen. So erlernen viele von ihnen ein Handwerk, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Für die Menschen, die keine höhere Bildung genossen haben und deren einzige Chance ein handwerklicher Beruf war, ist diese Überlagerung sehr schwer auszugleichen, da sie keine Ausweichmöglichkeiten haben. Sie wenden sich anderen Geldbeschaffungsmaßnahmen zu und damit oft der Kriminalität. Raub, Geiselnahme, Erpressung und Tötung sind somit ein fester Bestandteil ihres Lebens.

SchülerInnen mussten zu Schulzeiten des Autors noch eigene Tische mitbringen, um Unterricht zu bekommen. Doch auch heute ist dessen Schule in einem maroden Zustand. Foto: Aimionowane Moses Omobude

Die Regierung weiß um dieses Problem und bringt den ärmeren Teil der Bevölkerung dazu, sich terroristischen Gruppierungen anzuschließen. Mit dieser gezielten Manipulation soll erreicht werden, dass die Menschen Angst haben und Geld ausgeben, um die Bekämpfung dieser Terrorgruppen zu finanzieren. Das Geld fließt somit direkt an die Regierung, der Terror endet damit allerdings nie. Seit vier Jahren lebe ich nun in Deutschland und im Dezember 2020 bin nach Nigeria gereist.

Rückkehr in die Heimat

Am 22. Dezember letzten Jahres reiste ich nach Nigeria und wollte am 29. Januar 2021 zurück nach Deutschland reisen. Ich habe meinen Jahresurlaub aufgespart, damit ich das Weihnachtsfest und andere Familienfeste mit meiner Familie in Nigeria verbringen kann. Während der vier Jahre in Deutschland habe ich auch hier eine Familie gegründet, geheiratet und einen unbefristeten Vollzeitjob angenommen. Das Leben in Deutschland gefällt mir sehr gut und ich konnte mir mein Leben in Nigeria gar nicht mehr vorstellen. Meine guten Erfahrungen hier in Deutschland haben sich mit dem Eindruck überschnitten, den ich durch Social Media und Internetartikel über Nigeria bekommen hatte.

Doch schon als ich am Flughafen in Lagos angekommen war, merkte ich, dass ich mich geirrt hatte. Die Hoffnungen, die ich in die Entwicklung meines Herkunftslandes gesetzt hatte, haben sich nicht erfüllt. Die Mitarbeitenden der Polizei, Immigrationsbehörde und anderen Bereichen des Flughafens baten mich um Geld, obwohl sie einen Arbeitsplatz hatten. Seit meiner Ausreise 2016 hatte sich also nichts geändert. Freunde rieten mir einen polizeilichen Personenschützer zu organisieren, der für meine Sicherheit auf der Fahrt sorgen sollte. Mein Ziel war meine Geburtsregion Edo-State, ein Bundesstaat im Süden des Landes, in dem ungefähr 3,2 Millionen Menschen leben. Auf dem Weg von Lagos nach Edo-State merkte ich, dass mir das Autofahren schwerfiel. Es gibt keine nennenswerten Verkehrsregeln, kaum ausgebaute Straßen und so viele so große Schlaglöcher, dass flüssiges Fahren nicht möglich ist. Ich fuhr mehr als 300 km und es gab weder Straßenbezeichnungen noch Verkehrsschilder. An den über 20 Kontrollstationen der Polizei, die ich passierte, wurde ich zunächst nicht nach Fahrzeugpapieren oder Führerschein gefragt, sondern wonach ich gefragt wurde, war Geld. Erst nachdem ich die Zahlungen verneint hatte, wurden meine Papiere gefordert. Als Zollbeamte bemerkten, dass ich einen Polizisten bei mir hatte, fragten sie meine Begleitung vorwurfsvoll, wie sie denn bitte Geld von den Fahrenden fordern könnten, wenn diese einen eigenen Personenschützer hätten. Da wurde mir bewusst, dass die Regierung genau weiß, was die Polizei auf offener Straße macht und sie dieses Verhalten nicht verhindert.

Korruption der Behörden in Edo-State

Als ich nach langer Fahrt in Edo-State ankam, wurde mir geraten, einen weiteren Polizisten einzustellen. Die Vorsichtsmaßnahmen, die ich nur für die Fahrt auf den unsicheren Straßen für notwendig gehalten hatte, waren also auch innerhalb der Städte und Dörfer notwendig geworden. Ich konnte mich in meiner eigenen Heimat nicht mehr sicher fühlen. Ich hörte gleich am ersten Tag meines Aufenthaltes von vier Personen, die wie ich aus Europa zurückgekehrt waren, um ihre Familien zu besuchen. Drei von ihnen waren gekidnappt und einer sogar getötet worden. In dem Stadt, in dem meine Eltern leben, war die Straße Benin-Auchi Express Road aufgrund eines Angriffs der Fulani-Herdsmen gesperrt. Dies ist eine neu gebildete Gruppe von Menschen, deren Arbeitsplätze weggebrochen sind. Sie arbeiten vornehmlich in der Landwirtschaft, wo sie Tiere und Herden hüten, versorgen und die tierischen Produkte verkaufen. Viele der Fulani sprechen keine der weiterverbreiteten Mittlersprachen, die es in Nigeria aufgrund der vielen verschiedenen Dialekte und Sprachen gibt. Viele von ihnen können sich keinen Schulbesuch leisten und nur untereinander kommunizieren. In dieser Region häufen sich die Angriffe der Fulani auf Reisende oder Einheimische, die auf den Straßen unterwegs sind.

In meiner Heimatstadt Ekpoma angekommen, konnte ich auch endlich meine Eltern besuchen. Es war ein Überraschungsbesuch, da ich aus Sicherheitsgründen nur sehr wenigen Menschen von meiner Reise erzählt habe. Je mehr Personen von meiner Ankunft erfahren würden, umso größer war die Chance, dass es Angriffe auf mich und meine Familie geben kann. Das führte auch dazu, dass ich nur drei Tage in Ekpoma geblieben bin. In dieser Zeit besuchte ich sowohl meine alten Schulen als auch meine Universität. Aufgrund der Covid-19-Pandemie waren diese geschlossen, aber ich konnte durch die Zäune sehen. Der Zustand der Gebäude war schlimmer als zu meiner Schul- und Studienzeit. Auch die Krankenhäuser, die ich besuchte, waren vom Verfall gezeichnet. Hier war über einen großen Zeitraum kein Geld investiert worden. Die Privathäuser der LokalpolitikerInnen waren nicht nur fünfmal so groß wie ein Krankenhaus, sondern auch besser gebaut, umzäunt und mit großen Fuhrparks ausgestattet.

In Edo-State versagen staatliche Behörden in den Bereichen Bildung, Versorgung, Infrastruktur und – wie hier sichtbar – auch bei der Müllentsorgung, sodass vielerorts Chaos herrscht. Foto: Aimionowane Moses Omobude

Sicherheitslage gefährdet meine Pläne

Als ich nach zwei Tagen meine Eltern wieder besuchte, waren diese wütend darüber, dass ich immer noch da war. Sie machten sehr deutlich, dass sie sich Sorgen um meine Sicherheit machten und baten mich, so schnell wie möglich wieder zurück nach Deutschland zu meiner Familie zu gehen, bevor mir etwas passiert. Vor der Tür des kleinen Lokalflughafen unserer Region Benin gab es zwar einen kleinen Desinfektionsmittelspender, allerdings im ganzen Gebäude weder Wasser noch Seife. Als ich diese Umstände mit der Kamera meines Smartphones dokumentieren wollte, kamen Polizeibeamte auf mich zu, die mir verboten Fotos oder Videos der sanitären Anlagen aufzunehmen. Ich musste alles löschen.

Während meines gesamten Aufenthaltes kam es oft zu Stromausfällen. Also nutzten wir Generatoren, um zumindest die nötigsten Dinge erledigen zu können. Als ich am Ende meines Aufenthaltes bei einem Freund übernachtete, hatten wir zwei Tage lang keinen Strom. Am zweiten Tag wurde die gesamte Umgebung komplett vom Stromnetz getrennt. Die gesamte Nachbarschaft musste auf benzin- oder dieselbetriebene Generatoren zurückgreifen, was nicht nur gefährlich, sondern auch ohrenbetäubend laut war und gerade zur Nachtzeit eine echte Zerreißprobe darstellte.

Abbruch der Reise

Insgesamt verbrachte ich von meinen geplanten 39 Tagen nur neun in Nigeria. Am 02. Januar 2021 kam ich nach Deutschland zurück. Seitdem verschlimmert sich die Lage von Tag zu Tag. Freunde und Familienmitglieder erzählen mir ihre Geschichten. Ich habe damit begonnen, Social Media Posts und Videos zu veröffentlichen, um die Jugend in Nigeria wachzurütteln. Sie sind die Hoffnung für das Land. Die älteren Menschen haben sich mit der Situation abgefunden oder keine Kraft mehr, etwas zu verändern. Meine Erlebnisse sind nur ein kleiner Teil von dem, was die Menschen jeden Tag erleben. Diese Beispiele sollen verdeutlichen, in welcher Situation sich das Land befindet. Es ist die Spitze der Eisbergs und nur ein Ausschnitt der vielen Verfehlungen, die das Land seit Jahren prägen.

Während der Kolonialzeit wurde die Bevölkerung Nigerias ausgebeutet und als Arbeitssklaven nach Europa gebracht. Und auch heute noch fahren Schiffe nach Europa. An Bord sind Menschen, die in ihrem Heimatland keine Zukunft sehen. Menschen, die alles aufgeben und sogar bereit sind, nur für die Hoffnung auf ein besseres Leben zu sterben. Menschen, die ihre Heimat und alles, was sie kennen aufgeben, weil es dort nichts mehr für sie gibt und sich niemand um sie kümmert. Das Bild von Europa ist geprägt durch das Versprechen auf Sicherheit, Verlässlichkeit, Selbstbestimmung, Chancengleichheit, auf eine Zukunft. Dass dies ein falsches Bild ist, merken viele erst dann, wenn sie ihr Leben aufs Spiel und alles auf eine Karte gesetzt haben. Erst, wenn sie in Europa ankommen und ihnen nichts von ihren Hoffnungen bleibt. Wenn man heute eine 18-jährigen Schulabsolventin vor die Wahl stellen würde, ob sie für eine Million Dollar in ihrem eigenen Land bleibt und an einer Universität studieren darf oder ohne jede weitere Hilfe ein Visum für ein europäisches Land erhält, würde die Wahl binnen Sekunden auf Europa fallen. Denn was kann man schon mit einer Million Dollar in einem Land erreichen, dass nichts mehr zu bieten hat?

Eine ernüchternde Erfahrung über die fehlende Sicherheit in Nigeria zwingt den Autor zu einer frühen Abreise. Wohin der Weg für die Menschen im Land geht, bleibt unklar. Foto: Aimionowane Moses Omobude

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